Er legt an, zielt, drückt ab. Popp. Knapp vorbei. Er habe noch ganz andere Pfeile im Köcher, sagt der Mann im Scharlachfrack, senkt die Windbüchse, schwenkt den Dreieckshut und verneigt sich vor der Gastgeberin. Sie errötet, nimmt ihr Gewehr, steckt einen gefiederten Bolzen in den Lauf. Volltreffer. Genau in den nackten Hintern, der in der Mitte der Scheibe prangt. Die Gesellschaft im Tanzmeistersaal johlt. Die knapp 30-jährige Maria Anna Mozart tritt zur Seite, jetzt ist ihr Bruder dran. Kleinwüchsig, blass, sehr quirlig, fünf Jahre jünger. Er verfehlt den Hintern um 20 Zentimeter, wendet sich jäh zur Fensterseite des Saals, durch die endlich mal wieder die Sonne scheint, und ruft: "O Wetter! O worden! O schön!"

Etwa so darf man sich das Bölzelschießen in Salzburg im September 1780 vorstellen, bei dem Emanuel Schikaneder, der Gast im Frack, und Wolfgang Amadeus Mozart schon mal ein gemeinsames Ziel anvisieren. Die Scheiben können gar nicht anzüglich genug bemalt sein beim Lieblingssport der Mozarts. Um 36 Kreuzer wird geschossen, so viel kostet auch das beste Billett im Theater gegenüber, wo Schikaneders Wandertruppe den Winter über spielen wird. Singspiele und Schwänke mit Titeln wie Der lustige Schuster und Der Esel als Deserteur, aber auch Shakespeares Hamlet, wobei sich der Direktor für keinen Helden zu klein, für keinen Hanswurst zu fein ist.

Der 29-jährige Schikaneder mag die Mozarts, und sie mögen ihn. Bei ihnen trifft sich ein Querschnitt seines Salzburger Publikums, von der Kaufmannstochter bis zum fürstbischöflichen Hauslehrer. Natürlich weiß Schikaneder, dass der junge Hoforganist Wolfgang Amadeus, als Kind schon berühmt, jetzt sogar einen Opernauftrag für den Münchner Hof hat. Trotzdem schenkt er der Familie nicht nur aus taktischen Gründen Dauerfreikarten für die ganze Saison. Er fühlt sich verstanden. Die Mozarts haben mehr von der Welt gesehen als er, und zugleich sind sie erstaunlich bodenständig. Es macht hier gar nichts, dass er von ganz unten kommt.

Videolesung - Eva Gesine Baur liest aus "Emanuel Schikaneder. Der Mann für Mozart"

Goethe hat er im Repertoire, aber auch Schwänke mit Bären und Affen

Am 1. September 1751 wird Johann Joseph Schikaneder als drittes Kind zweier Tagelöhner im bayerischen Straubing geboren, am 21. September 1812 stirbt er in Wien. Dass wir noch von ihm wissen, dass Forscher, Dichter, Biografen, Filmemacher sich mit ihm befassten, verdankt sich einem Ereignis, zu dem Mozart 1791 in sein "Verzeichnüß" notiert: "die Zauberflöte. – aufgeführt den 30:t September – eine Teutsche Oper in 2 Aufzügen. von Eman. Schickaneder."

Bis dahin ist es ein weiter Weg von den Herbsttagen anno 1780, doch begonnen hat er schon viel früher. Wer wissen will, warum die Zauberflöte sogar Leuten ein Begriff ist, denen Opern , auch solche von Mozart, sonst herzlich egal sind, trifft in Schikaneder einen, der auf seinem Weg nach oben mit jeder Art von Publikum klarkommen musste.

Zwei Jahre alt, verliert er den Vater, die Mutter handelt mit Devotionalien in einer Bude am Regensburger Dom. Zwar haben die Jesuiten den aufgeweckten Jungen und seinen älteren Bruder als Stipendiaten ins Gymnasium aufgenommen, wo er neben ein paar Brocken Latein das Geigenspiel und das Notenschreiben lernt, aber eine akademische Laufbahn ist illusorisch. Als "Lyrant" zieht er los, mit zwei anderen Wandermusikern, und lernt, wohl kaum zum ersten Mal, den Hochmut der "besseren" Leute kennen, gegen den er sich wehrt: "Ich habe eben vielleicht so gut studiert wie Sie, nur dass ich arm war und Sie vielleicht ein reicher Dummkopf!" So steht es in seinem Stück Die Lyranten oder das lustige Elend, einem seiner erfolgreichsten.

1773 nimmt eine wandernde Schauspielertruppe den auffallend attraktiven, vielfach begabten 22-Jährigen auf. Es ist eine Zeit, in der manche Pfarrer Schauspielern noch die Sterbesakramente und ihrem Publikum die Absolution verweigern, in der Bauern mit Mistgabeln über die Wandertruppen herfallen und der Spruch "Hängt die Wäsche weg, die Komödianten kommen" noch ernst gemeint ist. Zugleich etablieren Charakterdarsteller wie Konrad Ekhof und sein Schüler August Wilhelm Iffland eine Schauspielkunst, von der auch Friedrich Schiller profitiert an einem der neuen Nationaltheater, die sich zwischen Hoftheater und Wanderbühnen an die bürgerliche Mitte wenden.

"Ich schreibe fürs Vergnügen des Publikums, gebe mich für keinen Gelehrten aus"

Johann Joseph Schikaneder, der sich jetzt den nobleren Namen Emanuel gegeben hat, zieht es ebenfalls zum bürgerlichen Publikum. Aber als er mit der Theatertruppe von August Schopf und Theresia Schimann 1776 nach Augsburg kommt, stellt er fest, dass auch die Gebildeten es gern etwas gröber haben. Nicht Goethes Clavigo oder Lessings Emilia Galotti sind gut besucht, sondern Militärspektakel wie Der Graf von Walltron, zu dem 44 Mann der Stadtgarde aufmarschieren. Schikaneder merkt sich das und setzt das Stück später als gigantisches Freiluft-Event in Szene, mit Pferden und Kanonen und einem zweispännigen Reisewagen, aus dem als Gräfin Walltron Eleonore Schikaneder steigt, geborene Arth.

Schikaneder hat die gleichaltrige Kollegin in Augsburg geheiratet und wird ihr noch viel verdanken – nur nicht die beiden Kinder, deren Vater er 1779 wird. Die Mutter des Jungen ist die Schauspielerin Maria Anna Miller, die des Mädchens eine Augsburger Bürgerstochter. Grund genug, die Stadt zu verlassen, in der er es mittlerweile zum Chef einer Wandertruppe gebracht hat, verantwortlich für 32 Mitarbeiter – und für weiteren Nachwuchs. Ein Jahr später bringt seine verheiratete Kollegin Juliana Moll einen Jungen zur Welt, für den Schikaneder und seine Ehefrau als Taufpaten auftreten. "Erst einen kleinen Papageno! Dann eine kleine Papagena! Dann wieder einen Papageno...", wird Schikaneder später ein fertilitätsberauschtes Paar singen lassen, für dessen männlichen Part er in mehrfacher Hinsicht Modell steht.

Als er 1780 nach Salzburg kommt, hat der vielseitige Mann mit seiner Truppe schon Ulm, Stuttgart, Nürnberg, Laibach, Klagenfurt und Linz bespielt und dabei auch Pleiten und Skandale souverän gemeistert. Als Gastsolist hat er am Hoftheater in München in der Rolle des Hamlet Sensation gemacht. Shakespeare gehört zu seinem Repertoire ebenso wie Lessing und Goethe, kleine Opern und Singspiele und simple Rührstücke, und seinen Lyranten sind weitere Stücke aus eigener Feder gefolgt, etwa Das Regenspurger Schif, auf dem es Bären und Affen, Blitz und Donner gibt.

"Wie gehts dem schickaneder?", fragt Mozart im Januar 1781, mittlerweile in München, wo er während der Arbeit am Idomeneo sogar noch eine Arie für das Theater des neuen Freundes komponiert hat. Dann erwähnt er ihn in seinen Briefen zehn Jahre lang nicht mehr. Zehn Jahre, in denen er das Hochplateau seiner Kunst erreicht, in nahezu allen Genres Musikgeschichte schreibt und mit dem kongenialen Librettisten Lorenzo da Ponte die Oper neu erfindet. Freilich muss er derweil auch den bayerischen Theatermann wieder getroffen haben, der sich in Wien einen Namen macht – mit einem Umweg über Pressburg, wo der durchreisende Kaiser Joseph II. die Truppe erlebt und so begeistert ist, dass er ihren Chef 1784 als Intendanten nach Wien ans Kärntnertortheater bittet.

Dort eröffnet Schikaneder die Saison mit Mozarts beliebter Entführung aus dem Serail und plant für den Februar 1785 einen weitaus heißeren Stoff: Er lässt Beaumarchais’ Komödie Folle Journée ou le Mariage de Figaro übersetzen. Doch die österreichische Erstaufführung des politisch brisanten Stückes wird am Premierentag verboten – was wiederum Mozart auf die Idee bringt, da Ponte zu bitten, den Stoff in ein Libretto umzuarbeiten. Die Aufklärung tritt damals in ihre revolutionäre Phase; zugleich blüht das standesübergreifende Freimaurertum. Mozart wird 1784 Mitglied der Loge "Zur Wohltätigkeit in Wien", Schikaneder tritt vier Jahre später in "Die Wachsende zu den drei Schlüsseln" in Regensburg ein, seiner letzten Station vor dem endgültigen Triumph in Wien.

Seine Frau Eleonore beschreitet unterdessen eigene Wege. Der rastlosen Untreue des Gatten müde, hat sie sich Johann Friedel zugewandt, einem jüngeren Ensemblekollegen, und leitet mit ihm die Truppe. 1788 übernehmen die beiden in Wien eine der erstaunlichsten Bühnen der Zeit, integriert in einen höchst fortschrittlichen Wohnkomplex. Im "Freihaus" vor der Stadt (am jetzigen Naschmarkt) gruppieren sich 225 Wohnungen um Höfe und Gärten. Vom Wirtshaus bis zur Schule, vom Apotheker bis zum Sargtischler gibt es hier alles. Die Theaterleute leben inmitten ihres Publikums.

Trotzdem agiert der Pächter Friedel glücklos – und stirbt schon ein Jahr später. Seiner Co-Direktorin vermacht er das Theater, und sie tut sich umgehend wieder mit ihrem Ehemann zusammen. Von jetzt an geht es steil aufwärts. "Ich schreibe fürs Vergnügen des Publikums, gebe mich für keinen Gelehrten aus", bekennt Schikaneder, "ich bin Schauspieler – bin Direkteur – und arbeite für meine Kaße."

Nun schreibt er auch für die eigene Bühne, und Der dumme Gärtner mit dem Chef in der Hauptrolle wird Stadtgespräch. Singend, sprechend, improvisierend bedient er die Wiener Liebe zu "Kasperliaden" und gibt einen Vorgeschmack auf den Papageno: "Ein Weib ist das herrlichste Ding auf der Welt..." (zu der Melodie komponiert Mozart seine Variationen KV 613). Auch stehen dem dummen Gärtner zwei Damen zur Seite, die mit ihm in der Zauberflöte singen werden: Barbara Gerl, die spätere Papagena, und Josepha Hofer, Mozarts Schwägerin, spätere Königin der Nacht.

Es sind zwei Profis, die wissen, was in der Luft liegt, in Mode wie Politik

Hofers Vertrag mit Schikaneder ist einer der wenigen erhaltenen Theaterverträge der Zeit und zeigt, dass der Intendant nicht nur auf angemessene Probenzeiten und Gagen achtet, sondern auch auf den guten Ruf. Er verlangt "gute häußliche Aufführung", "Vermeidung des Schuldenmachens" und der "Kabale" sowie "aller Unordnung, alles Zankes, Raufereyen, Schlägereyen, Nachtschwärmens, Rollen-Neides, und Rollen-Streites". Der "Don Juan von der Wieden", wie ihn seine Frau – mittlerweile wohl in eher amüsierter Resignation – nennt, ist auch ein solider Hausvater, der mit Geld umgehen kann. Ein verlässlicher Partner für einen, der sehr gut weiß, was er wert ist: Wolfgang Amadeus Mozart.

Es sind zwei Profis, die sich da 1791 zusammensetzen, die wissen, was in der Luft liegt, in Mode wie Politik. "Seht mich nur an, ich bin ein Mensch wie ihr", sagt in Paul Wranitzkys Oper Oberon nach Wielands Versepos der Naturbursche Scherasmin zum Ritter Hüon – ein Werk, das Schikaneder im Freihaus aufgeführt hat und das Mozart spätestens 1790 in Frankfurt sieht. "Wer ich bin?", antwortet Papageno dem Prinzen Tamino: "Dumme Frage! Ein Mensch wie du!"

Bei den Freimaurern kreuzen sich demokratische Tendenzen mit esoterischen Strömungen. Viele Aufklärer ergeben sich der Magie. "Das Ende des 18. Jahrhunderts ist gekennzeichnet durch einen geradezu unbegreiflichen Charakter der Vorliebe für das Wunderbare", beschrieb Mozarts Zeitgenossin Henriette von Oberkirch die Zeitstimmung.

Diese Vorliebe für das Wunderbare beherrscht auch August Jacob Liebeskinds Märchenerzählung Lulu oder Die Zauberflöte, 1778 von Wieland herausgegeben, auf die Schikaneder im ersten Akt zurückgreift. Im Sarastro klingt zudem der Name des italienischen Alchimisten Cagliostro an, der die Zeitgenossen fasziniert. Zugleich spiegelt sich in dieser Figur Ignaz von Born, Lichtgestalt der Wiener Freimaurer, der die Priesterbünde Altägyptens als Vorläufer der Aufklärung sieht. Born fördert auch den Afrikaner Angelo Soliman, der es in Österreich vom Sklaven zum Gesellschafter des Kaisers gebracht hat und an den jeder Wiener denken wird, der in der Zauberflöte den Monostatos sieht. Und weil im Sommer 1791 dem Franzosen Blanchard in Wien eine spektakuläre Fahrt im Heißluftballon glückt, baut Schikaneder noch ein "Flugwerk" in die Oper ein. So fließen im Libretto, das Schikaneder schreibt und das Mozart an 50 Stellen geringfügig ändert, Tendenzen des Epochenwechsels zusammen mit solchen des Tages.

Die Konkurrenz schläft derweil nicht. Im Leopoldstädter Theater, einer anderen Vorstadtbühne, kommt im Juni 1791 Kaspar der Fagottist oder die Zauberzither heraus. Mozart, der seinen ersten Akt schon fertig hat, schaut sich das sicherheitshalber an, findet aber, dass "gar nichts daran ist", und komponiert weiter an seiner einzigartigen Collage zwischen Koloratur und Choral, Lachnummer und Weiheton. Dass ihm Schikaneder ein Gartenhäuschen für die Arbeit zur Verfügung stellte, ist allerdings so wenig zu belegen wie das Ondit, Mozart habe dort Nächte mit den Darstellerinnen der Zauberflöte verbracht.

Ein eingespieltes Team ist es auch ohne Seitensprünge. Von Papagena und Königin war schon die Rede. Anna Gottlieb, die Pamina, war die Barbarina in der Uraufführung des Figaro. Über Benedikt Schak, den Tamino, eine Entdeckung Schikaneders, hat Leopold Mozart seinem Sohn geschrieben: "Dieser Mensch singt wirklich schön." Bassist Franz Xaver Gerl, einst Salzburger Kapellknabe, hat sich bereits als Osmin in der Entführung aus dem Serail bewährt. Wie Johann Josef Noseul, der den Monostatos gibt, zählt er zu Schikaneders künstlerischer Familie und ist jetzt sein Sarastro. Nicht zu vergessen den Chef selbst, der hier mit 40 Jahren die Rolle seines Lebens spielen wird.

Kurz vor der Uraufführung schreibt Mozart noch eines seiner besten Instrumentalstücke, die Ouvertüre. Am Freitag, 30. September 1791, um 19 Uhr gibt er den Einsatz, dann geht der Vorhang über der zwölf Meter breiten Bühne hoch, geräuschvoll, da mangels Flaschenzug Bühnenarbeiter vom Schnürboden als Gegengewichte herabspringen.

Werke von Toten wie Lebenden sind "open source"

Die Zauberflöte wird zum Triumph. Nicht zuletzt für den einstigen Underdog und Tagelöhnersohn, der den ganzen Abend zusammenhält, der sein ganzes Leben in den Papageno gepackt hat: den Lyranten, den Hanswurst, all die Kasperln und dummen Gärtner, Leute, die so triebhaft wie durchtrieben Hierarchien infrage stellen.

Auch als Regisseur und Ausstatter zieht Schikaneder eine Summe seiner Erfahrungen. "Das Theater verwandelt sich in zwey große Berge; in dem einen ein Wasserfall, worin man sausen und brausen hört; der andre speyt Feuer aus; jeder Berg hat ein durchbrochenes Gegitter, worin man Feuer und Wasser sieht." Manche Auftritte sind in den Anweisungen bis auf den Meter und die Gebärde genau vorgeschrieben, so wie auch der Erfolg der Produktion präzise kalkuliert ist. Mit 5.000 Gulden – was heute rund 150.000 Euro entspricht – ist es, wie die Biografin Eva Gesine Baur vermutet, die teuerste, die sich Schikaneder je geleistet hat. Die Investition zahlt sich aus, das Haus ist jeden Abend voll.

Mozart kann sich nicht lange daran freuen. Er stirbt zwei Monate nach der Uraufführung. Für Schikaneder beginnt ein goldenes Jahrzehnt, 1801 gipfelnd im Neubau des noch heute existierenden Theaters an der Wien gleich gegenüber und im Kauf eines Schlösschens, das er mit Motiven aus der Zauberflöte schmücken lässt.

Als er stirbt, bleiben ein paar Stiefel, Bücher – "an barem Gelde: Nichts"

Zugleich setzt aber auch die Diskreditierung des großen Theatermannes ein. Wer die Zauberflöte nachspielt – 1794 sind es schon 27 deutsche Bühnen –, nennt selten den Namen des Librettisten, den ein Rezensent als "elenden dramatischen Sudler" abtut. Neben den zum Gott erhobenen Mozart passt der Impresario nicht, der weiterhin auch mit Krachern wie Die Fiaker in Wien Kasse macht. Das Schmähwort von der "Schikanederei" kommt auf, mit dem man Showeffekte, Stilbrüche, den Abstand zur wahren Kunst bezeichnet. Goethe setzt sich an einen zweiten Teil der Zauberflöte und knüpft an alles an, was Schikaneder ersann, lässt aber das Original für sein Hoftheater umtexten.

Tantiemen gibt es sowieso nicht, Werke von Toten wie Lebenden sind "open source". 1809 plündern Napoleons Franzosen sein Schlösschen, sein Theater an der Wien haben längst andere übernommen, sein Stil ist aus der Mode, ein Versuch als Stadttheaterchef in Brünn ist gescheitert. Mit Verlust muss er sein lädiertes Anwesen verkaufen. 1811 lässt eine gesteuerte Inflation, das "Bankrottpatent", alle österreichischen Ersparnisse auf ein Fünftel schrumpfen.

Der 59-Jährige, der nun "groß und dick" ist und "einen watscheligen Gang" hat, zieht sich mit seiner Frau in eine kleine Wohnung im Wiener Alsergrund zurück. Mit dabei sind eine ehemalige Kassiererin des Theaters und ihr zehnjähriger Sohn. Schikaneder ist sein Vater. Er nimmt kaum noch etwas wahr. Umnachtet stirbt er wenige Wochen nach seinem 61. Geburtstag. Während die Zauberflöte bereits europaweit zum Repertoire gehört, listet ein "Sperrskommissär" das Vermögen ihres Autors auf. Ein paar Klamotten, Stiefel, "alte Lesebücher", "an barem Gelde: Nichts".

Dem entspricht sein Ruf in der Nachwelt, dem sich bis heute wenige entgegensetzten, so wie Hegel und Schopenhauer. Oder Theodor W. Adorno, der über die Zauberflöte schrieb, die "Resistenzkraft des vom altklugen Geschmack als schlecht diffamierten Textes" bewähre sich "auf der Grenzscheide von Banalität und abgründigem Tiefsinn".

Auf dieser Grenze bewegt sich auch Mozart mit Genuss. Am 8. Oktober 1791, eine Woche nach der Uraufführung, dirigiert er nicht selbst, sondern begibt sich im zweiten Akt hinter die Kulissen. Gerade singt Papageno-Schikaneder seine Arie Ein Mädchen oder Weibchen mit einem Glockenspiel in der Hand, das er zum Schein bedient, während ein Musiker die Töne liefert. Dessen Part übernimmt Mozart jetzt spontan, "weil ich heute so einen trieb fühlte es selbst zu Spielen". Doch wo er ein Arpeggio anschlagen müsste, lässt er es weg und beobachtet Schikaneder. Der erkennt mit einem Seitenblick, wer ihn reinlegt, hält inne, lässt das Glockenspiel sinken, und genau da liefert Mozart seinen Akkord. Schikaneder reagiert als geübte Rampensau: Er schlägt auf sein Instrument und ruft "Halt’s Maul!". Großes Gelächter. Großes, kleines Theater. Da sind die beiden bis heute zusammen, untrennbar. In der Gegenwart der Bühne.