Nachdem er im September 1787 die amerikanische Verfassung unterzeichnet hatte, schickte Benjamin Franklin eine Abschrift des Dokuments an einen Freund in Paris. Die Europäer, so der Rat des Staatsmanns aus Philadelphia, sollten sich sogleich daranmachen, nach dem Vorbild der USA eine »große Republik aus den verschiedenen Staaten und Königreichen« zu formen.

Die große Republik gibt es bis heute nicht, aber Europa hat nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts auf seine eigene, manchmal etwas ungelenke Weise zusammengefunden. Mehr als zweihundert Jahre nach Franklins Brief braucht der Alte Kontinent den Vergleich mit der Neuen Welt nicht zu scheuen.

Klar ist allerdings auch, wie verwundbar die Europäische Union ist, seit sich einige ihrer Mitgliedsstaaten übereilt eine gemeinsame Währung gegeben haben. Und deshalb erlebt der amerikanische Gründervater gerade eine Art Revival. In Brüssel arbeiten Experten der EU Pläne für einen neuen Integrationsschub aus, in Deutschland wird über ein Referendum diskutiert, das den Machttransfer legitimieren soll. Die Europäer, so heißt es heute, hätten die Wahl zwischen der vollständigen Integration und dem endgültigen Zerfall. Zwischen Durchbruch und Untergang. Zwischen Bundesstaat und bloßem Staatenbündnis.

Im Kern geht es in der aktuellen Debatte um die Zukunft Europas darum, eine Entscheidung zwischen diesen Alternativen zu erzwingen. Aber wie alternativlos sind die Alternativen? Es lohnt sich, darüber nachzudenken – denn die Hoffnung, die gemeinsame Währung würde nun in einem finalen Akt den gemeinsamen Staat samt einem europäischen Souverän hervorbringen, könnte sich als trügerisch erweisen.

Wie alternativlos sind die Alternativen?

Zu viel ist noch ungeklärt: Wie steht es um die Demokratie in einem Megastaat? Was ist von einem europäischen Länderfinanzausgleich zu halten, wo doch schon der deutsche kein Erfolgsmodell ist? Wie ist es um das Selbstverständnis eines Staates bestellt, der sich unter dem Druck der Finanzmärkte konstituiert? Und was sagt der Souverän dazu?

Schon einmal ist der Versuch, dem Kontinent eine Verfassung zu geben, am Veto der – französischen – Bevölkerung gescheitert, und damals war die Währung noch nicht in der Krise. Dass die Deutschen bereit wären, für die Abschaffung des Grundgesetzes zu stimmen, wo sie nicht einmal die D-Mark hergeben wollten, ist eher unwahrscheinlich. Wenn die Alternative tatsächlich »Alles oder nichts« lautet, dann wird das Nichts zu einem realistischen Szenario.

Aber was, wenn es auch anders ginge? Wenn sich die Währung stabilisieren ließe, ohne die Vereinigten Staaten von Europa errichten zu müssen? Wenn es zwischen Sprung und Stillstand noch eine dritte, weniger anspruchsvolle Lösung gäbe – eine Art Europa light, das sich vom amerikanischen Modell unterscheidet?

Man muss sich dazu in einem ersten Schritt vergegenwärtigen, worum es in dieser Krise eigentlich geht. Und das lässt sich am einfachsten klären, wenn man sich vor Augen führt, worum es nicht geht.

Es geht nicht um Wohlstandsdifferenzen. Das Pro-Kopf-Einkommen der Esten ist niedriger als das der Portugiesen. Trotzdem haben die reichen Portugiesen eine Krise und die armen Esten nicht.