Katrin Göring-Eckardt»Ich habe keine Angst«

Eine gegen die Alten: Katrin Göring-Eckardt tritt gegen Jürgen Trittin und Claudia Roth an – die Vertreterin der ersten gesamtdeutschen Generation bei den Grünen erklärt sich. von  und

DIE ZEIT: Frau Göring-Eckardt, Sie wollen Spitzenkandidatin der Grünen werden, aber am liebsten gemeinsam mit allen Ihren Gegenkandidaten statt in der vorgesehenen Doppelspitze. Wovor haben Sie Angst?

Katrin Göring-Eckardt: Ich habe keine Angst. Und wenn es dazu kommt, werde ich antreten, sei es auf dem Parteitag, sei es in einer Urwahl. Aber ich bleibe dabei: Wir sollten Zeit und Kraft nicht für eine Auseinandersetzung nach innen verwenden. Es gibt ja zwischen uns keine unterschiedlichen politischen Präferenzen, etwa in Koalitionsfragen. Stattdessen müssen wir nach außen wirken und werben. Deshalb sind auch viele Vertreter aus den Ländern gegen eine Urwahl. Ich fürchte, dass wir mit einer Doppelspitze das Signal aussenden, dass man auf ein bestimmtes Milieu verzichten kann.

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ZEIT: Aber Sie wären zur Not dazu bereit?

Göring-Eckardt: Ja, klar.

ZEIT: Wenn Sie in einer Urwahl gegen Claudia Roth antreten müssen, warum sollen die Delegierten sich dann für Sie entscheiden?

Göring-Eckardt: Für jemanden, der ein Team will, ist das eine schwierige Frage. Eher schon kann ich sagen, dass ich durch meine persönlichen Erfahrungen und meine Herkunft etwas Eigenes einbringe. Und dass ich denke, das ist etwas, was unsere Chancen erhöht.

ZEIT: Was genau ist das?

Göring-Eckardt: Ich bin in der DDR aufgewachsen. Dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist und dass ohne Freiheit alles nichts ist, trage ich im Herzen. Ich gehöre zu den 89ern, der ersten gesamtdeutschen politischen Generation, ich habe Erfahrungen innerhalb und außerhalb der Politik beizutragen. Ich kann vor 100.000 Menschen reden und auch mit Fünfen diskutieren. Ich denke, dass ich als Grüne glaubwürdig bin, ökologisch und sozial.

ZEIT: Als Ihre Kandidatur von einigen Realos vorgeschlagen worden war, protestierten Frauen aus der Fraktion gegen die »Boys«, die das alles in Hinterzimmern regeln wollten. Haben Sie jetzt nicht genau den »Zickenkrieg«, den Sie unbedingt vermeiden wollten?

Göring-Eckardt: Ich fand die Intervention der Frauen verständlich, das war für mich einer der Gründe, die Teamlösung vorzuschlagen. Dazu kommt: Wir werden 2013 in einer ziemlich bedrängten Situation sein. Wenn man sich unsere Umfragewerte und die der SPD ansieht, muss man ganz nüchtern sagen: Das reicht noch nicht! Da sind potenzielle Piraten-Wähler, Erstwähler, Unentschiedene, echte Liberale und enttäuschte Wertkonservative, die wir für uns gewinnen müssen. Dafür müssen wir uns mit so viel Power wie möglich aufstellen.

ZEIT: Grünen-Wähler, die man so kennt, sagen: Wenn die jetzt wieder mit den Gesichtern der Fischer-Generation antreten, wähle ich sie nicht mehr. Steht bei Ihnen eine Generation in der ersten Reihe, die nicht loslassen kann? Warum drängt Ihre Altersgruppe nicht stärker nach vorn?

Göring-Eckardt: Da fragen Sie die Falsche! Im Ernst ist es aber so, dass Personen meiner Altersgruppe momentan viel Einfluss auf Landesebene haben. Da gibt es Politiker wie Robert Habeck, der Landesminister und stellvertretender Ministerpräsident von Schleswig-Holstein ist, oder Sylvia Löhrmann, die Architektin der Koalition in Nordrhein-Westfalen. Ich sage gerade nicht: Die Gründungs-Grünen müssen jetzt mal weg, das wäre auch Unsinn. Aber dass verschiedene Generationen sichtbar werden, kann doch nur sinnvoll sein.

ZEIT: Wenn es keine großen politischen Differenzen mehr gibt zwischen Jürgen Trittin und Ihnen – ist dann das Gerede von »Linken« und »Realos« ein leeres Ritual?

Göring-Eckardt: Die Flügel bieten einen guten Raum für Diskussionen, aber 45 Prozent unserer Mitglieder sind erst seit 2005 oder noch kürzer dabei. Wenn man die fragt, zu welchem Flügel sie gehören, dann sagen sie: Das weiß ich auch nicht. Was mich betrifft: In der Sozialpolitik stehe ich weiter links als viele andere, in anderen Fragen habe ich realpolitische Positionen. An der Basis und nach außen spielt Flügelzugehörigkeit aber eine immer geringere Rolle.

Leserkommentare
  1. Ich würde Frau Göring wählen, wenn ich Grünwähler wäre, aber so werde ich mit weiteren Kommentars enhalten.

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    • biggerB
    • 29. August 2012 20:17 Uhr

    Grünwähler mehr, wegen solcher "Grünen" wie Göring-Eckardt.

    Ansonsten auch von mir kein weiterer Kommentar.

    MfG
    biggerB

  2. Das ist alles gut und schön, was Frau Göring-Eckardt da sagt. Nur: Dieses "Hätte, wenn und aber" beim Thema Agenda 2010, der schlimmsten Sozialgesetzgebung in der Geschichte der BRD, bringt niemand weiter. Da hilft nur die eindeutige Distanzierung.
    Einmal als Teilhaber an die Macht gelangt, half diese Partei mit, den Weg von einer leidlich zivilisierten Gesellschaft hin zu einer sozialdarwinistischen Wilddbahn zu ebnen.
    Denn diese Allesemanzipierer und Allesintegrierer sind für Zustände und Begriffe mitverantwortlich, die es vor ihrer Machtteilhabe so nicht gab. Als da wären: Ein-Euro-Jobber, Leiharbeiter, Billiglöhner, Altersarmut, Aufstocker, Kinderarmut usw. Auch für diese gesellschaftliche und verbale Verrohung trägt diese Partei Mitverantwortung.
    Ohne sozialstaatliches Fundament wird jede Demokratie zusammenfallen wie ein Kartenhaus. Auch dafür wird diese Partei Verantwortung übernehmen müssen.
    Von irgendeiner Einsicht ist aber in dem Interview nichts zu erkennen.

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    • Karl63
    • 30. August 2012 8:21 Uhr

    ganz langsam auf der Zunge zergehen lassen.
    Wie gesagt inzwischen leben 4,8 Millionen Menschen direkt von ALG 2 und inklusive der betroffenen Familienangehörigen sind es rund 8 Millionen - also rund jeder zehnte Bundesbürger/-in.
    Da hilft keinerlei Taktieren, von wegen "Schuld sind nur die Anderen, die haben die Gesetze so scharf formuliert..."
    Das Gebot der Stunde wäre eine Sozialpolitik, die sich glaubhaft von der Agenda 2010 absetzt. Niemand sollte ernsthaft Wunderdinge erwarten, aber ein klares Bekenntnis dazu, dass eine weitere Expansion des Niedriglohnsektors weder die Bedürfnisse der Gesellschaft als Ganzes, noch die Anforderungen der Wirtschaft (Fachkräfte) erfüllt, dies wäre schon ein großer Schritt voran.
    Kürzlich wurde in ZEIT Online formuliert, "Harz IV ist komplizierter als ein Steuerbescheid". Das zeigt eigentlich nur wie groß der Reformbedarf bezüglich der Bürokratie, die rund um Harz IV entstanden ist, tatsächlich ist. Da werden die Grünen schlicht Farbe bekennen müssen, wie man dies zu ändern gedenkt.

    • biggerB
    • 29. August 2012 20:17 Uhr

    Grünwähler mehr, wegen solcher "Grünen" wie Göring-Eckardt.

    Ansonsten auch von mir kein weiterer Kommentar.

    MfG
    biggerB

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  3. Der Umbau der ehemaligen pazifistischen antikapitalistischen Partei zu einer neoliberalen Kriegspartei läuft auf vollen Touren: Katrin Göring Eckardt und Cem Özdemir sind Mitglieder der Atlantik-Brücke:

    "Neben natürlichen Personen sind auch Institutionen und Unternehmen vertreten, etwa der Daimler-Konzern, die Deutsche Bank, Goldman Sachs, und der American Jewish Congress. Die Atlantik-Brücke ist eng verbunden mit der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (die als eine Kopie des amerikanischen Originals gegründet wurde), mit der Initiative Neue soziale Marktwirtschaft oder mit der Stiftung Wissenschaft und Politik. Besondere Bedeutung haben die „Young Leaders“-Programme, die Nachwuchskräfte in die transatlantischen Netzwerke einbinden. Zu den „Young Leaders“ zählen Altpräsident Christian Wulff, Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, Bild-Chefredakteur Kai Diekmann und Grünen-Chef Cem Özdemir."

    http://www.jungefreiheit....

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  4. und mit einer zutiefst dem Menschen zugewandten Grundhaltung. - Ich hoffe darauf, daß die GRÜNEN sich darauf einigen können, mit ihr als Team in den Wahlkampf zu gehen. - Das Thema "HartzIV und seine Entwicklung" sollte wirklich einmal umfassend in einem eigenen Artikel verarbeitet werden, um die unsäglichen Einflüsse der CDU im Bundesrat klarzulegen. Bisher fehlte dazu offensichtlich der Mut. -

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    Sie ist Repräsentatntin der Latte-Machiatto trinkenden 50 % Parteimitglieder die erst seit 2005 bei den GRünen sind. Insofern ist es verwunderlich, dass noch über Sittenverfall schwadroniert wird. Die Zweifler und enttäuschten Altwähler , die gleichzeitig die Zeit als FDP Blatt sehen, obwohl mehrere Autorinen grün sind, müssen verstehen, dass die modernen Grünen und die Mehrheit ihrer MItglieder diese Form des Sozialabbaues wollen. Solidarität und Ökologie ist hier Selbstweck, um den Garten im gentrifizierten Viertel genießen zu können.
    Ironischerweise schafft man es sich ein progressives Image zu geben , zunehmend vergebens.
    Die Heuchelei dieser Partei geht vermutlich in die Geschichte ein: Mit dem Bentley ins Reformhaus. MIt Bonusmeilen zum Parteitag. Sie sind einfach unterhaltsam.

  5. istin diesem Satz "ich habe Erfahrungen innerhalb und außerhalb der Politik beizutragen. " versteckt: sie ist auch Präses der Synode der EKD.
    So ein herausragendes Amt "außerhalb der Politik" sollte ruhig explizit erwähnt werden, denn dann wissen ganz viele Menschen, dass Frau G-E nicht christliche Klientelpolitik macht. Für mich ist sie damit unwählbar.

    Knatterton

  6. Sie ist Repräsentatntin der Latte-Machiatto trinkenden 50 % Parteimitglieder die erst seit 2005 bei den GRünen sind. Insofern ist es verwunderlich, dass noch über Sittenverfall schwadroniert wird. Die Zweifler und enttäuschten Altwähler , die gleichzeitig die Zeit als FDP Blatt sehen, obwohl mehrere Autorinen grün sind, müssen verstehen, dass die modernen Grünen und die Mehrheit ihrer MItglieder diese Form des Sozialabbaues wollen. Solidarität und Ökologie ist hier Selbstweck, um den Garten im gentrifizierten Viertel genießen zu können.
    Ironischerweise schafft man es sich ein progressives Image zu geben , zunehmend vergebens.
    Die Heuchelei dieser Partei geht vermutlich in die Geschichte ein: Mit dem Bentley ins Reformhaus. MIt Bonusmeilen zum Parteitag. Sie sind einfach unterhaltsam.

  7. "Stattdessen müssen wir nach außen wirken und werben. Deshalb sind auch viele Vertreter aus den Ländern gegen eine Urwahl." Frau Göring-Eckhardt hat überhaupt nicht begriffen, dass die Grünen dann am besten "nach außen wirken", wenn sie Demokratie praktizieren. Dieser ewige Hinterzimmerlobbyismus von ein paar mächtigen Parteigranden wird gerade im Milieu der grünen Wähler immer mehr als ekelhaft empfunden.

    Sind die Bürger, oder auch nur die Mitglieder der Grünen, zu blöde, um sich einen Spitzenkandidaten zu wählen?

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