DIE ZEIT: Frau Göring-Eckardt, Sie wollen Spitzenkandidatin der Grünen werden, aber am liebsten gemeinsam mit allen Ihren Gegenkandidaten statt in der vorgesehenen Doppelspitze. Wovor haben Sie Angst?

Katrin Göring-Eckardt: Ich habe keine Angst. Und wenn es dazu kommt, werde ich antreten, sei es auf dem Parteitag, sei es in einer Urwahl. Aber ich bleibe dabei: Wir sollten Zeit und Kraft nicht für eine Auseinandersetzung nach innen verwenden. Es gibt ja zwischen uns keine unterschiedlichen politischen Präferenzen, etwa in Koalitionsfragen. Stattdessen müssen wir nach außen wirken und werben. Deshalb sind auch viele Vertreter aus den Ländern gegen eine Urwahl. Ich fürchte, dass wir mit einer Doppelspitze das Signal aussenden, dass man auf ein bestimmtes Milieu verzichten kann.

ZEIT: Aber Sie wären zur Not dazu bereit?

Göring-Eckardt: Ja, klar.

ZEIT: Wenn Sie in einer Urwahl gegen Claudia Roth antreten müssen, warum sollen die Delegierten sich dann für Sie entscheiden?

Göring-Eckardt: Für jemanden, der ein Team will, ist das eine schwierige Frage. Eher schon kann ich sagen, dass ich durch meine persönlichen Erfahrungen und meine Herkunft etwas Eigenes einbringe. Und dass ich denke, das ist etwas, was unsere Chancen erhöht.

ZEIT: Was genau ist das?

Göring-Eckardt: Ich bin in der DDR aufgewachsen. Dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist und dass ohne Freiheit alles nichts ist, trage ich im Herzen. Ich gehöre zu den 89ern, der ersten gesamtdeutschen politischen Generation, ich habe Erfahrungen innerhalb und außerhalb der Politik beizutragen. Ich kann vor 100.000 Menschen reden und auch mit Fünfen diskutieren. Ich denke, dass ich als Grüne glaubwürdig bin, ökologisch und sozial.

ZEIT: Als Ihre Kandidatur von einigen Realos vorgeschlagen worden war, protestierten Frauen aus der Fraktion gegen die »Boys«, die das alles in Hinterzimmern regeln wollten. Haben Sie jetzt nicht genau den »Zickenkrieg«, den Sie unbedingt vermeiden wollten?

Göring-Eckardt: Ich fand die Intervention der Frauen verständlich, das war für mich einer der Gründe, die Teamlösung vorzuschlagen. Dazu kommt: Wir werden 2013 in einer ziemlich bedrängten Situation sein. Wenn man sich unsere Umfragewerte und die der SPD ansieht, muss man ganz nüchtern sagen: Das reicht noch nicht! Da sind potenzielle Piraten-Wähler, Erstwähler, Unentschiedene, echte Liberale und enttäuschte Wertkonservative, die wir für uns gewinnen müssen. Dafür müssen wir uns mit so viel Power wie möglich aufstellen.

ZEIT: Grünen-Wähler, die man so kennt, sagen: Wenn die jetzt wieder mit den Gesichtern der Fischer-Generation antreten, wähle ich sie nicht mehr. Steht bei Ihnen eine Generation in der ersten Reihe, die nicht loslassen kann? Warum drängt Ihre Altersgruppe nicht stärker nach vorn?

Göring-Eckardt: Da fragen Sie die Falsche! Im Ernst ist es aber so, dass Personen meiner Altersgruppe momentan viel Einfluss auf Landesebene haben. Da gibt es Politiker wie Robert Habeck, der Landesminister und stellvertretender Ministerpräsident von Schleswig-Holstein ist, oder Sylvia Löhrmann, die Architektin der Koalition in Nordrhein-Westfalen. Ich sage gerade nicht: Die Gründungs-Grünen müssen jetzt mal weg, das wäre auch Unsinn. Aber dass verschiedene Generationen sichtbar werden, kann doch nur sinnvoll sein.

ZEIT: Wenn es keine großen politischen Differenzen mehr gibt zwischen Jürgen Trittin und Ihnen – ist dann das Gerede von »Linken« und »Realos« ein leeres Ritual?

Göring-Eckardt: Die Flügel bieten einen guten Raum für Diskussionen, aber 45 Prozent unserer Mitglieder sind erst seit 2005 oder noch kürzer dabei. Wenn man die fragt, zu welchem Flügel sie gehören, dann sagen sie: Das weiß ich auch nicht. Was mich betrifft: In der Sozialpolitik stehe ich weiter links als viele andere, in anderen Fragen habe ich realpolitische Positionen. An der Basis und nach außen spielt Flügelzugehörigkeit aber eine immer geringere Rolle.