Euro-Krise : Ihr letzter Schatz

In der Not tauschen die Griechen Schmuck gegen Bargeld: Der Goldschmelzer Christos Spiropoulos macht in der Krise das große Geschäft.

Sie nennen ihn Gauner, Ausbeuter, Schmarotzer. Er selbst nennt sich einen Heiler und Helfer. Christos Spiropoulos, haarige Brust, runder Bauch, sitzt in seinem Laden in der Athener Innenstadt und wartet auf das Gold. »Ich zwinge niemanden«, sagt Spiropoulos, »und trotzdem bringen sie mir ihre Eheringe und Goldzähne.«

Es ist neun Uhr morgens, gerade hat Spiropoulos seinen Laden aufgeschlossen und die Klimaanlage angeworfen. Vor ihm liegen zwei Eheringe, ein junger Mann brachte sie gestern vorbei, acht Gramm, zweihundert Euro. Seit die Griechen ihre Jobs verlieren, aber jeden Monat neue Steuern zahlen müssen, suchen sie Hilfe bei Spiropoulos. Er ist ihre Bank, seit die griechischen Banken keine Kredite mehr vergeben.

Spiropoulos ist 70 Jahre alt, er hat keine Frau und keine Kinder. Seit zwei Jahren, sagt er, wolle er in den Ruhestand gehen, aber der Staat zahle ihm keine Rente. Er war Juwelier, 49 Jahre lang. Dann nahm die Krise ihm die Kunden. Er verkaufte keine Diamanten mehr und schloss sein Schmuckgeschäft. Seinen Bunsenbrenner, seinen Tresor und seine Goldwaage aber behielt er und eröffnete zwei Straßen weiter ein neues Geschäft.

»Kaufe Gold« steht auf dem Schild vor seinem Laden im ersten Stock. Spiropoulos schmilzt Gold ein und verkauft es ins Ausland. Der erste Stock, das sei diskreter als die Straße. Seine Kunden wollen nicht gesehen werden, wenn sie ihren Schmuck verhökern, ihre Erinnerungen. Als er seinen Laden eröffnete, gab es noch vier oder fünf andere Goldschmelzer in Athen. Jetzt sind es mehr als zweitausend. »Sie machen mir das Geschäft kaputt«, sagt er.

Eine Frau, Mitte 40, High Heels, blondierte Haare, betritt den Laden. Sie guckt auf den Boden vor sich, die beiden kennen sich. In den letzten Monaten hat sie ihren Goldschmuck an Spiropoulos verkauft und ihr Silberbesteck. Sie greift in ihre Papiertüte und legt ein Silbertablett auf die Theke. »Ein Erbstück von meiner verstorbenen Patentante.« Ob sie traurig sei, fragt der Goldschmelzer. »Ja, es ist vielleicht nur ein Tablett, aber es bedeutet mir viel.«

Wenn Spiropoulos Kunden wie sie bedient, sagt er: »Es ist dumm, sich an materielle Dinge zu binden. Die kriegen Sie immer wieder. Panta rhei, alles fließt. Hauptsache, Sie sind gesund.« Er ist dann nicht mehr Spiropoulos, der Goldschmelzer, sondern Spiropoulos, der Philosoph.

Die Frau presst die Lippen aufeinander und nickt. Spiropoulos holt Lupe und Salpetersäure aus seiner Schublade, untersucht das Tablett: 72,89 Prozent Silbergehalt, 1200 Gramm. »Am Anfang habe ich mich geschämt«, erzählt die Frau, »jetzt gewöhne ich mich daran. Macht ja fast jeder, wir müssen überleben.«

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Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Und? Zahlt dieser Mann seine Steuern? Nein?

"Für jeden Kauf SOLL er 3,60 Euro Steuern bezahlen. In seinem offiziellen Registrierbuch, das es seit 2009 gibt, hat er nicht mal hundert Kunden eingetragen. Alle zehn Tage schickt er die Barren nach England, der Goldexport ins Ausland boomt."

Und? Zahlt dieser Mann seine Steuern? Nein? Ein widerlicher Mensch, der sich auf Kosten anderer Leute bereichert! Aber davon gibt es ja genügend ....!

Konnte man im vorletzten Absatz herauslesen,

so zwischen den Zeilen, dass der Mann nicht so ganz alle Steuern, die fällig wären, bezahlt? Wenn schon an schlechten Tagen 5 Leute kommen, hat man doch nach 20 Tagen schon 100 Kunden ins Büchlein eingetragen. Und wenn das Büchlein schon seit 2009 geführt wird, dann... Die Krisengewinnler sehen sich also nicht verpflichtet, dem Staat zu dienen, sondern greifen lieber erstmal ab. Mit anderen Worten, alles bleibt beim alten, nur haben jetzt andere die Chance, sich durch Steuerhinterziehung selbst zu bereichern. Wobei der ja wenigstens noch eine Lizenz hat, und nicht einer der illegalen Konkurrenten ist (noch mehr Pfui.)

Die Verwendung des Wortes "Zecke" für linksdemokratische Mahner lässt auch sehr tief blicken, ist es doch ein Wort aus dem Wortschatz der deutschen rechten Szene. Kann natürlich auch nur vom Autor absichtlich als Übersetzung verwendet worden sein, das kann ich nicht beurteilen, ob das griechische Wort für Zecke tatsächlich benutzt wurde, und ob es dort überhaupt den selben rechten Beigeschmack hat.

Wieso Skrupel...

Haben Merkel, Rösler und Westerwelle Skrupel? Hat Draghi Skrupel? Samaras...? Und die Banker...?
Seltsamerweis beginnt die bürgerliche Moral immer ganz, ganz unten: Der Hartz-IVler, der nicht deklariert, dass er doch ein paar Einkünfte hat. Die Frau an der Kasse, die einen Gutschein für 1,50€ einsteckt. Der Asylant, der ja gar nicht so richtig politisch verfolgt wird. Na ja, und da profitiert doch glatt so ein kleiner Grieche von der Misere in seinem Land... schon empörend!
Und währenddessen profitieren ganz andere davon, dass Länder wie die Schweiz oder GB es zulassen, dass Milliarden - an Fiskus und Gesetz vorbei - aus dem Land gebracht werden, ganz einfach, weil diese auch davon profitieren. Und Deutschland arrangiert sich halt lieber; vor allem mit diesen Herrn im grauen Anzug und schwarzer Limousine; und mit schweizer Banken, und seinem Gewissen. Geklaute CDs (zB.)..?! Ist ja illegal; so was machen wir natürlich nicht.

Selbstdiskreditierung?

Sie hätten natürlich den Inhalt lesen können. Aber nein, sie stürzen sich auf ein Wort, das sie problematisch finden. Warum ist es eigentlich problematisch? Oder hat da nur eine völlig sinnlose politische Korrektheit aufgeschrien, die zu faul ist, ernsthaft nachzudenken, ob ein Mensch sich wirklich selbst diskreditiert, wenn er ein Wort benutzt, das heute nicht mehr korrekt ist? Man könne ja meinen, damit hätten sie sich selbst disqualifiziert, emil.schreiglas.

Na, funktioniert doch prächtig,

die Ausplünderung Griechenlands, sozusagen wie von selbst, ohne Einsatz von Waffen.

Gold ist als chemisches Element begrenzt auf unserem Planeten vorhanden, es wächst nicht nach, man muss es nur finden.

"Alle zehn Tage schickt er die Barren nach England, der Goldexport ins Ausland boomt."

Da frage ich mich jetzt, wohin das Gold geht. So weit ich weiß, nimmt die London Bullion Market Association, deren Mitglieder große internationale Banken u.a. sind, nur Gold aus Scheideanstalten an.

Herr Spiropoulos schmilzt das Gold ja lediglich ein, er scheint es ja nicht durch chemische Ausfällung (Königswasser) zu reinigen.

Kennt die Redaktion den oder die Adressaten des Goldes in London? Das würde mich interessieren. Schwarzmarktorganisationen?

350 Selbstmordversuche monatlich allein in Athen. Das ist doch furchtbar und zeigt die Verzweiflung und Auswegslosigkeit der Menschen.

Ich werde immer wütender, wenn ich Draghi, Merkel, Lagarde und andere über die Notwendigkeit griechischer "Reformen", sprich Privatisierungen, Abbau der Sozialsysteme und Lohnkürzungen reden höre.

In Ihrem Staat stimmt vieles auch nicht

Sie schreiben:
"50 Suizide in Athen pro Monat entspricht etwa das WHO‐Ziel, die nationale Suizidrate auf unter 15 pro 100.000 Einwohner zu senken. In Österreich freut man sich, dass so WENIG Suizide (gleiche Zahl) geschehen."

Jeder Suizidmord aufgrund der Auswegslosigkeit der Existenz ist einer zu viel.

Diese rechnerischen Statistiken gehen mir auf den Nerv, wenn es um Menschenleben geht.