Der Mann, der den künftigen Strompreis kalkuliert, ist kompakt, trägt Karohemd und baut in seine Sätze gern Kalenderweisheiten ein. Ende September wird Hodurek mit seiner Zahl im Gepäck nach Bonn reisen. Dort, im Gebäude der Bundesnetzagentur, werden er und seine Kollegen von den anderen Netzbetreibern zwei Tage lang mit Vertretern des Umweltministeriums die endgültige Höhe des Preisaufschlags besprechen und festlegen.

Im Kern geht es bei Hodureks Arbeit darum, eine Prognose darüber abzugeben, wie viel Strom in den kommenden zwölf Monaten aus erneuerbaren Energiequellen erzeugt werden wird. Denn das ist das Konstruktionsprinzip der EEG-Umlage: Für jede Kilowattstunde des grünen Stroms garantiert der Staat den Herstellern mehr Geld, als der Verkauf dieser Kilowattstunde an der Strombörse bringt. Diese Differenz zwischen Börsenpreis und Garantiepreis wird durch die EEG-Umlage aufgefüllt.

Es ist paradox: Weil der Ausbau der erneuerbaren Energien den Börsenpreis des Stroms sinken lässt, muss die EEG-Umlage steigen, je mehr grünen Strom es gibt. Wenn man so will, sind die erneuerbaren Energien ein Opfer des eigenen Erfolgs.

Wenn aber der Strompreis an der Börse sinkt: Warum haben die Verbraucher dann nichts davon? Rein rechnerisch müssten sie doch weniger zahlen, – schließlich sinkt der Börsenpreis stärker, als die Umlage steigt. Rund 13,5 Milliarden Euro betrug das Gesamtaufkommen der EEG-Umlage im vergangenen Jahr. Das Problem: Nicht alle mussten sich gleichmäßig daran beteiligen, der Staat ließ vor allem für große Industrieunternehmen zahlreiche Ausnahmen zu. Doch was die Privilegierten nicht zahlen, müssen die anderen mitbezahlen – kleinere Unternehmen und alle privaten Haushalte. Deswegen steigt der Strompreis für die Bürger überproportional stark.

Das ist die Ungerechtigkeit, gegen die Bernd Drechsel jetzt klagt.

Am Anfang von Drechsels Betrieb steht ein Dampfkessel, den sich sein Großvater lieh, 62 Jahre ist das her. Der Großvater färbte Teppichgarne. Heute leitet der Enkel die Textilveredlung im oberfränkischen Selb. Fast 140 Mitarbeiter beschäftigt er. In den vergangenen Jahren hat Bernd Drechsel in neue Anlagen investiert, er hat den Betrieb leistungsfähiger und zugleich energieeffizienter gemacht. "Umweltbezogene Aspekte", schrieb er in seine Firmenrichtlinien, "sind in die Entscheidungs- und Handlungsstruktur unseres gesamten Managementsystems integriert." Doch ausgerechnet diese Umweltfreundlichkeit kommt Drechsel teuer zu stehen. Denn er zahlt die EEG-Umlage, von der andere, schmutziger produzierende Betriebe befreit sind.

Damit Betriebe aus energieintensiven Branchen wie Chemie und Stahl am Standort Deutschland bleiben, werden sie von der EEG-Umlage nahezu freigestellt oder müssen nur einen ermäßigten Satz abführen. Entscheidend ist die Höhe des Stromverbrauchs (von 2013 an mindestens ein Gigawattstunden pro Jahr) sowie der Anteil der Stromkosten an der Bruttowertschöpfung (mindestens 14 Prozent). Im vergangenen Jahr haben knapp 600 Unternehmen – die zusammen fast 20 Prozent des Stromverbrauchs ausmachen – davon profitiert. Der Wert dieser Vergünstigungen: mehr als zwei Milliarden Euro. "Die Großindustrie kann massiv vom niedrigen Börsenpreis für Strom profitieren", sagt Klaus Müller, der Chef der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. "Börsenstrom ist heute deutlich günstiger als noch vor einem Jahr."

121.000 Euro hat Textilunternehmer Drechsel nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr an EEG-Umlage gezahlt. Ähnlich viel gab er fürs Energiesparen aus – für effizientere Maschinenantriebe und bessere Lampen. Was Drechsel dadurch an Stromkosten einsparte, musste er für die Umlage wieder ausgeben. Das findet er absurd. Noch absurder findet Drechsel: Hätte er nicht in effizientere, umweltfreundlichere Anlagen investiert, würde sein Betrieb wahrscheinlich als "energieintensiv" gelten – und müsste viel weniger Umlage zahlen. Deswegen hat Drechsel seinen Stromlieferanten jetzt auf Rückzahlung der Umlage verklagt. "Ich kann nicht abhauen und den Standort ins Ausland verlagern, meine Kunden sitzen vor allem hier in der Region, und wir sind Teil der hiesigen Wertschöpfungskette", sagt er. Bernd Drechsel ist nicht gegen die Energiewende. Er will nur Gerechtigkeit.

"Alle Unternehmen und Verbraucher, die es könnten, sollten auch die EEG-Umlage zahlen", fordert Jochen Flasbarth, der Chef des Umweltbundesamtes (UBA). "Dann würden die Kosten auf mehr Schultern verteilt, und die Umlage würde sinken."

Die Realität sieht anders aus. Bernd Drechsel erzählt von einem Unternehmer aus Oberfranken, der in den freien Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr die Maschinen nonstop habe laufen lassen, um den Stromverbrauch nach oben zu treiben – und auf diese Weise noch in den Genuss der EEG-Privilegien zu kommen. Man erzählt sich viele solcher Geschichten in Unternehmerkreisen. Denn auch das ist absurd: Um den Zuschlag zu umgehen, mit dem der Ausbau umweltfreundlichen Stroms finanziert wird, lassen Firmen ihre Maschinen länger laufen als notwendig – und schädigen damit die Umwelt.

Es ist nicht so, dass man Geschichten wie diese in Berlin nicht kennen würde. Warum verschont die Politik die großen Industrieunternehmen, während sie den Privathaushalten zusätzliche Kosten aufbürdet? Warum akzeptiert man die Konstruktionsfehler der EEG-Umlage? Und wenn der herkömmliche Strom aus Kohle-, Gas- oder Atomkraftwerken eigentlich zu billig ist: Müsste dann nicht dieser Strom teurer werden, statt grünen Strom teuer zu fördern?

Auch Thomas Bareiß kennt diese Fragen. Er ist der energiepolitische Koordinator der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, und weil man kritische Fragen besser beantwortet, bevor zu viele sie stellen, schrieb er seinen Fraktionskollegen Ende Juli einen mahnenden Brief. "Die politische Auseinandersetzung zum Thema Strompreise verschärft sich zunehmend", schrieb Bareiß. "Dabei spielen die Ausnahmetatbestände deutscher Unternehmen von den Stromkosten und der EEG-Umlage eine zentrale Rolle."