DDR"Zwei Saarländer an der Spitze"

Der Historiker Martin Sabrow über Erich Honeckers Traum von einer gemeinsamen Zukunft mit Oskar Lafontaine. von Hans-Joachim Neubauer

Am 25. August wäre Erich Honecker 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass ein Gespräch mit dem Historiker Martin Sabrow über das Erbe Honeckers - eines Machthabers, der nicht nur dem Volk, sondern auch sich selbst ein Land vorspielte, das es nicht gab.

DIE ZEIT: Herr Sabrow, Erich Honecker gilt vielen als langweiliger, farbloser Apparatschik. Kann es denn Spaß machen, über ihn zu forschen?

Martin Sabrow: Ja! Weil man das Bild von Honecker aufrauen kann. Unsere Vorstellung von ihm ist sehr durch die ikonischen Fotos der späten Zeit geprägt, die ihn als störrischen Alten vor dem Untersuchungsgefängnis Moabit zeigen, mit zitternder Greisenfaust. Oder von dem statuarischen, alterslosen Herrscherporträt aus den Behörden und Parteieinrichtungen. Wenn man aber der Lebensgeschichte Erich Honeckers nachgeht, zeigt sich, dass sie eigentlich viel lebhafter, sprunghafter, bunter war als in der geglätteten Erzählung der DDR. Das ist für mich als Biografen reizvoll.

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ZEIT: Der junge Honecker galt noch als »eleganter Erich«, als charismatischer Redner und Frauenheld. Wie passt das zu seiner späteren spießigen Aura?

Sabrow: Zum einen kostet die Last der Aufgabe natürlich auch einen sozialistischen Funktionär Jugendlichkeit. Zum anderen hängt das mit der Funktion des Individuums im kommunistischen Herrschaftsapparat zusammen. Die Auslese und Repräsentation der Eliten war nicht auf individuelles Charisma ausgelegt, sondern auf Funktionsfähigkeit und Passfähigkeit im Parteiapparat.

ZEIT: Sie schreiben vom Widerspruch zwischen der öffentlichen und der privaten Person Honecker.

Sabrow: Das Bild der zwei Körper des Königs gilt auch für kommunistische Herrscher. Das Individuum soll die kollektive Parteiherrschaft verkörpern. Seine Individualität geht dabei verloren. So posierte Honecker, als Mann mittleren Alters, bei einem seiner Krimbesuche in einem kurzen Matrosenanzug – neckisch und braun gebrannt. Das zu veröffentlichen war undenkbar, das Ministerium für Staatssicherheit hat solche Bilder sofort unter Verschluss genommen.

ZEIT: Honecker war Sozialist, Kleinbürger, Machthaber: Wie viele Honeckers gab es?

Sabrow: Ich glaube nicht, dass man den Mann in verschiedene Honeckers aufspalten kann. Rolle und Persönlichkeit verschwimmen miteinander. Man kann eher historische Zeitschichten voneinander abgrenzen, als hinter der öffentlichen, historischen Persönlichkeit eine andere zu entdecken. Da bleibt er zeitlebens ein Kleinbürger.

ZEIT: Dem es um einfache Wahrheiten ging.

Sabrow: Honecker hat seine aus der saarländischen Lebenswelt in Wiebelskirchen bezogenen Politikziele bis ins Alter bewahrt: eine bezahlbare Wohnung für jeden, ein gesichertes Auskommen und eine geregelte Freizeit. Dass Honecker als Inbegriff der Kleinbürgerkultur gilt, kommt eher daher, dass seine Herrschaftsära für eine Zeit steht, die den utopischen, vorwärtsstürmenden Charakter des kommunistischen Experiments eingetauscht hatte gegen die pragmatische Vision des Machterhalts.

ZEIT: Honecker lebte in einem potemkinschen Staat. War er blind dafür, oder war er bloß stur?

Sabrow: Das Selbstbild des DDR-Sozialismus beruhte auf einer Selbsttäuschung. Diese künstliche Sinnwelt funktionierte, weil sie abgeschlossen war. Sie erodierte, als die international anerkannte DDR sich mehr und mehr westlichem Denken und westlichen Kultureinflüssen aussetzen musste. Besonders die Machtelite begriff ihre künstliche Sinnwelt gern als reale Welt. Damit Honecker nicht an seinem Glauben irre werden musste, dass in der DDR alles in Ordnung sei, wurde die Protokollstrecke von Wandlitz nach Berlin-Mitte entsprechend ausgestattet: Die Straßen waren in Ordnung, bis in den ersten Stock waren die Häuser anständig gestrichen, kein Schimmel war zu sehen. Dieses mühsam erzeugte Trugbild entsprach dem Verständnis von Normalität im Denken der Elite.

ZEIT: War er nicht nur Täter, sondern auch Getäuschter?

Sabrow: Die Täter-Opfer-Begrifflichkeit hilft hier nicht viel weiter. Kommunistische Herrschaft hatte sehr viel mit Autosuggestion zu tun, sie blieb in den Widersprüchen ihrer selbst erzeugten Künstlichkeit gefangen. Etwa wenn Honecker Westprodukte genoss und Coca-Cola trank, ohne das öffentlich zu zeigen. Auf der anderen Seite wurden unglaubliche Anstrengungen unternommen, um ihm das Bild einer DDR als Überflussgesellschaft vorzuspiegeln.

Leserkommentare
  1. muss man der damaligen DDR-Bevölkerung auch deswegen dankbar sein, dass uns Wessis ein Bundeskanzler Lafontaine erspart blieb

    • ludna
    • 23. August 2012 8:48 Uhr

    mit vielen neuen Informationen.

    Nur eines irritiert mich. Was genau ist ein Kleinbürger ? Das Gegenteil von Gutmensch ? Jemand der bescheiden ist ?

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    Kleinbürger hießen ursprünglich jene Angehörigen des Bürgertums, die dessen unterster Schicht angehörten, wie Handwerker, kleine Kaufleute, Volksschullehrer u.ä.

    Der Kleinbürger lebte aufgrund seiner materiell eingeschränkten Möglichkeiten „kleinbürgerlich“...
    aus https://de.wikipedia.org/...

  2. Kleinbürger hießen ursprünglich jene Angehörigen des Bürgertums, die dessen unterster Schicht angehörten, wie Handwerker, kleine Kaufleute, Volksschullehrer u.ä.

    Der Kleinbürger lebte aufgrund seiner materiell eingeschränkten Möglichkeiten „kleinbürgerlich“...
    aus https://de.wikipedia.org/...

  3. Die Überschrift suggeriert, als hätte Lafontaine mit Honecker zusammenarbeiten wollen. Im Artikel steht dann aber "Lafontaine spielte hier nach meinem Kenntnisstand keine aktive Rolle."

    Verwirrend.

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    • hairy
    • 23. August 2012 10:50 Uhr

    den Lafontaine da zu nennen, ist in der Tat gar nicht überzeugend.

    • Dr.No
    • 23. August 2012 9:47 Uhr

    Ein sehr lesenswertes Interview - es deckt sich ziemlich genau mit dem, was Stefan Heym in seinem Buch "Nachruf" über die DDR geschrieben hat. Für mich als Wessi informativ.

    Leider konnte die ZEIT der Versuchung nicht wiederstehen, einen eher untergeordneten Aspekt, nämlich das sowohl Lafontaine als auch Honecker aus dem Saarland stammen, für eine Überschrift zu missbrauchen, um Verbindungen zu suggerieren, die nicht bestanden - sowie es im Interview ja auch ganz klar zum Ausdruck kommt.

    Fazit: Interview Top - Überschrift Flop

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    • hairy
    • 23. August 2012 10:58 Uhr

    für den Hinweis auf Heyms Buch, das ich noch nicht kenne. Ich finde, dass Sabrows Sicht sich auch mit den Anekdoten (in 'Krieg ohne Schlacht') von Heiner Müller zu Honecker deckt.

  4. ...für ganz einfache Geister: wenn ihr Lafontaine und seine Linke wählt, kriegt ihr die DDR zurück! Wenn das man nicht daneben geht. Zu Zeiten des real existierenden Sozialismus ging es den "kleinen Leuten" besser als den Hartz IV Betroffenen heute. Und regiert wird D doch sowieso schon von einer Frau Staatsratvorsitzenden mit ihren Seilschaften, so wie es in der DDR üblich war. [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ls

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ls

    • Calzone
    • 23. August 2012 13:37 Uhr

    Zitat
    " Zu Zeiten des real existierenden Sozialismus ging es den "kleinen Leuten" besser als den Hartz IV Betroffenen heute."

    Das ist leider falsch. Aber manch einer gibt für ein sicheres,warmes Pöstchen schon mal seine Menschenrechte in Zahlung, nicht wahr?

  5. Mich interessieren sehr die Kontakte, die der damlige Bundeskanzler Kohl mit Honecker pflegte. Gibt es darüber Veröffentlichungen?

    • hairy
    • 23. August 2012 10:50 Uhr

    den Lafontaine da zu nennen, ist in der Tat gar nicht überzeugend.

    Antwort auf "Seltsame Überschrift"
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    • LaSilas
    • 23. August 2012 11:58 Uhr

    Er kommt auch aus dem Saarland und hat mit dem Gesetz für sozialistische Löhne und Massenarmut in Deutschland gesorgt. Mit dem Sozialismus hat das Ganze aber wenig zu tun, es sei denn, man nennt es Bankensozialismus, von korrupten Funktionären eingeführt.

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