Am 25. August wäre Erich Honecker 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass ein Gespräch mit dem Historiker Martin Sabrow über das Erbe Honeckers - eines Machthabers, der nicht nur dem Volk, sondern auch sich selbst ein Land vorspielte, das es nicht gab.

DIE ZEIT: Herr Sabrow, Erich Honecker gilt vielen als langweiliger, farbloser Apparatschik. Kann es denn Spaß machen, über ihn zu forschen?

Martin Sabrow: Ja! Weil man das Bild von Honecker aufrauen kann. Unsere Vorstellung von ihm ist sehr durch die ikonischen Fotos der späten Zeit geprägt, die ihn als störrischen Alten vor dem Untersuchungsgefängnis Moabit zeigen, mit zitternder Greisenfaust. Oder von dem statuarischen, alterslosen Herrscherporträt aus den Behörden und Parteieinrichtungen. Wenn man aber der Lebensgeschichte Erich Honeckers nachgeht, zeigt sich, dass sie eigentlich viel lebhafter, sprunghafter, bunter war als in der geglätteten Erzählung der DDR. Das ist für mich als Biografen reizvoll.

ZEIT: Der junge Honecker galt noch als »eleganter Erich«, als charismatischer Redner und Frauenheld. Wie passt das zu seiner späteren spießigen Aura?

Sabrow: Zum einen kostet die Last der Aufgabe natürlich auch einen sozialistischen Funktionär Jugendlichkeit. Zum anderen hängt das mit der Funktion des Individuums im kommunistischen Herrschaftsapparat zusammen. Die Auslese und Repräsentation der Eliten war nicht auf individuelles Charisma ausgelegt, sondern auf Funktionsfähigkeit und Passfähigkeit im Parteiapparat.

ZEIT: Sie schreiben vom Widerspruch zwischen der öffentlichen und der privaten Person Honecker.

Sabrow: Das Bild der zwei Körper des Königs gilt auch für kommunistische Herrscher. Das Individuum soll die kollektive Parteiherrschaft verkörpern. Seine Individualität geht dabei verloren. So posierte Honecker, als Mann mittleren Alters, bei einem seiner Krimbesuche in einem kurzen Matrosenanzug – neckisch und braun gebrannt. Das zu veröffentlichen war undenkbar, das Ministerium für Staatssicherheit hat solche Bilder sofort unter Verschluss genommen.

ZEIT: Honecker war Sozialist, Kleinbürger, Machthaber: Wie viele Honeckers gab es?

Sabrow: Ich glaube nicht, dass man den Mann in verschiedene Honeckers aufspalten kann. Rolle und Persönlichkeit verschwimmen miteinander. Man kann eher historische Zeitschichten voneinander abgrenzen, als hinter der öffentlichen, historischen Persönlichkeit eine andere zu entdecken. Da bleibt er zeitlebens ein Kleinbürger.

ZEIT: Dem es um einfache Wahrheiten ging.

Sabrow: Honecker hat seine aus der saarländischen Lebenswelt in Wiebelskirchen bezogenen Politikziele bis ins Alter bewahrt: eine bezahlbare Wohnung für jeden, ein gesichertes Auskommen und eine geregelte Freizeit. Dass Honecker als Inbegriff der Kleinbürgerkultur gilt, kommt eher daher, dass seine Herrschaftsära für eine Zeit steht, die den utopischen, vorwärtsstürmenden Charakter des kommunistischen Experiments eingetauscht hatte gegen die pragmatische Vision des Machterhalts.

ZEIT: Honecker lebte in einem potemkinschen Staat. War er blind dafür, oder war er bloß stur?

Sabrow: Das Selbstbild des DDR-Sozialismus beruhte auf einer Selbsttäuschung. Diese künstliche Sinnwelt funktionierte, weil sie abgeschlossen war. Sie erodierte, als die international anerkannte DDR sich mehr und mehr westlichem Denken und westlichen Kultureinflüssen aussetzen musste. Besonders die Machtelite begriff ihre künstliche Sinnwelt gern als reale Welt. Damit Honecker nicht an seinem Glauben irre werden musste, dass in der DDR alles in Ordnung sei, wurde die Protokollstrecke von Wandlitz nach Berlin-Mitte entsprechend ausgestattet: Die Straßen waren in Ordnung, bis in den ersten Stock waren die Häuser anständig gestrichen, kein Schimmel war zu sehen. Dieses mühsam erzeugte Trugbild entsprach dem Verständnis von Normalität im Denken der Elite.

ZEIT: War er nicht nur Täter, sondern auch Getäuschter?

Sabrow: Die Täter-Opfer-Begrifflichkeit hilft hier nicht viel weiter. Kommunistische Herrschaft hatte sehr viel mit Autosuggestion zu tun, sie blieb in den Widersprüchen ihrer selbst erzeugten Künstlichkeit gefangen. Etwa wenn Honecker Westprodukte genoss und Coca-Cola trank, ohne das öffentlich zu zeigen. Auf der anderen Seite wurden unglaubliche Anstrengungen unternommen, um ihm das Bild einer DDR als Überflussgesellschaft vorzuspiegeln.

 Honecker und die Lederjacke von Udo Lindenberg

ZEIT: Ein wichtiger Westkontakt ist mit dem Namen Udo Lindenberg verbunden. Hat Honecker die Geschichte mit der Lederjacke berührt?

Sabrow: Ich kann nicht sagen, was ihn im Innern bewegte. Aber Lindenberg spielte durch die Art seines Auftretens – und durch seinen Umgang mit der kultischen Lederjacke – gezielt auf das Selbstverständnis eines kommunistischen Jugendfunktionärs an, der seine politische Sozialisation in der kommunistischen Jugendbewegung der zwanziger, dreißiger Jahre erhalten hat. Die Lederjacke als Jugendsymbol: Das war ein Appell an den jungen Mann im alten.

ZEIT: Honecker war bescheiden und byzantinisch zugleich: War das gelebte Schizophrenie?

Sabrow: Das war eine Symbiose. Honecker war kein schwelgender Despot, der sich am Luxus geraubter Güter weidete. Sein Essen war einfach, sein Haus war schlicht eingerichtet. Doch zugleich standen ihm Hunderte von Mitarbeitern zur Seite, um ihm jeden Wunsch von den Lippen abzulesen.

ZEIT: Welchen zum Beispiel?

Sabrow: Honecker ließ sich im Urlaub auch auf die verbotene Ostsee-Insel Vilm die Brötchen liefern, die er in Wandlitz bezog. Sie wurden dann täglich von Wandlitz nach Vilm transportiert, per Auto. Dieser Aufwand war Honecker beim Genuss seines bescheidenen Honigbrötchens vermutlich nicht bewusst. Es gibt diese unglaubliche potemkinsche Privilegienwirtschaft von Wandlitz, und es gibt den Honecker, der in seinen Genüssen bescheiden blieb, keinen Personenkult mit Ölporträts und Briefmarkenserien dulden mochte und seine Kritiker auf den abgeschabten Teppich in seinem Wohnzimmer hinwies.

ZEIT: Klingt, als sei er bescheiden gewesen.

Sabrow: Eine Ausnahme gibt es: die kaum begreifliche Intensität seiner Jagdlust, die man als verschwiegenen Eskapismus deuten kann, als Versuch, durch ein Hobby, dem man mit wenigen Jagdgenossen im einsamen Wald nachgeht, den Problemen zu entkommen, die der politische Alltag der aussichtslosen Herrschaft von Jahr zu Jahr stärker stellte.

ZEIT: Wann war der Niedergang für ihn absehbar?

Sabrow: Sicherlich von Ende 1987, Anfang 1988 an. Als er immer hilfloser zwischen Ostbindung und Westorientierung lavieren musste, mit Moskau das Bollwerk des sozialistischen Diktatursystems verlor und im »deutsch-deutschen Techtelmechtel« vor allem die Destabilisierung des eigenen Regimes erntete. Spätestens 1989 erlebte er die Situation wohl selbst als so ausweglos, dass er im Nachhinein bekannte, mit dem Gedanken an eine deutsch-deutsche Konföderation unter der Führung des Saarländers Honecker in Ostdeutschland und des Saarländers Oskar Lafontaine im Westen gespielt zu haben.

ZEIT: Dachte der Konstrukteur der Mauer tatsächlich über deren Überwindung nach?

Sabrow: In ihrer Sichtbarkeit war sie auch ihm ein Ärgernis – und die Planung einer weniger auffälligen High-Tech-Mauer schon in vollem Gange. Faktisch aber zielte die vage, nie politische Gestalt erlangende Konföderationsidee im Denken Honeckers doch wohl eher – sinnbildlich – auf eine diskrete Westverschiebung der Mauer. Er wollte, dass die DDR-Staatsbürgerschaft anerkannt wird.

ZEIT: Was hätte das bewirkt?

Sabrow: Es hätte die nach Westen entkommenen DDR-Flüchtlinge ihres sicheren Hafens in der Bundesrepublik beraubt und mit Rücküberstellung in die DDR bedroht.

ZEIT: Sollte es wirklich eine saarländische Liaison mit Lafontaine als Kanzler und Honecker als ostdeutschem Regierungschef geben?

Sabrow: Lafontaine spielte hier nach meinem Kenntnisstand keine aktive Rolle. Wohl aber deuten manche Indizien darauf hin, dass Honecker seinen sentimentalen Saarpatriotismus als historische Chance begriffen haben könnte. Ohne das Eingreifen der aufbegehrenden DDR-Bevölkerung hätten nach den Bundestagswahlen 1990 und dem vorgezogenen zwölften Parteitag der SED im selben Jahr womöglich mit Honecker und Lafontaine zwei Saarländer an der Spitze der deutschen Staaten gestanden. Dass danach der Tausch von wirtschaftlicher Hilfe gegen politische Erleichterungen zu einer deutsch-deutschen Vertragsgemeinschaft hätte führen können, wäre kein völlig absurdes Kalkül Honeckers gewesen. Es könnte erklären, warum der greise Diktator sich bis zur Entmachtung so starrsinnig an seiner aussichtslosen Herrschaft festklammerte, obwohl er sich viele Jahre zuvor doch an Titos Grab selbst versprochen hatte, so nicht zu enden. 

ZEIT: Muss man sich den Staatschef Erich Honecker als glücklichen Menschen vorstellen?

Sabrow: Ich möchte ihn mir eigentlich gar nicht vorstellen. Ich schreibe aus der Distanz des Zeithistorikers und nicht aus der Einfühlung des Psychologen. Mir geht es darum, Honeckers Rolle in der kommunistischen Herrschaft zu entschlüsseln. Ihm waren, wie wohl jedem anderen, ebenso glückliche wie auch weniger glückliche Momente beschieden. Auf der persönlichen Seite hat ihn, nach dem, was wir wissen, wohl der Tod seiner Enkeltochter Mariana 1988 tief getroffen. Honecker war zumindest bis September 1987, bei seinem Besuch in Westdeutschland, ein Mensch, der sicherlich zufrieden auf ein aus seiner Sicht gelungenes Lebenswerk schaute. Die Zeit danach, bis zum Tod, bedeutete für Honecker hingegen eine mehr und mehr fast traumatisch erlebte Verkehrung von Erfolg in Scheitern, von Anerkennung in Verfolgung, von Glück in Unglück.

 Honecker war nicht harmlos

ZEIT:Ulbricht baute die Mauer,Mielke hielt sie stabil. War Honecker dagegen harmlos?

Sabrow: Man hält ihn für harmlos, weil seine politische Selbstaufgabe 1989 gewaltlos verlief. Hätten wir ihn in seiner Zeit als Gründungsvorsitzender der FDJ kennengelernt oder als den zupackenden Organisator des Mauerbaus – oder als den Machtpolitiker, der 1965 die Fronde gegen Ulbrichts halbherzige Reformversuche anführt –, dann hätten wir den Begriff der Harmlosigkeit sicher nicht verwendet.

ZEIT: Was war Honeckers politische Stärke?

Sabrow: Bis 1989 war er ein sehr effizienter Machttechniker. Seine nie aufgegebene Bewunderung für Stalin verband er mit einem politischen Pragmatismus, der ihn in den achtziger Jahren auch den Schulterschluss mit der Inkarnation des Klassenfeindes in Gestalt von Franz Josef Strauß suchen ließ. Derselbe Mann, der sich noch in seinen letzten Aufzeichnungen nicht entschieden von Stalin distanzieren mochte, konnte sich auf der anderen Seite eine Annäherung an die Bundesrepublik gut vorstellen. In der Zeit seiner Herrschaft trat er fast nie als Scharfmacher auf, sondern meist als Moderator. In der Regel zog er in Konflikten Nachgiebigkeit der prinzipientreuen Härte vor, wenn es die Machtfrage nicht tangierte.

ZEIT: Politische Gegner verfolge man.

Sabrow: In der Tat. Das Plenum des Zentralkomitees vom Dezember 1965, das jede Liberalisierung in der Kulturpolitik brutal unterdrückte, ist dafür ein gutes Beispiel. Später, als Generalsekretär, versuchte Honecker aber durchaus – auch gegen Widerstände im Sicherheitsapparat – hier und da moderierend einzugreifen. Vor allem überführte er die offene Repression des Stalinismus in die verdeckte Repression der Fürsorgediktatur, in die Machtsicherung durch eine immer weiter ausgedehnte Überwachung und Kontrolle. Das war nicht seine individuelle Handschrift; der Wandel der kommunistischen Machttechnik entsprach dem Wandel der politischen Kultur in der Spätphase des Kalten Krieges.

ZEIT: Wenn er autoritärer aufgetreten wäre ...

Sabrow: ... hätte das die SED-Herrschaft vermutlich eher beseitigt – oder zu einem Bürgerkrieg geführt. Dennoch muss man daran erinnern, dass Honecker noch am 16. Oktober 1989 bei der Leipziger Montagsdemonstration den Gedanken erörterte, zur Abschreckung Panzer auffahren zu lassen. Was dann nicht umgesetzt wurde.

ZEIT: Er war eine seltsame Chimäre.

Sabrow: Ja! Aber viel weniger als individuelle Person denn als Politiker. An der Person Honeckers lässt sich die Metamorphose kommunistischer Herrschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschreiben – wie an der Edward Giereks oder János Kádárs oder Leonid Breschnews.

ZEIT: Die Zerrissenheit Honeckers zeigt sich auch an seiner Haltung zur Kirche: Die Diakonie etwa bestritt einen beträchtlichen Teil des Sozialwesens der DDR. Wie ging Honecker damit um?

Sabrow: Auch die Pflege seiner ersten Ehefrau vertraute er einem Berliner Krankenhaus an, das ein katholischer Orden betrieb. Ich kenne keine Äußerungen Honeckers dazu, aber sicherlich lagen ihm lagerübergreifende Kooperationen mehr als seinem Vorgänger Ulbricht. Die ideologischen Schranken gegenüber Christen und überhaupt Nichtkommunisten waren für ihn schon deshalb weniger hoch, weil er bereits in den späten 1920er Jahren im Kommunistischen Jugendverband Aktionsbündnisse etwa mit der katholischen Jugend geschlossen hatte. Da empfand er geringere Berührungsängste als andere.

ZEIT: Das Buch mit Honeckers letzten Briefen verkauft sich, wie man hört, im Westen besser als im Osten. Wie erklären Sie sich das?

Sabrow: Erstaunlich! Glauben kann ich es eigentlich nicht. Eine naheliegende Erklärung läge vielleicht in der größeren Kaufkraft in den westlichen Bundesländern. Es mag auch sein, dass das Bedürfnis nach politischer wie moralischer Distanzierung vom SED-Regime und seinen Repräsentanten auch im Osten allmählich auszulaufen begonnen hat. Dass auf diese Weise das bislang vergleichsweise größere Interesse der Ostdeutschen an der Auseinandersetzung mit dem langjährigen Machthaber abgeklungen ist.

ZEIT: Wenn Sie Ihre Eindrücke zusammenfassen würden: Wer war Erich Honecker?

Sabrow: Für mich ist er eine Personifikation der Widersprüche, die die kommunistische Weltordnung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zu ihrem fast lautlosen Untergang durchzogen. Er war ein Autokrat, der an die Kollektivität seiner Herrschaft und an ihren Konsens mit den Massen glaubte. Er war ein pragmatischer Stalinist, der moderat in der Machtausübung sein konnte und zugleich bedenkenlos entschlossen in der Machtsicherung. Honecker verband persönliche Bescheidenheit mit dem Byzantinismus eines im personellen Aufwand fast morgenländischen Hofstaates, und er verbarg hinter der reizlosen Glätte einer geschönten Biografie eine windungsreiche Lebensgeschichte. Er war Repräsentant einer aussichtslosen Herrschaft, die er über ihr historisches Verfallsdatum hinaus gerade durch starrsinnige Realitätsverweigerung aufrechterhielt.