100. GeburtstagEin Bild für eine wunderbare Zukunft

Das ikonische Porträt des obersten Sozialisten hing einst in der gesamten DDR. Was soll das Foto uns sagen? Die Schriftstellerin Sibylle Berg versucht eine Deutung. von Sibylle Berg

Als Erich Honecker an der Wand hing, sah ich ihn nicht. So wie die meisten DDR-Bewohner das Bild in Babyblau nicht bewusst wahrnahmen. Er war eben da, im öffentlichen Raum, wie anderenorts das Kreuz an der Wand, ein Symbol, das wenigen viel bedeutete. Ulbricht hatte ich noch gesehen – ich war jung genug gewesen, um an die Geschichte des gütigen Landesvaters Lenin und dessen Shining -Zwilling Ulbricht zu glauben. Für Honecker war ich bereits zu alt, die Vater-Geschichte zog nicht mehr, ich hatte zu viel verstanden. Oder sagen wir: gefühlt. Zum Verstehen hätte es Informationen bedurft, die uns nicht zugänglich waren.

Viele fühlten zu Honeckers Zeit Hoffnungslosigkeit. Da half auch das Bild nicht. Gegen einen persönlichen Status, der nicht verbesserbar ist, helfen keine noch so intelligent inszenierten Staatsmänner. Heute wissen wir von der fast obsessiven Bürgerlichkeit Honeckers, damals wäre ich gerne bürgerlich gewesen, wenn es das Bewohnen eines heizbaren Bungalows auf einem Waldgelände bedeutet hätte. Honecker, mit seinem Witz von einem Hütchen, der überschnappenden Stimme, der sado-masochistischen Ehe. Bevor im Osten Sadomasochismus ein Begriff war, spielte das Paar Honecker die Rolle von Dominanz und Unterwerfung.

Anzeige
Sibylle Berg

Sibylle Berg, geboren in Weimar, lebt in der Schweiz. Im Juli erschien ihr Roman "Vielen Dank für das Leben".

Herr Honecker hatte mit seinem Werbeberater alles richtig gemacht. Er war auf seinem Foto der neue Mann für die wunderbare Zukunft. Überirdisch, unerreichbar und zugleich mit einem Blick, den man später in seiner Eindringlichkeit nur von Osho kennen sollte. Nicht unfassbar in die Weite, sondern direkt in das Herz der Bürger blickte er – und schien zu ahnen, was sie wollten, die Menschen im Land der angeblichen Gleichheit. Während Stalin meist vor rotem Hintergrund (Leidenschaft! Aggression!) abgebildet wurde, schwebte Honeckers körperloser Kopf vor einem Hellblau, das in seiner Intensität nur noch vom Aquamarinblau Tiffanys übertroffen wird. Wusste er, dass ein in Blau gemalter Elefant in Indien als Zeichen für höchste Vergeistigung und göttliche Erleuchtung gilt? Fühlte sich Honecker als Elefant? Kannte er Indien, und wenn ja, warum kannten wir es nicht?

Blau ist die bei Männern und Frauen gleichermaßen beliebteste Farbe. (Tragen darum kleine Jungen blaue Strampler?) Himmel und Wasser, Ruhe, Vertiefung, Sehnsucht, Entspannung, Treue, Sicherheit, Zusammenarbeit, Harmonie, Hingebung, Freundschaft. Alles Zuschreibungen der Farbe Blau. Fast von einem Heiligenschein scheint Honeckers faltenloses, zart lächelndes Gesicht umgeben. Das Bild hatte nur einen kleinen Fehler: Die Menschen, die an das System Sozialismus glaubten, taten es auch ohne Heiligenbild. Die anderen waren verloren. Vielleicht ein kleines Symbol des nahenden Unterganges: Blau war immer der am leichtesten und am billigsten zu gewinnende Farbstoff.

Honecker hatte keine Größe, keine Wucht. Wir, die wir ein neues System wollten oder einfach nur die Freiheit – wir, die wir keine Diktatur mehr ertrugen und die Flucht planten, in Briefen um die Ausreise ersuchten – wir, die wir in Gefängnissen saßen oder einfach aufgegeben hatten und ohne erkennbare Lebensfreude unsere Lebenszeit absaßen – wir interessierten uns nicht für Honecker, nicht für die Nachrichten, nicht für die SED.

Die Utopie des Kommunismus war in einer unglaublichen Geschwindigkeit am Menschen gescheitert, der kaufen wollte und nicht teilen. Der sich besser fühlen wollte als sein Nachbar und sein Leben nicht im Takt schlechter Fünfjahrespläne verschwinden sehen wollte. Honecker taugte weder zum Guru noch zum Diktator, aber vielleicht war es in den siebziger Jahren sowieso schon zu spät. Die DDR war kein abgeschottetes Bhutan , wir wussten, dass Menschen aus nahe gelegenen Ländern nach Italien fuhren, dass sie, entgegen der Propaganda, nicht alle drogenabhängig und arbeitslos waren.

Wir waren gescheitert, doch ohne die Verantwortung dafür zu tragen. Und Honeckers Bild, das später als Witz in Ostalgiekneipen hängen und auf Flohmärkten verramscht werden sollte, das sahen wir nicht. Wir sahen den Putz nicht, der von den Häusern fiel, wir sahen die Farbe Grau nicht, die den Winter beherrschte, in dem wir froren. Wir hatten keine Hoffnung mehr auf eine Zukunft, in der alle Hand in Hand ins Licht gehen. Da war verdammt kein Licht. Da war nur unsere Heimat, in der sich außer den überzeugten Kommunisten und den Parteimitgliedern nur wenige zu Hause fühlten, da waren Menschen, die sich mit all den Krankheiten, Verlusten, mit dem Frühling und der Liebe, den Kindern, dem Ärger im Büro, mit den Ängsten und der Fröhlichkeit durch ein Leben bewegten, das auch ohne Stasi, auch mit Konsum und Fernreisen anstrengend ist. Vielleicht war Honecker ein Opfer der eigenen Schwäche, vielleicht war er glücklich, wie er da hing, über uns allen schwebend, uns alle überwachend. Wir werden es nicht erfahren. Das perfekte Bild eines Staatsoberhauptes ist heute zu einem lauen Witz geworden, wir leben in der besten aller Zeiten. An den Wänden hängt das gerahmte Wort: Mehr! Wir sind glücklich.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • simlei
    • 24. August 2012 18:06 Uhr

    Ansonsten ja, vom Osten nichts Neues. Ich freu mich schon auf Ostverklärer und ihre Gegner *Popcorn greif*

    Eine Leserempfehlung
  1. nachdem ich erst einmal nachgesehen hatte, wer Frau Berg ist, brauchte ich nicht weiter lesen. Ihre Meinung hatte sie im Jahre 1984 ja schon sehr deutlich gemacht.

    Was interssiert mich an der DDR - Vergangenheit unter vielen anderen?

    1. Wie wirkte sich die nicht frei konvertierbare Binnenwährung auf die Wirtschaft in der DDR aus?
    2. Welche wirtschaftlichen Beziehungen unterhielt die Abteilung unter Herrn Schalck - Golodkowski?
    3. Welche Auswirkungen hatte die COCOM - Liste auf die Forschung in der DDR?
    4. Welche Kanäle wurden für den Austausch oder das Freikaufen von Gefangenen genutzt?
    5. Welche Dinge wurden im Zusammenhang mit dem spezifischen Transit (BRD - Westberlin und umgekehrt) zwischen der DDR und der BRD vereinbart?
    6. Welche Rolle spielte die Kirche insgesamt in der DDR?

    Und wenn die Beantwortung dieser Fragen von einem DDR - verbundenen Kommentatoren und meinetwegen auch von einem DDR - kritischen gegeben werden, könnte man sich vielleicht mal irgendwann ein objektives Bild machen.

    Diese emotionale Darstellung von Leuten ist m. E. nun lange genug verbreitet worden. Vielleicht wenden wir uns ja mal den verbürgten historischen Tatsachen zu.

    3 Leserempfehlungen
  2. war für die vor 1930 Geborenen eher Anklage als Witz, hatte er doch wegen seiner aktiven Bekämpfung des Naziregimes im Zuchthaus gesessen. Dieser Aspekt spielte auch bei den Jüngeren noch eine Rolle, wenn auch mit zunehmendem zeitlichen Abstand immer weniger

  3. Ich mag die bemüht zusammengerührte Küchenpsycho nicht.
    Ich finde die nicht ausgebleichten Flecken interessant, die dort prangen wo einst E.H.s Porträt hing

    • APGKFT
    • 24. August 2012 19:23 Uhr

    diese Frau ja andienen.

    Eine Leserempfehlung
  4. hängt auch heute in unserem Land in Amtsstuben, Schulen u.s.w..

    Nur heute darf man sich bereits über Versager lustig machen, bevor sie nach 18 Monaten oder etws später aus dem Amt fliehen oder gejagt werden.

    Und die Beurteilung in der Nach-Amtszeit ist auch anders. Da gibt es sogar bei Versagern Pensionserhöhungen in Größenordnungen, für die ehrliche Menschen ein Jahr arbeiten müssten.

  5. Er kam aus der FDJ-Organisation. Das Himmelblau hatte dort eine tiefverankerte Bedeutung. Er trat die ersten Jahrzehnte immer in dem himmelblauen Hemd auf, bevor Egon Krenz die Aufgabe des Berufsjugendlichen uebernahm. Er hat Ulbricht mehr oder weniger gestuerzt. Er hielt sich mit jugendlicher Frische fuer den gesellschaftlichen Impulsgeber, nun seine mit Handwerkerverstand halb- und falschbegriffene Version von Marxismus/Leninismus (bzw. was auch immer seine theoretische Basis war) am lebenden Objekt auszuprobieren. Die gewonnenen politischen Kaempfe und Machtkaempfe innerhalb der DDR-Kommunisten haben ihn auch selbstbewusst genug werden lassen, zu glauben, dass sein in jugendlichen Jahren vorhandener Sexappeal die Zeit ueberdauert hatte. Habe sonst keinen totalitaeren Staatsfuehrer so charmant mit einem mit so offenen guetigen Blick aus dem Bild aufs Volk laecheln sehen. Ich vermute, dass er sich einfach hier Optionen jenseits Margot offenhalten wollte. So eine Art Annonce. Man konnte nie wissen.

    Eine Leserempfehlung
  6. Oliver Pocher!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Erich Honecker | DDR | Sibylle Berg | Staatsoberhaupt | Stasi | Bhutan
Service