Als Erich Honecker an der Wand hing, sah ich ihn nicht. So wie die meisten DDR-Bewohner das Bild in Babyblau nicht bewusst wahrnahmen. Er war eben da, im öffentlichen Raum, wie anderenorts das Kreuz an der Wand, ein Symbol, das wenigen viel bedeutete. Ulbricht hatte ich noch gesehen – ich war jung genug gewesen, um an die Geschichte des gütigen Landesvaters Lenin und dessen Shining -Zwilling Ulbricht zu glauben. Für Honecker war ich bereits zu alt, die Vater-Geschichte zog nicht mehr, ich hatte zu viel verstanden. Oder sagen wir: gefühlt. Zum Verstehen hätte es Informationen bedurft, die uns nicht zugänglich waren.

Viele fühlten zu Honeckers Zeit Hoffnungslosigkeit. Da half auch das Bild nicht. Gegen einen persönlichen Status, der nicht verbesserbar ist, helfen keine noch so intelligent inszenierten Staatsmänner. Heute wissen wir von der fast obsessiven Bürgerlichkeit Honeckers, damals wäre ich gerne bürgerlich gewesen, wenn es das Bewohnen eines heizbaren Bungalows auf einem Waldgelände bedeutet hätte. Honecker, mit seinem Witz von einem Hütchen, der überschnappenden Stimme, der sado-masochistischen Ehe. Bevor im Osten Sadomasochismus ein Begriff war, spielte das Paar Honecker die Rolle von Dominanz und Unterwerfung.

Herr Honecker hatte mit seinem Werbeberater alles richtig gemacht. Er war auf seinem Foto der neue Mann für die wunderbare Zukunft. Überirdisch, unerreichbar und zugleich mit einem Blick, den man später in seiner Eindringlichkeit nur von Osho kennen sollte. Nicht unfassbar in die Weite, sondern direkt in das Herz der Bürger blickte er – und schien zu ahnen, was sie wollten, die Menschen im Land der angeblichen Gleichheit. Während Stalin meist vor rotem Hintergrund (Leidenschaft! Aggression!) abgebildet wurde, schwebte Honeckers körperloser Kopf vor einem Hellblau, das in seiner Intensität nur noch vom Aquamarinblau Tiffanys übertroffen wird. Wusste er, dass ein in Blau gemalter Elefant in Indien als Zeichen für höchste Vergeistigung und göttliche Erleuchtung gilt? Fühlte sich Honecker als Elefant? Kannte er Indien, und wenn ja, warum kannten wir es nicht?

Blau ist die bei Männern und Frauen gleichermaßen beliebteste Farbe. (Tragen darum kleine Jungen blaue Strampler?) Himmel und Wasser, Ruhe, Vertiefung, Sehnsucht, Entspannung, Treue, Sicherheit, Zusammenarbeit, Harmonie, Hingebung, Freundschaft. Alles Zuschreibungen der Farbe Blau. Fast von einem Heiligenschein scheint Honeckers faltenloses, zart lächelndes Gesicht umgeben. Das Bild hatte nur einen kleinen Fehler: Die Menschen, die an das System Sozialismus glaubten, taten es auch ohne Heiligenbild. Die anderen waren verloren. Vielleicht ein kleines Symbol des nahenden Unterganges: Blau war immer der am leichtesten und am billigsten zu gewinnende Farbstoff.

Honecker hatte keine Größe, keine Wucht. Wir, die wir ein neues System wollten oder einfach nur die Freiheit – wir, die wir keine Diktatur mehr ertrugen und die Flucht planten, in Briefen um die Ausreise ersuchten – wir, die wir in Gefängnissen saßen oder einfach aufgegeben hatten und ohne erkennbare Lebensfreude unsere Lebenszeit absaßen – wir interessierten uns nicht für Honecker, nicht für die Nachrichten, nicht für die SED.

Die Utopie des Kommunismus war in einer unglaublichen Geschwindigkeit am Menschen gescheitert, der kaufen wollte und nicht teilen. Der sich besser fühlen wollte als sein Nachbar und sein Leben nicht im Takt schlechter Fünfjahrespläne verschwinden sehen wollte. Honecker taugte weder zum Guru noch zum Diktator, aber vielleicht war es in den siebziger Jahren sowieso schon zu spät. Die DDR war kein abgeschottetes Bhutan , wir wussten, dass Menschen aus nahe gelegenen Ländern nach Italien fuhren, dass sie, entgegen der Propaganda, nicht alle drogenabhängig und arbeitslos waren.

Wir waren gescheitert, doch ohne die Verantwortung dafür zu tragen. Und Honeckers Bild, das später als Witz in Ostalgiekneipen hängen und auf Flohmärkten verramscht werden sollte, das sahen wir nicht. Wir sahen den Putz nicht, der von den Häusern fiel, wir sahen die Farbe Grau nicht, die den Winter beherrschte, in dem wir froren. Wir hatten keine Hoffnung mehr auf eine Zukunft, in der alle Hand in Hand ins Licht gehen. Da war verdammt kein Licht. Da war nur unsere Heimat, in der sich außer den überzeugten Kommunisten und den Parteimitgliedern nur wenige zu Hause fühlten, da waren Menschen, die sich mit all den Krankheiten, Verlusten, mit dem Frühling und der Liebe, den Kindern, dem Ärger im Büro, mit den Ängsten und der Fröhlichkeit durch ein Leben bewegten, das auch ohne Stasi, auch mit Konsum und Fernreisen anstrengend ist. Vielleicht war Honecker ein Opfer der eigenen Schwäche, vielleicht war er glücklich, wie er da hing, über uns allen schwebend, uns alle überwachend. Wir werden es nicht erfahren. Das perfekte Bild eines Staatsoberhauptes ist heute zu einem lauen Witz geworden, wir leben in der besten aller Zeiten. An den Wänden hängt das gerahmte Wort: Mehr! Wir sind glücklich.