Foto von der Eröffnung © Rüdiger Trautsch

1983 öffnet am Heidenkampsweg in Hamburg ein kleiner Club, der in Deutschland Musikgeschichte schreiben wird. Zum ersten Mal legen in diesem Keller nahe des Berliner Tors DJs House-Platten auf. Dank einer Facebook-Gruppe findet an diesem Wochenende eine Erinnerungsparty statt, um in das 30. Jahr hineinzufeiern. Wir haben uns die Geschichte des Front noch einmal erzählen lassen von denen, die dabei waren: von Gästen, DJs, Mitarbeitern.

Nadine Barth: Ich war bei der Eröffnung mit Rüdiger Trautsch, einem Fotografen. In dem Club war es düster, lauter Lederkerle, höchstens eine andere Frau. Künstlicher Nebel waberte ab und zu über die Tanzfläche, links und rechts davon gab es Podeste, auf denen Männer rummachten. Ich war benebelt von diesem Poppers-Geruch – scharf, beißend, ein bisschen wie Chlor. Wir nahmen das auf der Tanzfläche, einer reichte ein kleines Fläschchen herum, jeder durfte mal kurz daran schnüffeln, und man fühlte ein kurzes High.

Michael Schlotfeldt : Es gab eine Weile das Gerücht, die Front-Gründer Willi Prange und Philip Clarke hätten das Zeug ins Gebläse der Klimaanlage eingespeist – was nicht stimmte. Das Neue am Front war, dass es ein offener Club war – für eine Generation, die nicht mehr mit ihrem Coming-out kämpfte. Da amüsierten sich Heteros, Lederkerle und Wolfgang Joop in einem Raum miteinander.

Klaus Stockhausen : Im April 1983 kam ich von Köln nach Hamburg. Ich weiß noch, wie ich in den Club hineingehe, schon etwas beschwipst, und auf einmal wirft sich ein kleiner, stämmiger Typ vor mir auf den Boden und betet mich wie eine indische Gottheit an. Das war Willi Prange. Er erzählte mir, dass er jeden Sonntag von Hamburg nach Köln gefahren war, um mich als DJ im Coconut zu erleben. An diesem Abend habe ich keinen Drink mehr zahlen müssen. Willi bauchpinselte mich so lange, bis ich versprach, bei ihm aufzulegen. Zwei Wochen später bin ich fast über Nacht nach Hamburg gezogen und wurde DJ im Front.

NadineBarth : Nach einigen Wochen wurde es schick, ins Front zu gehen. Der Freitag war nach wie vor rein schwul, samstags wurde es gemischter. Wolfgang Joop hatte mich als Model entdeckt, ich kam nicht mehr so oft. Im Dezember 1983 arbeitete ich auf einer Weihnachtsparty im Front, ich war ganz in Weiß als Friedensengel gekleidet, meine Freundin gab in Schwarz den Todesengel. Da wurden die Tannenbäume mit roter Farbe bespritzt, ständig liefen Sirenen, alles wirkte martialisch. Das habe ich dann für einen Artikel im stern aufgeschrieben. Als ich im Januar das nächste Mal hinging, stand Willi an der Tür und sagte: "Du nicht, du hast Hausverbot!"

Klaus Stockhausen : Ins Front passten nicht mehr als 600 Menschen. Es gab Beton an den Wänden, Neonröhren an der Decke und moderne Musik – eine Mischung aus Grace-Jones-Soul, High-Energy und britischer Disco-Musik. Einmal habe ich Frankie Goes to Hollywoods Two Tribes mit Caterina Valentes Sing noch einmal für mich, Caballero gemischt, da sind die Leute ausgerastet. Sehen konnte ich das von meiner DJ-Kabine aus nicht, das war ein geschlossener Raum mit sechs Bullaugen. Deshalb spielte ich Musik, zu der die Menschen auf der Tanzfläche schrien. Wenn ich das Kreischen hörte, wusste ich: Alles ist gut.

Christiane Arp: Als ich 1984 zum ersten Mal im Club war, eilte Klaus Stockhausen schon der Ruf voraus, die beste Tanzmusik in Hamburg aufzulegen. Ich sehe mich noch, wie ich in dem Club stehe, mit offenem Mund. 1982 kam Querelle von Fassbinder ins Kino. Im Front hatte ich das Gefühl, in einer Szene dieses Films gelandet zu sein. Überall diese Männer mit den tief ins Gesicht gezogenen Lederkäppis und den Schnauzbärten. Der Schriftsteller Burkhard Driest lief obercool, ganz in Leder gekleidet, über die Tanzfläche.

Carolin Emcke : Es war eine völlig andere Welt, anders als alles, was ich sonst kannte. Ein Kaleidoskop von allen, die ansonsten so- zial unsichtbar waren – Schwule, Ausländer, Transen. Fast extraterritorial. Der erste Ort, wo ich mich sofort richtig fühlte. Das war ein Null-Nonsens-Laden, es gab nichts Überflüssiges im Club. Das hat mich sofort angezogen.

Boris Dlugosch: Gehört hatte ich von diesem Club schon 1984, mit 15 Jahren. Nach der Schule arbeiteten ein Freund und ich im Edeka-Markt in Eidelstedt, wir haben der Gemüsefrau geholfen, ihr Sohn Boris arbeitete an der Kasse im Front. Zu Hause haben wir uns Kassetten aus dem Front angehört – das war wie eine Offenbarung. Mit 16 gingen wir zum ersten Mal in den Club. Wir standen am Geländer und schauten, dass es keine Schlange gab. Dann gingen wir direkt zur Kasse, bezahlten bei Boris, noch bevor uns der Türsteher bemerken konnte. Drinnen war es unheimlich laut, die Neonlichter blitzten, überall tanzten Transen und Ledermänner. Ich hatte vorher Heavy Metal gehört, die Musiker trugen auch alle Leder, aber ich verstand schon, dass das hier völlig anders gemeint war. Zu erleben, wie die Masse zur Musik schreit, das war atemberaubend.

Christiane Arp: Ich habe einfach durchgetanzt. Manchmal habe ich die High Heels ausgezogen, eigentlich bin ich ja auf hohen Absätzen geboren. Ich trug Sweatshirts, deren Kragen ich so weit ausschnitt, bis sie locker über die Schulter hingen. Aber gegen die Jungs sahen wir Mädchen alle alt aus.