MassentierhaltungGrillfleisch mit Federn

Kleine Frage ans Veterinäramt: Wie viele Hühner krepieren in überhitzten Ställen? von Hilal Sezgin

Man hat allmählich das Gefühl, alles über Massentierhaltung zu wissen, was es zu wissen gibt. Es werden zu viele Tiere auf zu engem Raum gehalten, sie entwickeln Aggressionen und Krankheiten. Sie sind überzüchtet, haben ein kaputtes Skelett, wachsen zu schnell, leben zu kurz. Das einzelne Tier ist nur eine Stelle weit hinterm Komma der Unternehmenszahlen, als Lebewesen ist es nichts wert.

Aber wie wenig so ein Leben wert ist – also da hat die Tierindustrie doch noch ein paar Überraschungen auf Lager. Die vergangenen Tage waren heiß, das haben auch wir Menschen gemerkt, aber die Tiere noch deutlicher. Hühner, zum Beispiel, können nicht schwitzen. Sie stellen die Flügel auf, um mehr Luft an den Körper zu lassen. Wie Hunde hecheln sie durch den Schnabel, doch das hält ihr Kreislauf nur wenige Stunden durch. Und diese Abkühlung funktioniert auch nur, wenn die Luft nicht zu feucht ist. Ab einer gewissen Sättigung findet keine weitere Verdunstung mehr statt.

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Nun sitzen diese Tiere in den Sommermonaten, statt im Freien kühle Plätze unter Bäumen aufzusuchen, zu Zehntausenden in Massenställen fest. Eine Sprühkühlung gibt feine Wassertröpfchen in die Luft ab. Doch wenn eine gewisse Temperatur erreicht und die Außenluft schwül ist, setzt die Physik diesem Kühlsystem Grenzen. Und darum sterben jeden Sommer Zigtausende von Hühnern, Puten und Enten einen gnadenlos langsamen Hitzetod.

In Österreich haben am vergangenen Wochenende etwa 5.000 Hühner einander bei dem Versuch erdrückt, durch einen Türspalt am Boden Frischluft zu erhaschen. Massenpanik wegen ein bisschen Frischluft. An der niederländischen Grenze und im Landkreis Verden musste die Feuerwehr Ställe von außen mit Löschwasser kühlen. Aus den Landkreisen Osnabrück und Nienburg heißt es, viele Betriebe hätten am vergangenen Wochenende »eine erhöhte Sterberate« zu verzeichnen gehabt. Im Landkreis Kleve verendeten 4.000 bis 6.000 Puten; weitere 10.000 bis 12.000 rettete die Feuerwehr, die externe Lüftungsgeräte einsetzte oder die Tiere ins Freie trieb.

Da fragt man sich: Wieso werden Tiere in solchen Notlagen nicht immer ins Freie getrieben? Hat man nicht die Pflicht, einen Stall zu öffnen, wenn man die Lebewesen vorher eingesperrt hat und für ihre Sicherheit nicht mehr garantieren kann? Hat man etwa Angst, die Tiere nicht wieder einfangen zu können, nach dem Motto: Eine weggelaufene Pute bringt genauso wenig Geld ein wie eine, die an Hitze verendet ist? Wie wäre es mit einem Zaun? Warum gibt es keine besseren Kontrollen im Sommer?

Aber es gibt wohl unterschiedliche Sichtweisen auf Situationen, in denen Tausende von empfindungsfähigen Geschöpfen wegen der Hitze krepieren. Beim niedersächsischen Landwirtschaftsministerium habe ich nachgefragt, wie oft Hitzetod bei Geflügel vorkommt. Das Ministerium (bei dem übrigens auch der Tierschutz angesiedelt ist) gab sich verblüffend optimistisch: Man habe zu derlei Vorfällen zwar keine Zahlen vorliegen. »Nach Einschätzung unserer Fachabteilung handelt es sich jedoch um seltene Einzelfälle.« Daran ist dreierlei sonderbar: Wieso besitzt das Ministerium des Agrarlands Niedersachsen dazu keine Zahlen? Wenn es keine besitzt, auf welcher Grundlage trifft es dann eine Aussage zur Häufigkeit? Und: Wie weit reicht eigentlich ein ministerieller Interpretationsspielraum bei der Formulierung »seltene Einzelfälle«?

Zumindest konnte ich klären, warum es keine Zahlen gibt: Es besteht schlicht keine Meldepflicht. Also habe ich selbst einfach stichprobenartig bei zwei Veterinärämtern angerufen: Beide sprachen von erhöhten Verlusten in den vergangenen heißen Tagen. Doch entsprechende Daten werden weder regelmäßig erhoben noch gesammelt. Die Vertreter beider Veterinärämter sagten mir, die Tierkörperbeseitigungsfirmen, die die Kadaver abtransportieren, informierten sie auf freiwilliger Basis, wenn es zu viele tote Tiere auf einmal seien. Bei »Auffälligkeiten«. Eine weitere Veterinärin sagte, man reagiere auf »Hinweise aus der Bevölkerung«. Was die verendeten Puten in Kleve angeht, betont der Kreissprecher: »Es war alles in Ordnung, man kann dem Betrieb nicht das Geringste anlasten.«

Nach innen dringt keine Frischluft, nach außen keine Information. Anscheinend ist es billiger, ein paar Tausend Kilo Lebendfleisch zu verlieren, als weniger Tiere in den Stall zu stopfen und effektivere Kühlsysteme einzubauen. Interessiert doch keinen. Alles korrekt, kein Handlungsbedarf. Im Übrigen könnten die Zahlen, die bei einer Meldepflicht herauskommen würden, den Konsumenten den Appetit verderben.

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Leserkommentare
  1. Da sieht man wie die Politiker unser Grundgesetz achten!

    Die Folge muß sein solche Haltungen zu verbieten u. überhaupt auf Fleisch (auch Fisch) zu verzichten!

    • Sambi
    • 02. September 2012 13:24 Uhr

    Vielen Dank für diesen sehr lesenswerten Artikel.
    Ich hoffe sehr, dass er viele, viele Leser findet.

    Kann man eigentlich ein Agrarministerium anzeigen, weil es seine Pflichten, die es auch den Tieren gegenüber hat, nicht erfüllt?

    • aeterna
    • 02. September 2012 17:44 Uhr

    Es ist wie eine FOLTER, wenn TAUSENDE von Nutztieren in MASSENbetrieben unter Glutzhitze eingepfercht sind!
    Ich möchte AM LIEBSTEN kein solches KZ-Geflügel essen müs-sen. Es sollte UNBEDINGT zur PFLICHT werden, Fleischproduk-te von diesen Tieren entsprechend zu kennzeichnen!
    AUSSERDEM sollte UNBEDINGTE Kennzeichnungspflicht bestehen,
    wenn Nutztiere GENTECHNISCH VERÄNDERTES Futtermittel zu fressen bekommen haben ...
    Wie wäre es denn, diesbezüglich entsprechend großen Druck auf das Bundeslandwirtschaftsministerium zu üben, dem Frau Aigner auch als Ministerin für VERBRAUCHERSCHUTZ vorsteht?!
    Das GLEICHE gilt auch für die entsprechenden Ministerien
    in den verschiedenen Bundesländern.
    Ich kann Fleisch- und Wurstwaren NICHT MEHR mit Genuss es-
    sen, seitdem ich von Massentierhaltung weiß.

    • Paar
    • 02. September 2012 23:09 Uhr

    Viel zu selten wird in den Medien über die entsetzlichen Folgen unseres übermässigen Fleischkonsums (oder besser: Konsums tierischer Produkte überhaupt) berichtet: wie er wesentlich beiträgt zum Hunger der Ärmsten in den Entwicklungsländern, zu Umweltzerstörung und Klimaveränderung, zu vielen Zivilisationskrankheiten bei den Konsumenten selbst - und vor allem natürlich zu unermesslichem Leid der Tiere.

    Und auch die Politik hat kein Interesse daran, sich dieses Themas anzunehmen, Zusammenhänge aufzudecken, Transparenz zu schaffen und für die Einhaltung der auch nur rudimentärsten gesetzlichen Vorgaben zu sorgen. Zu wichtig ist wohl der Wähler, dem sein tägliches Schnitzel heilig ist.

    Ein Aritkel wie dieser geht daher in die richtige Richtung - danke!

  2. ... und die Verluste können abgeschrieben werden, also die Steuerschuld verringern, so daß letztlich diejenigen Bürger die Dummen sind, die diese Möglichkeit nicht haben. Interessant wäre auch, zu erfahren, ob die Allgemeinheit die Einsätze der Feuerwehren bezahlt, die die größte Not mit "Löschwasser" linderten?
    Wenn diese und weitere Kosten (Baukostenzuschüsse, Infrastrukturmaßnahmen im Zusammenhang mit Stall- und Schlachthofneubauten, 50%-Beteiligung an den Kosten der Tierseuchenkasse, Umweltschäden durch Überdüngung und und und), an denen sich der Staat ohne Wissen der Bevölkerung finanziell beteiligt, auf die Preise geschlagen würde, wäre das an der Ladenkasse bezahlte billige Fleisch deutlich teurer.
    Wann endlich kapieren unsere Politiker, daß die industrialisierte Nutztierhaltung ein Irrweg ist, der Tiere, Umwelt und uns Menschen schadet?

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