Eines stand fest: Ich wollte etwas Extremes erleben, etwas, bei dem man auf Herz und Nieren geprüft wird. Schon als Kind segelte ich Jolle – mit großer Freude, aber ohne Ambition. Als mir das zu gentlemanhaft wurde, stieg ich um auf Katamaran. Wie ein Seewolf fühlt man sich bei alldem noch nicht, dafür ist das Feld zu hobbymäßig begrenzt. Erst das offene Meer, ahnte ich, würde dem Segeln existenziellen Ernst verleihen. Ich wollte mich der Gewalt und der Weite des Ozeans aussetzen.

Also rief ich beim Skipperteam in Hamburg an, das laut Anzeige in der Zeitschrift Yacht Segeltörns mit Profiskippern anbietet. Der Inhaber, Herr Schoenicke, nahm ab. Ich fragte, ob er etwas im Programm habe, wo man sich mal so richtig selbst kennenlerne, wenn er verstehe, was ich meine. Ich hätte keinerlei Hochseesegelerfahrung, es schwebe mir jedoch eine Atlantiküberquerung vor. Ungerührt antwortete Herr Schoenicke: Eine komplette Atlantiküberquerung sei vielleicht etwas arg heftig für den Anfang, aber sie hätten im Sommer einen 17-tägigen Törn von Dublin nach Island. Ob der, hakte ich nach, auch richtig wehtue, denn darum gehe es ja. Das habe er durchaus verstanden, und ich könne davon ausgehen, dass das kein Sonntagsspaziergang werde. Aber was, wenn ich seekrank würde? »Seekrank«, sagte Herr Schoenicke, »kann der erfahrenste Seebär werden. Aber der Törn dauert 17 Tage. Wenn Sie vier davon über der Reling hängen, haben Sie immer noch 13 gute Tage.« Ich sagte zu.

Im Stadtteil Dún Laoghaire liegt die Marina von Dublin. Dort hat unsere Jacht, die Sunrise, festgemacht. Unser Skipper Paul, Anfang 30, ist schon da, die Crew, fünf Männer, zwei Frauen, trudelt ein. Ich kenne meine Mitsegler nicht, aber sie haben alle deutlich mehr Segelerfahrung als ich. Einer reist direkt aus Kroatien an, wo er zwei Wochen lang gemütlich vor der Küste gekreuzt ist.

Erst mal muss Proviant her. Unser Törn führt, bevor wir zum kleinen Sprung über den Atlantik ansetzen, durch die Hebriden, da gibt es kaum Supermärkte, also kaufen wir Nahrungsmittel für über zwei Wochen ein. Kartoffeln, Reis, Nudeln. Koteletts, Hühnerbrust, Hackfleisch. Äpfel, Zucchini, Dosentomaten. Dazu jede Menge Kraftriegel und Schokolade. Bier, Wein, Wasser. Wir geben 1.200 Euro aus und verstauen alles in den verstecktesten Winkeln des Bootes. Platz ist knapp an Bord. Die Sunrise ist 14,70 Meter lang. Sie hat zwei Zweierkojen nach vorn und zwei nach hinten raus. Im Schiffsbauch in der Mitte ist der Salon, das heißt ein runder Tisch (an den wir acht gerade so passen), die Küchenzeile und die Radarstation.

Von Dublin nach Island

Gleich zu Beginn steht uns ein 24-Stunden-Schlag bevor: Wir müssen es an einem Stück bis zur schottischen Insel Islay schaffen. Der Himmel ist schwer verhangen, leichter Nieselregen. Schon nach kurzer Zeit ist keine Küste mehr in Sicht. Windstärke fünf, kräftiger Seegang. Die Sunrise schlägt auf die Wellen wie eine Bratpfanne. Gehe ich unter Deck, wird mir schwindlig. An Deck, konzentriert die Wellen betrachtend, habe ich keine Probleme. Außer dass es ungemütlich kalt ist und ich friere, obwohl ich zwei Lagen Thermounterwäsche aus Merinowolle trage, ein Fleece und darüber das sogenannte Ölzeug, also Goretex, wasserundurchlässig, denn von oben kommt Süßwasser, von der Seite Salzwasser. Ich werde nachrüsten müssen, ein weiteres Fleece kaufen und wärmere Socken für die Gummistiefel.

Obwohl die See grün-grau-düster ist, kann ich mich nicht sattsehen an ihr. Jede Welle hat eine besondere Form. Was am Meer monoton ist, ewig wiederkehrend, versetzt mich in meditative Stimmung. Die Gedanken rauschen durch den Kopf, als würden sich alle Verkrampfungen der Hirnwindungen plötzlich entspannen. Glücklich lecke ich das Salzwasser auf, das mir übers Gesicht rinnt.

In zwei Zweiergruppen und einer Dreiergruppe (zu der ich als Greenhorn gehöre) sind wir zur Wache eingeteilt. Tagsüber dauert eine Wache vier Stunden, nachts drei Stunden. Hat man von 18 bis 21 Uhr Wache, kann man versuchen, zwischen 21 und 3 Uhr zu schlafen, ehe man wieder ranmuss. Jetzt bin ich zum ersten Mal am Steuer der Sunrise. Die Wellen, die einen von schräg hinten erfassen, bringen das Boot jedes Mal leicht vom Kurs ab, also muss man gegensteuern. Für einen Anfänger ist das nicht leicht, weil man auf offener See keine Landmarken hat, an denen man sich orientieren könnte. Man muss nach Kompass fahren. Kurs 030. Alle fünf Minuten stürzt Paul, der eigentlich unter Deck das Abendessen vorbereitet, an Deck: »030, oder hast du dir ein anderes Ziel ausgedacht?« – »Du sollst hart am Wind bleiben, sonst kommen wir nie an!« Ich beiße die Zähne zusammen und frage mich, ob es pädagogisch nicht sinnvoller wäre, mich in entspanntem, motivierendem Tonfall auf Fehler hinzuweisen. Aber nach einer halben Stunde bleibt Paul in der Kombüse. Offensichtlich lernt man in der Kombination aus gekränktem Stolz und Angst-Adrenalin doch recht schnell.

 Wie ein Kleinkind, das die einfachsten Dinge neu lernen muss

Wir segeln nun durch die Irische See auf Schottland zu. Mein nächstes Etappenziel lautet: Es muss mir gelingen, unter Deck etwas Warmes zu essen, ohne dass Übelkeit aufkommt. Und danach muss ich es schaffen, in meiner Koje zu schlafen. Voller Konzentration führe ich Löffel für Löffel die Penne Bolognese zum Mund. Geht doch. Schmeckt richtig gut. Ja, da gönne ich mir doch zur Krönung des Tages gleich ein Bier. Ich wanke zum Kühlschrank, frage: »Noch jemand ein Bier?« Keine Antwort. Ich wiederhole meine Frage. Wieder keine Antwort. Ich drehe mich um, da beugt sich Paul bereits über meine Sitzbank, von der er die Bolognese aufwischt, denn mein Nudelteller ist in meiner kurzen Abwesenheit den Gesetzen der Schwerkraft gefolgt.

Am Morgen des nächsten Tages erreichen wir Port Ellen auf Islay. Der Himmel klart auf. Wie satt und saftig das Grün der Hügel leuchtet nach den endlosen Grauschattierungen der offenen See. Nordwärts geht es weiter durch die Hebriden. Die Landschaft ist zum Niederknien schön. An den Ufern sieht man mal eine Destillerie, mal ein schönes Schloss, uns begegnen Seehunde und Wale, und immer wieder begleitet ein Rudel Delphine unser Boot.

Unser Skipper ist ein Kapitän wie aus dem Bilderbuch. Hart, aber herzlich. An seinen Kommandoton muss ich mich als Zivilist erst gewöhnen. Dabei konnte ich mir denken, dass ein Segelschiff kein Ort für Höflichkeitsrituale ist. Ein typischer Dialog:

Hast du die schwarze Tonne gesehen?

Ich hab vorhin nach ihr geschaut.

Das war nicht die Frage. Hast du die schwarze Tonne gesehen?

Nein.

Danke.

Als Segler fürchtet Paul weder Tod noch Teufel, und natürlich ist er auch handwerklich begabt. Immer geht irgendwas kaputt, das er dann gelassen durch eine Improvisation ersetzt. Auch die anderen aus der Crew sind eher vom technisch-naturwissenschaftlichen Fach, Typ Homo Faber. Ein Softwareentwickler ist darunter, zwei sind Ingenieure. Ich bin überzeugt: Sollte unsere Schiffsschraube kaputtgehen, meine Kameraden wären in der Lage, sie aus Streichhölzern nachzubauen. Die Schöngeist-Attitüde, sich immer kokett auf die eigenen zwei linken Hände zu berufen, würde hier für Befremden sorgen.

Von Tag zu Tag wird mir das Boot vertrauter, die Übelkeit ist weg, meine Motorik passt sich dem Auf und Ab des Schiffes an, und ich lerne sogar, wie man in Schräglage Zwiebeln schneidet. Trotzdem fühle ich mich oft wie ein Kleinkind, das die einfachsten Dinge neu lernen muss. Man lebt an Bord permanent auf einer schiefen Ebene von 45 Grad, die noch dazu im Rhythmus der Wellen schwankt. Besonders fürchte ich mich vor den Toilettengängen: Wie soll man das mit fünf Schichten Klamotten hinkriegen in dieser engen Zelle? Haue ich mich in die Koje, komme ich mir vor wie ein Schluck Wasser in einer Flasche, die durchgeschüttelt wird. Eine Art Sicherheitsnetz an der offenen Seite des Bettes bewahrt einen davor, herauszufallen. Ich nehme eine Embryohaltung ein, um so etwas wie eine stabile Seitenlage hinzukriegen. Mein Kojennachbar unter mir wird von Raucherhusten geplagt, das hatte mich in der ersten Nacht im Hafen um den Schlaf gebracht. Auf offener See ist das Problem verschwunden: Die Wellen, die gegen die Sunrise donnern, sind entschieden lauter als das Husten.

In Oban kaufe ich noch mehr warme Klamotten. Jetzt bin ich gewappnet für unsere Atlantiküberquerung. Im idyllischen schottischen Fischerstädtchen Tobermory legen wir zum letzten Mal in einem Hafen an und gönnen uns in einem Fischrestaurant üppige Platten mit Meeresfrüchten. Uns erwarten sechs Tage offene See ohne Ausstiegsmöglichkeit, bis wir die Westmännerinseln vor Island erreichen werden. Ich atme tief durch und glaube zu spüren, dass auch bei allen anderen der Adrenalinspiegel steigt.

Als die letzten Steilfelsen Schottlands hinter dem Horizont versinken, werden die Wellen länger und höher. Der Wind kachelt ordentlich. Die Stimmung an Bord ist konzentrierter, ernsthafter. Alle versuchen, unnützen Energieverbrauch zu vermeiden. Wer keine Wache hat, haut sich in die Koje und schließt die Augen, oder er schaut stundenlang in die Wellen. Schon Lesen ist wegen des Seegangs ziemlich anstrengend. Der Alkoholkonsum wird fast ganz eingestellt. Nachts geht der Sonnenuntergang nahtlos in den Sonnenaufgang über, dunkel ist es kaum noch. Wir begegnen keinen anderen Schiffen mehr. Einmal fliegt eine Boeing hoch über uns hinweg, und wir winken dem Kondensstreifen hinterher.

Dann kommt der Sturm. Der Himmel wird dunkel, die Wellen sind hoch und angriffslustig, immer wieder rauschen sie kataraktartig über unseren Bug. Wir gurten uns an. Es ist kurz nach 21 Uhr. Gerade hat meine Wache angefangen. Ich stehe am Steuer und bin überfordert. Das Boot gehorcht mir nicht. C., unser erfahrenster Segler nach Paul, merkt es und löst mich schnell ab. Jetzt kommt Paul aus der Kajüte. Wir müssen die Segel reffen, also die Segelfläche verkleinern. In diesen Momenten muss alles schnell gehen. Man spürt, wie stark die Kräfte des Windes sind, die an der Sunrise zerren. Werden wir gegen den Wind bestehen? Ich beobachte aufmerksam die Gesichter der anderen: Macht sich Sorge breit? Kommt Panik auf? Paul ist hoch konzentriert. Erst als die Segel gerefft sind, ruft er übermütig: »Isländer, sperrt eure Weiber weg, wir kommen!«

Solange ich an Deck bin, habe ich das Gefühl, dass sich die Sunrise vorschriftsmäßig durch die Wellen kämpft. Kälte, Erschöpfung und ein leichter Bammel machen sich breit, aber nicht schlimm. Trotzdem bin ich heilfroh, als unsere Wache um Mitternacht rum ist. Ich kann mich kaum mehr auf den Beinen halten.

 Dies wird nicht mein letzter Törn gewesen sein

Doch in der Koje ist an Schlafen nicht zu denken. Plötzlich allein in meinem Schlafsack, hin und her geworfen von den Wellen, bin ich überzeugt, mein letztes Stündlein habe geschlagen. Mein Gehirn spult ein inneres Zwiegespräch ab.

Redner: Das ist der reine Wahnsinn, wie unser Schiff auf die Wellen donnert. Gleich zerbricht es, das sagt mir mein gesunder Menschenverstand.

Gegenredner: Als du vorhin noch an Deck warst mit den anderen, hattest du doch auch keine Angst. Der Lärm des aufschlagenden Schiffs klingt übrigens auch nur hier vorne in der Koje so lebensbedrohlich laut.

Redner: Ja, eben, hinten auf Deck haben wir uns keinen ausreichenden Begriff vom Ernst der Lage gemacht, weil wir gar nicht hören konnten, was hier vorn in Wahrheit passiert.

Gegenredner: Ach so, die Wahrheit ist also eher vorn bei deinen angsterfüllten Ohren als hinten bei den anderen auf Deck?

Redner: Was sollen diese erkenntniskritischen Haarspaltereien? Von denen kann ich mir nichts kaufen, wenn hier gleich alles voll Wasser steht.

Gegenredner: Aber du erinnerst dich, dass du vor zwei Tagen bereits mit den anderen darüber geredet hast, wie laut die Wellen in der Vorderkoje gegen das Schiff krachen. Und die anderen haben gesagt: Ja, das klinge immer so laut, dass man glaube, gleich gehe das Schiff unter. War es nicht so?

Redner: –

Gegenredner: Hallo?

Redner: Es ist jetzt einfach 10.000-mal lauter als bisher. Man kann sich auch blind stellen wie im Salon auf der Titanic, da haben sie auch alle weitergetanzt, als das Schiff bereits voll Wasser stand.

Gegenredner: Bitte, es steht dir frei, dich da reinzusteigern.

Und plötzlich bin ich eingeschlafen.

Am nächsten Morgen ist der Himmel blau. Die Sunrise ist nicht untergegangen. »Haben alle überlebt?«, frage ich in die Runde. Ja, nur die Fock habe es zerrissen. In der Tat segelt unser Schiff nur noch mit dem Großsegel. »Irre«, sage ich, »hat der Sturm glatt die Fock zerfetzt.« Ich hatte mir also nicht ohne Grund Sorgen gemacht!

Dann die Enttäuschung: Die gerissene Fock habe eigentlich nichts mit dem Sturm zu tun. Materialermüdung, das komme vor. Ohnehin spreche man den Wind besser als starke Bö, nicht als Sturm an. Es sei Windstärke sieben gewesen, von Sturm spreche man eigentlich erst bei Windstärke acht. Überhaupt sei die letzte Nacht zwar anstrengend, aber völlig normal gewesen. Wir holen die Fock ein, setzen die Genua (ein größeres Vorsegel, das wir allerdings sogleich reffen), die Sonne kommt heraus und wärmt unsere Gesichter. Und da plötzlich: der Strahl eines Wals am Horizont. Erschöpfung weicht der Hochstimmung.

Die Nacht des »Sturms« war meine Feuertaufe, meine Windtaufe. Nun kann mich nichts mehr schrecken. Ich fühle mich fast schon verwachsen mit der Sunrise. Kenne jede Ecke an Deck, habe meine Lieblingspositionen, in denen ich fast gemütlich, von der Schwerkraft unterstützt, schräg im Schiff hänge und auch noch wunderbar aufs Wasser blicken kann. Wenn die Sunrise in die Wellen kracht, jauchze ich, denn ich vertraue ihr. Allein zu sein in der Weite des Ozeans ist jetzt kein Ohnmachtsgefühl mehr, sondern ein Freiheitsprivileg: als atmete man mit der Salzluft die elementare Kraft der Natur ein. Oder als hätte das Meer einem den Ritterschlag erteilt und gesagt: To the happy few!

Es ist meine Nachtwache, und ich bin es, der den mythischen Ruf ausbringen kann: »Land in Sicht!« In der Morgendämmerung zeichnen sich nach sechs Tagen Blauwasser-Segeln Islands Vulkane fern am Horizont ab. Sechs Stunden später gibt Paul einen Funkruf durch: »Iceland Coastguard, hier ist die Sunrise. Wir bitten um Erlaubnis, gegen 13 Uhr isländische Hoheitsgewässer betreten zu dürfen.« Alle haben einen Kreis um Paul gebildet. Es hat etwas Erhabenes, als uns die hoheitliche Stimme aus dem Funkgerät die Erlaubnis erteilt. Die Menschheit hat uns wieder.

Bei strahlendem Sonnenschein machen wir in der Marina von Reykjavík fest. Es war ein großes Abenteuer. Ich bin froh, es überstanden zu haben. Vielleicht war es doch eine Nummer zu groß? Fühlte ich mich nicht manchmal zu schwach für die Gewalten des Meeres? Aber war es nicht genau das, was ich gesucht hatte – den schmerzhaften Zusammenstoß mit etwas erhaben Großem? Die Segel der Sunrise sind noch nicht eingeholt, da weiß ich schon: Dies wird nicht mein letzter Törn gewesen sein. Doch beim nächsten Mal lasse ich die Sache etwas gemütlicher angehen. Ein wärmeres Klima würde schon helfen, denn die ewige Friererei kann einen schon ziemlich demoralisieren. Warum nicht auf die Kanaren – oder nach Kroatien? Muss ja nicht immer alles wehtun.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio