Sibylle LewitscharoffTrostloses will ich nicht lesen!

Sibylle Lewitscharoff im Gespräch über Europas Roman seit 2000 und eine Gegenwart, in der alles ins Schlingern gerät. von 

DIE ZEIT : Wir sitzen in Ihrer schönen Berliner Altbauwohnung, umgeben von Büchern, und draußen ist der Teufel los. Wie wirkt dieses angestrengte Europa auf Sie?

Sibylle Lewitscharoff: Ich habe das politische Projekt Europa immer mit Zuneigung verfolgt. Die Einführung des Euro habe ich begrüßt, weil er das Reisen leicht machte. Aber wirtschaftlich maße ich mir angesichts all der Tücken kein Urteil an. Selbst die Experten sind uneins.

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ZEIT: Die europäische Literatur der vergangenen Jahre schweigt auffällig zu den jüngsten wirtschaftlichen Dramen, oder täuscht das?

Lewitscharoff: Die Literatur reagiert grundsätzlich mit Verzögerung, wir sind ja keine Aktualitätshasen, die augenblicks losspringen. Natürlich waren die letzten zehn Jahre literarisch auch dadurch bestimmt, dass die osteuropäischen Welten zu uns gelangten, die andere Schrecknisse und Vergangenheiten zu bedenken hatten als eine schwankende Währung. Daraus ist eine grandiose Literatur entstanden.

ZEIT: Gilt das nicht eher für die neunziger Jahre?

Lewitscharoff: Ich meine weniger die älteren Autoren wie Esterházy oder Kertész, die nach 1989 die europäische Literatur geprägt haben. Meine Lieblinge sind jünger, etwa der Rumäne Mircea Cărtărescu , ein unglaublicher, kraftvoller Fex, voller schwarzer Erfindungsenergie, oder der Ungar Lászlá Davarsi, auch ein Düsterfink, der mit phantasmagorischen Geschichtsklitterungen ins Schwarze zielt, oder auch Juri Andruchowytsch aus der Ukraine. Der ist ein glühender Europäer, der sein Land durch Europa aus dem Elend gerettet sehen will.

ZEIT: Was ist für Sie das Besondere an der europäischen Gegenwartsliteratur?

Lewitscharoff: Ich bin nicht besonders erpicht auf Europäer, ich lese neue Bücher aus allen Weltgegenden. Nur ist mit diesen Osteuropäern eben eine Gruppe von Talenten aufgetaucht, die aus dem Leidensdruck ihrer Lage wirklich etwas machen. Literarisch bedeutet das einen Donnerschlag wie seinerzeit in den siebziger Jahren, als plötzlich die Lateinamerikaner zu lesen waren. In Osteuropa entsteht in jüngster Zeit eine literarische Bösartigkeit, die sich unterscheidet von dem L’art pour l’art und von den pornografischen Versuchen im Westen Europas.

ZEIT: Welche Romane haben Sie zuerst gelesen?

Lewitscharoff: Da waren zunächst die Großen, Musil, Doderer, Proust. Dann kamen im Studium die Franzosen, Francis Ponge, Raymond Queneau, das war eine Erweckung. Meine Eltern, typische Nachkriegsleser, hatten ihren Camus und Sartre gelesen, das war das Aufatmen nach dem Krieg. Ich habe diesen Existenzialismus übersprungen. Dann kamen die Lateinamerikaner. Von den frühen neunziger Jahren an verschwimmt die europäische Literatur.

ZEIT: Was wird unscharf, was nimmt Kontur an?

Lewitscharoff: Der unaufhörliche Weltzufluss aus allen Ländern, die zahllosen Übersetzungen lassen die Konturen verschwimmen, und es gibt außerdem die Tendenz, sich an die amerikanische Literatur anzuschmiegen. Eine Erdung, einen Bezug auf das eigene Land, die eigene Sprache, braucht Literatur aber. Sonst löst sie sich in einem erfindungssüchtigen Raum auf.

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