Ein gern wiederholter Streit zwischen meinen beiden Kindern – Junge und Mädchen, vierte und zweite Klasse – dreht sich um die Frage, wer von ihnen die beste Lehrerin der Welt hat. Der Streit ist nicht zu schlichten, die beiden sind unversöhnlich, denn die Liebe zur jeweiligen Lehrerin ist groß.

Natürlich haben mein Sohn und meine Tochter einen sehr kindlichen, verklärenden Blick auf ihre Lehrerinnen. Aber dieser Blick ist eben auch: vorurteilsfrei. Einen solchen Blick würde man sich von so manchem Erwachsenen auch mal wünschen.

Mutter eines Schulkinds zu sein fühlt sich manchmal ziemlich seltsam an. Man liest morgens in der Zeitung vom (wieder mal) schlechten Abschneiden des eigenen Bundeslands im jüngsten Bildungs-Ranking. Man hat das Gefühl: Eine Schule ist ein bedrohlicher Ort, an dem Chancen eher genommen als gegeben werden. Man fragt sich, ob man es wirklich verantworten kann, dass das Kind eine staatliche Schule besucht. Man hört von Eltern, die Lehrern den Anwalt ins Haus schicken.

Und dann kommt eines der Kinder nach Hause, und aus dem Ranzen fällt als Erstes ein Leporello, eine Art Ziehharmonika-Karte, die aus 23 Postkarten besteht, jede von einem Schüler geschrieben an den Autor eines Buchs, das die Klasse gerade gemeinsam gelesen hatte. Die Lehrerin hat den Leporello am Abend zuvor in Heimarbeit gebastelt. 23 Leporellos basteln, das heißt: 23 Postkarten 23-mal kopieren, 23-mal 23 Karten aneinanderkleben, 23 Bandwurmpostkarten falten.

Man checkt abends noch mal die E-Mails und sieht: Posteingang 21.38 Uhr; die Lehrerin schreibt, dass sie die Fotos vom letzten Ausflug online gestellt hat.

Vor den Ferien hatte sie sich ein englisches Brettspiel ausgedacht, das die Kinder am letzten Schultag gebastelt haben, damit wir in den schulfreien Wochen spielerisch Vokabeln wiederholen können.

Die Liste ließe sich endlos verlängern. Bei allem, was diese Lehrerin tut, spürt man, dass sie einfach gern mit Kindern zusammen ist und mit jeder Faser daran arbeitet, dass ihre Schüler ihr Potenzial ausschöpfen. Und gleichzeitig ist sie absolut klar in ihren Ansagen den Kindern, aber auch den Eltern gegenüber. Bringen Sie die Kinder pünktlich! Schauen Sie sich das Hausaufgabenheft an! Yum-Yum-Tütensuppen sind in unserer Klasse verboten!