Als Tochter einer Französin und eines Senegalesen 1967 geboren, wuchs Marie NDiaye bei ihrer Mutter in der Nähe von Paris auf. Das Attribut der »Doppelkultur« aber weist die Autorin, die heute mit Mann und Kindern in Berlin lebt, weit von sich; sie sei zu »hundert Prozent französisch«. Als Marie NDiaye im Jahr 2009 für ihren Roman Trois femmes puissantes den renommierten Prix Goncourt erhielt, da war sie längst keine Unbekannte mehr. Ihren ersten Roman hatte sie mit siebzehn veröffentlicht, eines ihrer Stücke gehört bereits zum Repertoire der Comédie Française.

Ins Deutsche brachte Claudia Kalscheuer den Roman unter dem Titel Drei starke Frauen, als er 2010 erschien, war der Durchbruch auch hierzulande geschafft. Und das mit vollem Recht. Denn Marie NDiaye, diese innovative junge Schriftstellerin, tut etwas höchst Ungewöhnliches, das seine Wirkung nicht verfehlt. Sie mischt die Verfahren des Nouveau Roman – erzählerisches Schweifen, Verharren bei scheinbar nebensächlichen Details – mit dem Stil der französischen Klassik. Das entfaltet einen erheblichen Sog.

In drei locker miteinander verknüpften Kapiteln werden wir in drei Frauenschicksale (und einige Männerschicksale) hineingezogen: Norah, Tochter einer Französin und eines Afrikaners, ist als Anwältin in Paris äußerlich etabliert, doch innerlich unsicher geblieben. Ihr tyrannischer Vater ruft sie nach Dakar, sie soll ihren im Gefängnis sitzenden, des Mordes angeklagten Bruder verteidigen; atmosphärisch dichte Szenen von schwüler Beklemmung und Gewalttätigkeit ergeben sich aus diesem Besuch in der Heimat des Patriarchen. Oder Fanta, die ein gutes Leben als Lehrerin in Dakar hat, bis ihr französischer Kollege und Ehemann sie mitnimmt in die französische Provinz, wo die junge Afrikanerin in ihrer Entwurzelung verkümmert; ein Streit führt zur Eskalation und schließlich zum Umschwung. Oder Khady Demba, »das arme Ding«: Die Analphabetin, früh verwitwet, kinderlos geblieben, wird von der Familie ihres Mannes brutal verstoßen, weggeschafft in Richtung eines fernen, unbekannten Europas, das sie nie erreicht. Sie stirbt beim Versuch, einen Grenzzaun zu überklettern.

Jede dieser drei »starken« Frauen trägt, auf unterschiedliche Weise, das postkoloniale Erbe in sich. Und Marie NDiaye ist so kühn und selbstbewusst, sich der gnadenlosen politischen Bürde mit feinem psychologischen Besteck und einer gewählten, analytisch-klaren Sprache zu nähern, die an Madame de la Fayettes berühmten Roman Die Prinzessin von Kleve (1678) denken lässt: ein Kunstgriff von unerhörter Konsequenz.