Martenstein"In Diktaturen werden auch die Lebenspartner eingesperrt"

Harald Martenstein über politisch bedenkliche Liebschaften von 

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

In den vergangenen Wochen ging der Fall der jungen Ruderin Nadja Drygalla durch die Presse. Ihr Freund ist oder war rechtsradikal. Sie selber distanziert sich von diesen Ideen, und obwohl vermutlich sämtliche Recherchefüchse der Republik tagelang jeden Stein umgedreht haben, ist bis heute, wo ich dies schreibe, keine einzige rechtsradikale Äußerung von ihr bekannt geworden. In der tageszeitung stand zu der Sache folgender Kommentar : "Wer sich mit Nazis ins Bett legt, sollte sich über den entstehenden Modergeruch nicht wundern... Bestand ihre fünfjährige Beziehung etwa nur aus Vögeln und Schweigen? Nein, fünf Jahre an der Seite eines Nazikaders bedeuten Zustimmung. Dass die Nazibraut nun um Mitleid, mindestens Verständnis bettelt – geschenkt. Aber dass sie sich mit dem Hinweis zu rechtfertigen versucht, ihr Kaderjunge sei aus der Szene ausgestiegen, ist infam."

Und so weiter. Tut mir echt leid, Kollegen, etwa den gleichen Sound hatten auch die Urteilsbegründungen im Volksgerichtshof. Da waren auch keine Beweise erforderlich, der Schaum vorm Mund des Staatsanwalts reichte aus. Leute können nur für das haftbar gemacht werden, was sie selber tun oder selber sagen – ist dieses Prinzip wirklich so schwer zu kapieren? Man nennt das auch "Rechtsstaat", nur zur Erinnerung. Das andere heißt "Diktatur", da werden immer auch die Lebenspartner eingesperrt.

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Mir ist da sofort Sahra Wagenknecht eingefallen, für die ich mal schwer geschwärmt habe, obwohl ich politisch nicht ihrer Meinung bin. Diese Frau ist der Hammer. Gott muss Stalinist sein. Wir wären ein super Paar gewesen, so was wie Arthur Miller und Marilyn Monroe . Aber sie hat dann 1997 einen Kapitalanlageberater und Filmproduzenten geheiratet, der von sich sagte, er sei "eher liberal", und der in Irland lebt, wo die Steuern, zumindest bis vor Kurzem, nicht übertrieben hoch waren. In seinem Blog hat er seine Frau mal "meine exklusive Privatkommunistin" genannt.

Wer sich mit Neoliberalen ins Bett legt, sollte sich über solche Blog-Einträge nicht wundern. Bestand diese mehr als zehnjährige Beziehung etwa nur aus Vögeln und Schweigen? Nein, zehn Jahre an der Seite eines Kapitalisten bedeuten Zustimmung. Dass die Spekulantenbraut sich mit dem Hinweis zu rechtfertigen versucht, sie sei jetzt mit Oskar Lafontaine zusammen, ist infam.

Das ist unterste Schublade, nicht wahr? Ich schreibe das auch nur deswegen, weil sich die Linkspartei im tapferen antifaschistischen Kampf gegen die falsch verliebte Ruderin besonders weit aus dem Fenster gelehnt hat. Ich habe mir dann die Homepage von Sahras Mann angeschaut, sie sind immer noch verheiratet. Er schreibt: "Als Sahra mir von Oskar erzählte, so kam dies für mich nicht als ein Schock, sondern gewissermaßen erwartet... Hätte sie mir allerdings gesagt, es handele sich bei ihrem Schwarm um Helmut Kohl , dann hätte ich mich mit einem Luftgewehr erschossen." Da kann man von Glück sagen, dass Helmut Kohl in ziemlich festen Händen ist.

In Zusammenhang mit der ja durchaus realen Nazigefahr wird einem schnell "Verharmlosung" vorgeworfen, wenn man versucht, nicht hysterisch zu reagieren. Ich erinnere mich da an die Anschläge auf das World Trade Center , 3000 Tote, als die USA mit dem Gefängnis von Guantánamo den Rechtsstaat außer Kraft setzten. Die Empörung in Deutschland war da meiner Ansicht nach berechtigt. Wir sollten uns jetzt, etwa bei einer Ruderin, einfach so vernünftig, maßvoll und rechtsstaatlich verhalten, wie wir es damals den USA empfohlen haben.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

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Leserkommentare
    • Nest
    • 23. August 2012 11:15 Uhr

    ...zu spät.
    Interessiert schon keinen mehr.

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    • fegalo
    • 23. August 2012 11:46 Uhr

    aber dennoch hervorragend!

    Simone Sievers schrieb am 03.08.2012 um 18:54 im Forum des DOSB an die Ruderinnen des Achters:
    „Liebes Achter Team, ihr kennt doch bestimmt die Wahrheit. Wenn Nadja nichts damit zu tun hat, warum unterstützt ihr sie dann nicht?“
    z.B.: http://www.deutsche-olymp...

    Es ist doch bezeichnend, dass Frau Drygalla keine öffentliche Unterstützung ihrer Teamkolleginnen erhält. Sie könnten doch mit einem Interview die ganze Nachfragerei der Medien beenden.

    Stattdessen liest man in der Süddeutschen:
    [Auch über Drygalla selbst wurde in Athletenkreisen offen gesprochen. In London sagte die Ruderin Carina Bär: "Wir haben intern öfter diskutiert, dass wir solche Haltungen nicht tolerieren. Bei ihr war es ein offenes Geheimnis." Gemeint sei Drygallas politische Gesinnung. Dies bestätigten laut der Nachrichtenagentur dapd andere Athleten, die ungenannt bleiben wollten.]
    http://www.sueddeutsche.d...

    Wenn sie wirklich unschuldig ist, warum wendet sich Frau Drygalla nicht an ihre Teamkolleginnen mit der Bitte eines gemeinsamen Interviews zur Klarstellung? Warum gelang es ihr nicht, ihre damaligen Vorgesetzten bei der Polizei zu überzeugen? Wird sie noch öffentlich gefördert?

    Das wäre was für richtige Journalisten. Diese Kolumne ist völlig unbedeutend!

    • fegalo
    • 23. August 2012 11:46 Uhr

    aber dennoch hervorragend!

    • Sirux
    • 23. August 2012 15:07 Uhr

    Die aktuellen Martenstein-Kolumnen lesen sich irgendwie, als hätte Martenstein schlechte Laune. Es fehlt total die frühere Lockerheit, das "mit-Humor-Nehmen" der schlechten Dinge, das Sich-Selbst-Aufs-Korn-Nehmen... (Schreibt man solche komischen Konstrukte denn mit Bindestrich oder wie ist es richtig?) Finde neuerdings schwingt immer so eine Verbittertheit über die aktuellen Geschehnisse und Ernsthaftigkeit mit.
    Früher waren die Kolumnen jedenfalls munterer, heute muss man leider nur selten noch schmunzeln, dafür öfters mal kopfnickend zustimmen. Macht aber nicht so Spaß ;)

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    • Meykos
    • 23. August 2012 15:54 Uhr

    „Früher waren die Kolumnen jedenfalls munterer, heute muss man leider nur selten noch schmunzeln, dafür öfters mal kopfnickend zustimmen. Macht aber nicht so Spaß ;)“

    Geht mir ähnlich. Es hat vielleicht was mit dem „Vergehen des jugendlichen Leichtsinns“ oder mit den häufig sehr emotional besetzten Themen zu tun.

    Kleine Auswahl der letzten Inhalte: Beichten; Reichensteuer; Fußball; Beschneidungen; Hinrichtungen; Inflation; Urheberrecht… Auf den ersten Blick ist da auch kein offensichtliches Schmunzelthema zu erkennen.

    Während Frauen, Machos und Terroristen … ;-)

    (Naja, vielleicht haben WIR uns ja auch verändert.)

    • eeee
    • 28. August 2012 13:18 Uhr

    an dem Haufen ahnungslosem Blödsinn, den er in seiner Pro-Beschneidungs-Kolumne hier verzapft hat.

  1. Ja, die Linkspartei. Menschen für Lebenspartner angreifen, aber selbst Liebesriefe an Diktatoren schreiben.

    • Behh
    • 23. August 2012 15:21 Uhr

    Wer auf die Denunziation im Fall Drygalla nicht mit Ekel reagiert hat, ist für die Demokratie wahrscheinlich verloren. Glücklicherweise haben wir ja jetzt die Postdemokratie. Im Kuscheldeutschland, in dem alles relativiert und zerredet wird, wirkt der im Kampf gegen "Rechts" öffentlich zelebrierte Absolutheitsanspruch und Hass wie ein Blick in eine fremde, ferne Welt. Haben die Deutschen denn gar nichts aus ihrer Vergangenheit gelernt? Die ganzen Hitler-Programme scheinen kontraproduktiv gewesen zu sein. Je länger man sich mit seinen Feinden beschäftigt, umso ähnlicher wird man ihnen.

    Ein anderes Bild geht gerade wieder durch die Medien: Ein offensichtlich völlig betrunkener, hilfloser Mann, der sich eingepisst hat und - nach Aufforderung? - den rechten Arm nach oben streckt. Kein Anwalt hat sich seiner angenommen, niemand ist auf die Idee gekommen, das Bild zu verpixeln. Der Besoffene ist extrem peinlich, aber wer das Bild dieses Alkoholkranken veröffentlicht, das keine ernstzunehmende historisch oder politisch bedeutsame Aussage macht, ist wahrscheinlich nüchtern und damit weit peinlicher.

    Ein paar Gerichtsurteile haben Stefan Raab in die richtige Bahn gelenkt. Seine "Lisa Loch"-Affäre ist mit dem Fall D. durchaus vergleichbar. Auch Exzesse wie im Fall D. können nur durch Gerichte beendet werden. Wie Raab brauchen die deutschen Medien offensichtlich Hilfe, um ihr spätpubertäres, Ich-trunkenes Umsichschlagen zu überwinden. Auf die Politik wird dabei niemand hoffen.

    • Meykos
    • 23. August 2012 15:54 Uhr

    „Früher waren die Kolumnen jedenfalls munterer, heute muss man leider nur selten noch schmunzeln, dafür öfters mal kopfnickend zustimmen. Macht aber nicht so Spaß ;)“

    Geht mir ähnlich. Es hat vielleicht was mit dem „Vergehen des jugendlichen Leichtsinns“ oder mit den häufig sehr emotional besetzten Themen zu tun.

    Kleine Auswahl der letzten Inhalte: Beichten; Reichensteuer; Fußball; Beschneidungen; Hinrichtungen; Inflation; Urheberrecht… Auf den ersten Blick ist da auch kein offensichtliches Schmunzelthema zu erkennen.

    Während Frauen, Machos und Terroristen … ;-)

    (Naja, vielleicht haben WIR uns ja auch verändert.)

  2. Herr Martenstein, nun haben Sie es geschafft- mein ZEIT-Abo ist Geschichte. Nachdem Sie neulich noch Behindertenparkplätze als diskriminierend erkannt haben, bringen Sie auch in Ihrer neuesten Kolumne einiges durcheinander, verwechseln wiederholt rechts und links und vergleichen die Redaktion einer freien Zeitung mit dem NS-Volksgerichtshof.
    Zur Sache: wie lange sitzt die Frau Drygalla denn jetzt schon im Gefängnis, oder was bedeutet die Überschrift? Inwiefern wurde sie für etwas haftbar gemacht, was Ihrer Meinung nach nicht bewiesen wäre?
    Zum Fall Drygalla fällt mir nur ein, dass die Dame nicht eingesperrt wurde, dass sie freiwillig aus London abreiste und dass ich es tatsächlich auch nicht gut fände, wenn jemand mit ihrem allgemein bekannten privaten Hintergrund, Deutschland repräsentierte.
    Das hieße nämlich: seht mal, in Deutschland darf man endlich wieder Nazi sein, das ist ganz normal.
    Von mir aus kann sie lieben wen sie will, aber jeder, der mit Nazis und Rassisten freundschaftlich ist, muss sich fragen, ob er/ sie nicht Verbrechen toleriert und damit auch fördert.
    Denn Nazis können (im Gegensatz zu Linksorientierten)nicht friedlich bzw. demokratisch sein, denn dann wären sie keine Nazis.

    Zuletzt noch eine Frage, Herr Martenstein- fällt Ihnen eigentlich auf, dass sie in Ihrer permanenten Kritik an linker Moral ( wenn es die überhaupt einheitlich gibt) selbst extrem moralisch geworden sind?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    lässt sehr zu wünschen übrig. Vergleiche, wie der von Ihnen genannte zwischen einer Zeitung und dem NS-Volksgerichtshof oder aber zwischen behördlichen Vorgehen in diesem Fall und Guantánamo wären von der ZEIT-Redaktion mit Sicherheit mit dem Kommentar
    "Bitte verzichten Sie auf unangebrachte Vergleiche" zensiert worden.
    Einen anderen großen Teil des Artikels könnten Sie mit der Anmerkung
    "Bitte verzichten Sie auf Polemik" löschen.
    Damit wäre vom Artikel nicht mehr viel übrig - zu Recht.

    • Xaerdys
    • 24. August 2012 11:20 Uhr

    Martenstein kritisiert die Debatte lediglich als Form von Sippenhaft und verweist darauf, dass es um die persönliche Schuld gehen sollte, die sich bei Drygalla nicht findet. Sein Vergleich mit Wagenknecht dient lediglich als Beispiel, um darzustellen, dass politische Überzeugungen in Beziehungen nicht zwangsweise eine große Rolle spielen müssen. Abgesehen davon taugt ihr Vergleich nicht, wenn sie behaupten Nazis könnten im Gegensatzv zu Linken nicht demokratisch sein. Sie vergleichen hier Rechtsextremisten mit der politischen linken. Linksextremisten können genauso wenig demokratisch sein. Dafür gibt es aber auch demokratische rechte Politiker, etwa zumindest im rechten Flügel der CDU / CSU. Die meisten mögen wohl Idioten sein, aber deswegen sind sie noch nicht undemokratisch. Wissen Sie eigentlich ob Drygalla versucht hat, ihren Freund zu ändern? Meinen Sie, sie hätte es nicht geschafft und sich deshalb trennen müssen? Eingriffe in die Beziehung von außen, woher kennen wir das nochmal? Achja, richtig, Diktaturen wie etwa dem dritten Reich. Aber darum geht es dem überwiegenden Teil der Leute, die so wie sie 'argumentieren', offenbar nicht. Es geht nicht um Gründe. Sie wollen verurteilen weil es eben um Rechte geht, Sie wollen diese gerade diese hier kritisierte Sippenhaft, weil es eben um rechte Ideologie geht. Übrigens ist es ok in einer Demokratie Nazi 'zu sein', deswegen ist es ja eine. Es ist nur dämlich. Mit ihrem Text sind Sie Wagner weit näher als Herr Martenstein.

    in diesem Falle bezogen auf ihr Abonnement der ZEIT.

    Anders kann ich den Bezug nicht mehr deuten. In der Tat sitzt die Dame nicht im Gefängnis. Denn sie hat sich tatsächlich nichts zu Schulden kommen lassen. Wird aber auch nirgends in diesem Artikel gesagt.

    Stattdessen wird eher auf eine Berichterstattung (insbesondere das Beispiel der TAZ - war das nicht mal eine Zeitung, die GERADE SOWAS anprangern und damit genau GEGEN solche Verallgemeinerungen sein wollte?) hingewiesen, durch die eine Frau, deren einziges Verbrechen war, einen Partner zu haben, der mal in bedenklichen Kreisen war, in den Medien zum Antichrist erhoben und von diesem im selben Wortlaut bereits zur Schlachtbank getragen wird.

    Da kann man noch so oft "unschuldig" drauf schreiben - jemand, der DERART offensiv durch die Medien gezogen wird, ist gesellschaftlich als "exekutiert" anzusehen, verliert dank derartiger Berichte Freunde (und gewinnt einige "braune", ungewünschte, hinzu), Job, Ansehen, darf sich in der heimischen Gemeinde vorerst nicht mehr blicken lassen.

    Abwegig? Erinnern wir uns mal an EHEC im Zusammenhang mit spanischen Gurken. Nachgewiesen war da nichts - maximal Verdachtsmomente bestanden. Und trotzdem sorgten die Medien für Panik. Die Konsequenzen kennen wir - die spanische Landwirtschaft ist gerade erst dabei, sich von diesem Medien-Hype um "SKANDAL!" und Co. zu erholen.

  3. ...denken Sie eigentlich immer noch, es gäbe ein widerspruchsfreies Leben? Auf dem Foto oben sehen Sie deutlich älter aus als 16 ;-)

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  • Serie Martenstein
  • Schlagworte Helmut Kohl | Oskar Lafontaine | Sahra Wagenknecht | Marilyn Monroe | Arthur Miller | Blog
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