Agrarkraftstoffe Die Hungertreiber

Ist Biosprit aus essbaren Pflanzen das ökologische Patentrezept? Die Lobby behauptet es – um sich Milliardensubventionen zu sichern.

Ethanol ist eine klare Flüssigkeit, die seit Urzeiten Verwirrung stiftet. Der Stoff mit der Formel C₂H₅OH verdankt seine berauschende Wirkung dem Bestandteil OH, der Alkoholgruppe. Hauptproblem ist seine Dosierung. Schon wenige Promille vernebeln das Gehirn.

Gegenwärtig sorgt Ethanol für globale Verwirrung. Seit einigen Jahren gelangt der Alkohol in historisch nie gesehenen Mengen auf den Markt – als Biosprit, wörtlich: Lebensgeist. Mal höher, mal niedriger dosiert, wird er weltweit an Tankstellen verkauft, unter Kürzeln wie »E5«, »E10«, »E85«, je nachdem, ob der Sprit 5, 10 oder 85 Prozent Ethanol enthält. Neben dem Alkohol beflügelt auch pflanzliches Öl die neue, angeblich nachhaltige Mobilität. Biodiesel aus Raps, Soja oder Palmfrüchten soll die Ökobilanzen verbessern.

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Befürworter preisen den Biotreibstoff als ökologisches Wunder: Er sichere Bauern verlässliche Einkommen, beseitige Überschussproduktionen, mache unabhängiger vom teuren Erdöl und schütze obendrein das Klima. Seine Kritiker bezweifeln all das und monieren, die Biospritproduktion zerstöre die Artenvielfalt und die sozialen Strukturen. Vor allem treibe sie die Nahrungsmittelpreise in die Höhe und raube so Millionen armen Menschen das Essen.

Angesichts der aktuellen Ernteausfälle wegen Dürren in den USA und Russland spitzt sich die Debatte zu. »Weg mit dem Biosprit«, »Vermaisung der Landschaft«, »Tank gegen Teller«, so lauten derzeit die Parolen. In dem wachsenden Kritikerchor bilden sich ungewöhnliche Allianzen: FDP-Politiker wie Generalsekretär Patrick Döring und Entwicklungsminister Dirk Niebel kämpfen zusammen mit BUND, Brot für die Welt und Greenpeace gegen die Bioenergielobby. Die wiederum findet Unterstützung bei Bundesumweltminister Peter Altmaier. Wer hat in diesem verwirrenden Spritdisput recht, wer zieht die Strippen?

Schon das Stichwort Hunger provoziert widersprüchliche Aussagen. »Biokraftstoffe führen entgegen vielfach geäußerter Annahmen nicht zu vermehrtem Hunger in Entwicklungsländern«, behauptet der Bundesverband Bioenergie. »Die Ursachen für Mangelernährung sind vielmehr Armut, schlechte Regierungsführung, Korruption, Bürgerkriege und Wetterextreme.« Auch der Biogasrat verdeutlicht: »Weder die Lebensmittelpreise noch der Hunger in manchen Ländern haben irgendetwas mit Bioenergien zu tun.«

Es ist zwar richtig, dass Hunger viele politische und soziale Ursachen hat, aber der umfassende Freispruch, den sich die Bioenergielobby erteilt, geht an der Realität vorbei. Sachkundige argumentieren deshalb differenzierter (siehe auch das Interview nächste Seite).

Aus leidiger Erfahrung warnt die Welternährungsorganisation FAO vor einer neuen Nahrungsmittelkrise. Ihr Chef José Graziano da Silva hat die US-Regierung aufgefordert, angesichts der Dürre im Mittleren Westen und der Rekordpreise für Mais die Ethanolproduktion für Biosprit auszusetzen. Bisher werden vierzig Prozent der US-Maisernte zu Treibstoff vergoren, sie fehlen als Nahrungsmittel und Tierfutter. Bereits 2007/2008 war es in Mexiko (Tortilla-Krise), Afrika und Asien zu Hungerrevolten gekommen, weil Millionen armer Menschen die Rekordpreise für Mais und Getreide nicht zahlen konnten und darben mussten. Nun droht, nach einem weiteren Konflikt 2011, bereits eine dritte Krise, vor der auch das World Food Programme der Vereinten Nationen warnt: »Hohe Nahrungsmittelpreise hindern nicht nur Arme daran, ausreichend Nahrung zu kaufen, sondern erschweren ebenfalls die Ernährungshilfe.«

Auf billigere Nahrungsmittel ausweichen können die Armen kaum noch. Die Börsenkurse für wichtige Nahrungs- und Futtermittel wie Weizen, Soja, Mais und neuerdings auch Reis ziehen bereits an. Zunehmend sind die Preise der Nahrungsmittel aneinander gekoppelt – wird das eine knapp, wird auch das andere teuer. Und die Konkurrenz um die begrenzten Landflächen bindet die Nahrungsmittel- zudem noch an die Energiepreise.

Denn auf vielen Wegen drängt Biosprit als Konkurrent ins Spiel. Ethanol wird bisher hauptsächlich aus Mais, Weizen und Zuckerrohr oder Zuckerrüben hergestellt, vorzugsweise aus dem regional jeweils billigsten Rohstoff. Aber auch aus Maniok lässt sich Ethanol gewinnen. Sogar Reis kommt künftig in die Tanks, drei große Reisschnapsanlagen sind in Brasilien bereits geplant.

Leser-Kommentare
  1. Dieser Grundsatz wird auch wieder gelten, glauben Sie mir. Spätestens dann wenn die Landwirtschaft ihren fossilen Energieinput immer mehr verlieren wird, schlägt der niedrige Energienutzungsgrad (da der Wirkunggrad ja immer nur ein Teil des Gesamtprozesses beleuchtet) nach und nach durch. Dann geht es auch in Europa ans Eingemachte und jede Region (mehr lässt dieses Energieregime dann nicht mehr zu) muss zeigen, wie weit sie ihre Bewohner noch mit entsprechender Energie versorgen kann.

    Gesamtheitlich betrachtet ist es auch so ziemlich egal, ob die Biomasseproduktion klimafreundlich ist oder nicht, da diese, wie Sie indirekt zugeben, nicht effizient genug ist, die hiesige Wertschöpfungskette sprich Wirtschaft energetisch auch nur im Ansatz aufrechtzuerhalten, also ohne die Fossilen direkt wie auch indirekt gar nicht auskommt. Insofern kann man mit Fug und Recht behaupten, dass dese Art der Biomasseproduktion nicht klimafreundlich und schon gar nicht nachhaltig sein kann.

    Das Gleiche gilt deshalb auch für die Sonnen- und die Windnutzung deren Energienutzungsgrad sogar noch schlechter ist als die der Photosysthese, da es eine entsprechende Infrastruktur benötigt, die die mühselig eingesammelte diffuse Energie schon allein für deren Erhalt verbraucht, letzten Endes nichts bei rum kommt, rechnet man mal den gesamten Input qualitativer wie auch quantitativer Art der Fossilen heraus. Daran wird auch kein Verfahrenstechniker noch Maschinenbauer etwas ändern.

  2. Die Absicherung zwischen Hersteller und Weiterverarbeiter, gab es dadurch auch damals schon! Nur Wussten die damaligen Beteiligten was der Markt brauchte. Da wurde nicht 100% der handelbaren Ware abgesichert, sondern nur der wichtige Anteil der zum Funktionieren des Betriebs gebraucht wurde!

    Die meisten heutigen Marktteilnehmer haben keine Ahnung vom Geschäft, weil Sie nur als reine Geldanleger fungieren. Reine Geldanleger sind leider auch jeglichen Manipulationen
    seitens der Herausgeber von diesen Kontrakten ausgeliefert.

    Sie gehen zur Bank und lassen sich vom Bankangestellten "Beraten". Schlecht wen der von der Bank geführte Aktienfond einige seine Aktien loswerden Will. Die wird man Versuchen ihnen auf Auge zu drücken. Das ist zwar Verboten, aber faktisch nicht Nachweisbar!

    Ähnlich kann es auch bei den Nahrungsmittel- und sonstigen Kontrakten ablaufen. Da die Banken Eigenhandel betreiben dürfen, sind die Banken immer auch in einem Interessenkonflikt gegenüber dem Kunden. Wer wird Wohl bei diesem Konflikt Gewinnen?

    Marktbeeinflussung erfolgt immer durch Wissensvorsprung!

    Den gab es damals bei den Beteiligten nicht. trotzdem gab es auch damals Marktmanipulationen. Nur in kleinerem Maßstab als Heute.

    Spekulationen sind nicht Schuld, ist eine gewagte Aussage!

  3. ... , wenn schon kein Hirn, wenigstens Gelassenheit regnen. Irgendwas sollte jeder haben mit Gottes Hilfe.

    Sprit und Energie aus Getreide ist in der Labnwirtschaft ein Witz, aus Mais hierzulande ebenfalls kein Thema, eben wegen Überproduktion und Preisdruck auf das Ausland. Ein Überbleibsel von Ökos, die sich autark versorgen wollten und solchen, die das übernommen haben, ist BIOSPRIT - auch deren Erfindung. Macht die Motoren kaputt (Biodiesel), wissen alle. Bioethanol ist insgesamt weniger problematisch, aber keine Frage der Produktion sondern der Nachfrage. Was Sie aus einem Kilo Weizen machen und machen dürfen, wenn überhaupt, ist keine Frage an den Erzeuger. Nur soviel ist sicher, hierzulande dürfen Sie sicher keinen Sprit machen und auch nicht verheizen.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Hoffentlich lernen wir etwas mehr daraus, als dass man E10 wieder abschaffen sollte. GRÜNE tun nur so, als ob ihnen das Wohl des Planeten am Herzen liegt.

    Eine Leser-Empfehlung

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