Was auffällt in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends, sind die neuen, kraftvollen, ganz und gar unlarmoyanten, ganz und gar unverheulten, ganz und gar unbeleidigten Romane aus weiblicher osteuropäischer Weltsicht. Kathrin Schmidt und Sofi Oksanen sind zwei Vertreterinnen dieser neuen weiblichen Unverheultheit und natürlich die beiden starken polnischen Autorinnen Joanna Bator und Olga Tokarczuk.

Unrast heißt der Roman von Olga Tokarczuk (geboren 1962), der das Schwindelgefühl, das man in diesen Jahren in Europa verspürte, nicht nur bemerkt und brav thematisiert, sondern literarisch verwandelt hat.

Olga Tokarczuk ist, bevor sie dieses Buch schreiben konnte, jahrelang durch die Welt gezogen, war in China und Neuseeland, in Syrien und Ägypten allein unterwegs, verbrachte nach den langen Jahrzehnten des Eingeschlossenseins ihre Nächte in den Straßengräben der weiten Welt, im Herzen eine Sehnsucht und eine Unruhe, die sie immer weiter trieb. Auch ihre Erzählerin ist so eine Nomadin, eine Anarchistin der Literatur, die keine Chronologie, keine Erzählökonomie befolgt. So ist Unrast ein zerrissener, zerlumpter und schillernder Roman geworden voller mysteriöser Geschichten, in denen man sich verirren kann, wie man sich früher auf Reisen verirren konnte, als die Welt noch nicht vollständig vergoogelt war.

Auf Polnisch heißt das Buch Bieguni. Das war im 18. Jahrhundert eine russisch-orthodoxe Sekte aus Nomaden und Anarchisten, die sich gegen den Staat, aber auch gegen das Statische und Sesshafte verschworen hatten. Späte Anhänger dieser Sekte geistern durch das Buch und werben für eine moderne Art der Obdachlosigkeit: »Lasst stehen und liegen, was Ihr besitzt, verlasst Euren Grund und Boden und setzt Euch in Bewegung.« Die große Entwurzelung, unter der das Hochgeschwindigkeitszeitalter leidet, wird im neuen Jahrtausend nicht mehr mit Mutters alten literarischen Hausmitteln wie Langsamkeit, Stille und Bedachtsamkeit kuriert. Hier ist alles Fließen, Nichtstehenbleiben, Pilgerschaft. Ein Schlüsselsatz des Romans heißt: »Die einzig mögliche Bewegung scheint mir die Bewegung in die Tiefe zu sein.« Und weil seine Autorin der Auffassung ist, dass die letzte metaphysische Bastion heute der Körper ist, den wir vergöttern und pflegen wie ein guter Christ einstmals seine Seele, spottet sie in wüsten Erzählpassagen über diesen Körperkult. Und über eine Gegenwart, die so tut, als könnte sie uns davor bewahren, eines Tages spurlos zu verschwinden.