Ich kenne das Chamowniki-Gericht in Moskau gut. Es ist unscheinbar, die Räume sind heruntergekommen. Seit Jahren ist dieses Gericht der Ort, an dem um die Zukunft Russlands gerungen wird. Hier wurde dem Ölmagnaten Michail Chodorkowski und seinem Kompagnon Platon Lebedew 2010 zum zweiten Mal der Prozess gemacht. Chodorkowski wurden Steuerbetrug und absurderweise der Diebstahl von Öl aus der eigenen Firma vorgeworfen. Aber in Wahrheit ging es um etwas anderes: Verhandelt wurde damals die Frage, ob Widerspruch gegen das Regime von Wladimir Putin gestattet ist. Michail Chodorkowski hatte gefordert, der Modernisierung der Wirtschaft und der Demokratisierung des Staates eine Chance zu geben. Der Richter gab darauf die Antwort: Er verurteilte die beiden zu hohen Lagerhaftstrafen.

Nun wurde das Gericht erneut Schauplatz einer exemplarischen Abstrafung der Aufsässigen, die Putin kritisieren und sich ihm entgegenstellen.

Am vergangenen Freitag wurde das Urteil gegen Nadjeschda Tolokonnikowa, Jekaterina Samuzewitsch und Maria Aljochina, Mitglieder der Band Pussy Riot, verkündet. Schwarz gekleidete Polizisten russischer Sondereinheiten sperrten das Gericht weiträumig ab. Sie trugen schusssichere Westen und schwere Waffen. Sie verhafteten Dutzende Demonstranten, die vor dem Gericht protestierten.

Das kleine Amtsgericht wurde in eine Festung verwandelt, als stünden nicht drei junge Aktivistinnen vor Gericht, sondern zu allem fähige Terroristinnen.

Die Macht traute ihnen offenbar alles zu. Allen voran Nadjeschda, schön, stolz und trotzig. Ihre Botschaft: Mich bekommt ihr nicht. Sie, die Provokanteste, wurde einer psychologischen Untersuchung unterzogen. Diagnose: Die Delinquentin leide unter einer »vielfachen Persönlichkeitsstörung, die sich in einem aktiven Sendungsbewusstsein äußert«. Noch, so wird konstatiert, sei keine medizinische Behandlung notwendig. Das Straflager sei vermutlich der Erfolg versprechende Ort zur Therapie dieser »Abnormität«. Doch die Stigmatisierung als »abnorm« ist gefährlich. Diese Frau, falls sie sich künftig nicht beugt, ist schon gewarnt vor einer anderen möglichen Behandlung: der Unterbringung in der Psychiatrie. Unter Stalin und Breschnew bedeutete das die Zwangseinweisung in eine Anstalt. Viele Menschen wurden dort systematisch zerstört. Auch unter Putin hat sich der Staat dieses perfiden politischen Mittels im Kampf gegen seine Gegner bedient. Wie im alten sowjetischen System baut der Verweis auf die psychische Labilität eine Drohkulisse für weitere Sanktionen auf. Nadjeschda und Maria sind beide Mutter. Ihnen könnte das Sorgerecht entzogen, ihre Kinder könnten in ein Heim eingewiesen werden.

Das Gericht hat die drei Frauen zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt. In der Begründung hat es voll und ganz auf die Schändung des sakralen Raumes und die Verletzung der Seele der Gläubigen abgezielt. Es sollte der Anschein erweckt werden, als ginge es allein um Religion und religiösen Anstand. Den politischen Teil der schrillen Aktion, den Angriff auf den Präsidenten, hat das Gericht auszublenden versucht.

Der medialen Faszination in Europa steht jedoch eine andere Wahrnehmung zumindest in weiten Teilen Russlands gegenüber. Im Westen ist die Empörung über die harten Urteile gegen die widerspenstigen Frauen groß. In Russland allerdings gibt es viele, die die harte Hand des Staates gegen die Grenzüberschreitung der Frauen für notwendig halten. Vielleicht ist Putin nur im Westen der Verlierer.