Gemessen daran, marschieren Hermanis und sein Team wohlgeschlossen in die entgegengesetzte Richtung, und bei aller geradezu filmischen Genauigkeit in der Personenführung mutet hier in der Tat vieles albern an: das Fäusteballen der ach so wehrhaften Offiziere, die hysterischen Zuckungen und Schmollmünder der weiblichen Personage. Doch hat Kermani denn überhaupt recht, wäre so etwas wie Einfühlung, wie Liebe, Empathie nicht das allerhöchste künstlerische Gut und leichterdings auf ein waches, kritisches Publikum zu übertragen, solange die jeweiligen Interpreten nur das Niveau des Autors halten und sich eben nicht in die konventionelle Mottenkiste flüchten?

Nein, ruft John Cage wenige Tage zuvor, bei der Eröffnung der Ruhrtriennale mit seinen Europeras 1 & 2 in der Bochumer Jahrhunderthalle, und Heiner Goebbels, der neue Intendant des Festivals , drückt dem Amerikaner zu diesem Zweck ein großes Megafon in die Hand. Seit ihrer Gründung hat sich die Ruhrtriennale geflissentlich als eine Art Gegen-Salzburg begriffen, als anti-repräsentativ – prompt könnten die Ergebnisse dieses Sommers widersprüchlicher nicht sein. Dort soll man um jeden Preis fühlen, was man vielleicht gar nicht fühlen will, hier soll um jeden Preis nicht gefühlt werden, wobei man durchaus gerne hin und wieder etwas gefühlt hätte und vor allem mehr gedacht als nur den Gedanken, dass alles anders ist und letztlich unverständlich bleibt. So richtig froh und frei wird der Zuschauer in beiden Fällen nicht.

Nein, schreit Cage also laut, und das tut er nun schon seit 1987, als seine Europeras als Frankfurter Auftragswerk uraufgeführt wurden (zwei Tage vor der Premiere brannte die Oper ab, was dem Stück eine nicht ganz berechtigte Nähe zu Pierre Boulez’ legendärem 68er-Schlachtruf »Sprengt die Opernhäuser in die Luft!« bescherte). Eine Anti-Oper in 32 Bildern, generiert aus 128 Partituren des musikdramatischen Abendlandes, ein munteres, augenzwinkerndes Sammelsurium mehr oder weniger bekannter Arien, über deren Abfolge ein Zufallsgenerator wacht, während das Orchester meist etwas ganz anderes spielt. In den späten Achtzigerjahren, als das politische Leben sich noch stabiler und absehbarer anfühlte, mögen die Europeras dem kulinarisch allzu Kulinarischen in der Kunst beherzt in die Parade gefahren sein; doch was bedeuten sie heute, da um uns herum alles nur noch schwankt und von nichts als unlauteren Absichten durchdrungen wird?

Genüsslich wühlt Heiner Goebbels in seiner Funktion als Regisseur (der Komponist, Musiker und Soziologe begreift sich offenbar als demiurgisches Multitalent) nun in Cages alt-avantgardistischer Botanisiertrommel, und was sich da an Bildern in den 90 Meter tiefen Raum ergießt (Bühne: Klaus Grünberg), ist von einer derart geschmäcklerischen Witzlosigkeit, Erdenschwere und Hermetik, dass einem spätestens nach einer Viertelstunde die Tränen kommen, vor Zorn. Herbstlaub raschelt, Schnee stöbert, Schiffe kentern überm leuchtend blauen Stanniolgrund, die Zauberflöten -Sonne scheint, Gabelstapler surren, Vorhänge fallen, technisch alles superperfekt und völlig kalt und leer.

Da ist das ferne Salzburg ehrlicher: Wenn Marie sich ihres unters Mieder gestopften Schwangerenbauchs wieder entledigt und nichts als Stroh zwischen ihren Beinen hervorzerrt, in endlosen Nestern und Strunken, als wären selbst unsere besten Künstler nur noch ausgestopft, dann weiß man wenigstens, woran man ist.

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