Es ist stets Orhan Pamuks großes Ärgernis, ja beinahe schon sein Fluch gewesen, dass alle Welt seine Romane als politische Kommentare zu lesen versuchte. So wie sich manch anderer Autor gegen die Unterstellung des Autobiografischen erwehren und erklären muss, so wurde Pamuk immer wieder gefragt, was er eigentlich über die Türkei »aussagen« wolle, wie seine Haltung zu Europa, zur Armenienfrage, zu Erdoğans Partei et cetera. sei. In seinem Heimatland wurde er für seine Antworten bisweilen angefeindet oder gar vor Gericht gestellt, und in Westeuropa liebte man ihn dafür umso mehr (genauso ungerechtfertigt).

Doch einmal, dieses einzige Mal, hat Pamuk tatsächlich einen politischen Roman geschrieben: Schnee. Er erschien im Original 2002, im Deutschen 2005. Ka nennt sich die Hauptfigur; kar heißt im Türkischen der titelgebende Schnee; und dieser legt sich in den Tagen, in denen die Geschichte irgendwann in den 1990er Jahren spielt, über Kars – eine 75000 Einwohner zählende Stadt im Südosten der Türkei. Wenn man bei dieser Reihung von Ks Kafkas Josef K. assoziiert, liegt man nicht falsch, und beim Lesen kommt einem wiederholt das Attribut »kafkaesk« in den Sinn. Der Roman erzählt eine Art politischer Groteske, bei der ein verliebter Dichter die Aufklärung einer politischen Verschwörung unternimmt.

In der Stadt Kars leben Türken, Armenier, Kurden und Aserbaidschaner, treffen neue Islamisten und altgediente Kemalisten vor der Kulisse des einstigen Osmanischen Reichs aufeinander. In diesem Ensemble ist der gebildete, gutbürgerliche, »verwestlichte« Dichter Ka – zu Gast aus Frankfurt am Main – ein klarer Außenseiter. Als im Laufe eines Theaterstücks über die Kopftuchfrage eine Revolution ausbricht, wird Ka unvermutet zum Doppelagenten. Doch bleibt sein Engagement mehr Albtraum als Heldengeschichte, zumal sich viele seiner Gegenspieler absolut irreal verhalten: Der örtliche Journalist etwa verfasst Meldungen, bevor sich die entsprechenden Vorfälle überhaupt ereignet haben; Gedichte schreiben sich von selbst und ergeben die Form einer kristallinen Schneeflocke; Gewehrkugeln feuern und treffen mehr oder weniger von allein.

Wer also zunächst befürchtet, die Anhäufung so vieler Ks könnte konstruiert wirken, wird rasch beruhigt; davor bewahren den Roman schon Pamuks reiche Fantasie und jede Menge düsterer Komik. Den Stellenwert, den in anderen Büchern Pamuks die Melancholie einnimmt, besitzt hier die (politische) Paranoia. Und das ist vermutlich das Bedrückendste an Schnee, wiederum als politischer Roman gelesen: zu sehen, wie gut die kafkaeske Stimmung zur Situation der Türkei und wie gut das Motiv Paranoia zu diesem ewigen Kampf zwischen Zivilgesellschaft, Militär, kemalistischem und religiösem Übereifer passt.