Kommt die politische Debatte nun endlich im Endlichen an? Es ist bemerkenswert, mit welcher Intensität gegenwärtig über Wachstumsgrenzen diskutiert wird. Der Bundestag hat eine Enquetekommission zum Thema eingerichtet. Der Sachverständigenrat für Umwelt setzt sich in seinem Gutachten intensiv mit der »neuen Wachstumsdebatte« auseinander. Auch die Medien berichten immer öfter über Zweifel am Wachstum. Ist das Thema also 40 Jahre nach der Veröffentlichung der Grenzen des Wachstums in der Mitte der Gesellschaft angekommen? Nicht wirklich. In einer paradoxen Gleichzeitigkeit steht neben all der Wachstumskritik nicht erst in den jüngsten Finanzkrisenjahren seit 2008 eine intensive Wachstumssehnsucht. Wachstum bleibt die heilige Kuh der Politik. François Hollande hat nicht zuletzt mit diesem Thema die Wahl gewonnen.

Häufig wird versucht, die Spannung zwischen Nachhaltigkeit und Wachstum aufzulösen: nachhaltiges Wachstum! Klingt einfach, ist es aber nicht. Die Hoffnungen auf eine »Green Economy« stützen sich regelmäßig auf Problemverdrängung, Technikoptimismus und begriffliche Verwechslungen, wenn es um die Entkopplung von Wirtschaftsleistung und Umweltverbrauch geht. »Relative Entkopplung« wird bejubelt, obwohl am Ende nur »absolute Entkopplung« ein Beitrag zur Versöhnung von Wirtschaft und Umwelt sein könnte: eine tatsächliche materielle Schrumpfung der ökologischen Lasten, zum Beispiel im Klimabereich. Von dieser Einsicht gehen zwei aktuelle wachstumskritische Bücher aus: Befreiung vom Überfluss von Niko Paech und Wie weiter mit der Wachstumsfrage? von Reinhard Loske.

Beide Texte kritisieren den undifferenzierten Glauben an »grünes Wachstum« – im Stil aber könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Wo Loske, Nachhaltigkeitsforscher und Bremer Umweltsenator im Unruhestand, mit dem Florett ficht, schwingt Paech, Volkswirtschaftler aus Oldenburg und Vorsitzender der Vereinigung für Ökologische Ökonomie, Keule und Axt. Das ist radikal im besten Sinne, wo Paech an die Wurzeln der Probleme geht. Das ist extrem im schlechten Sinne, wo der Autor auf Katastrophenrhetorik setzt.

»Wer es sich in der wattierten Nonstop-Rundumversorgung gemütlich gemacht hat«, schreibt Paech, »kann nicht zugleich die Souveränität eines Individuums bewahren, das seine Ansprüche nur an jene Möglichkeiten bindet, die nötigenfalls durch eigene Leistungen reproduziert werden können.« Wer bitte kann denn ohne das hier stakkatoartig kritisierte »Fremdversorgungssystem« leben – und wer will das?

Dass gesellschaftliche Arbeitsteilung nicht nur Teufelszeug ist, sondern erhebliche Vorteile mit sich bringt, kommt in dieser Sicht der Dinge gar nicht vor. Entsprechend lauten Paechs Rezepte: Reue, Rückbau, Reduktion. Wenn es mit der Nachhaltigkeit etwas werden soll, müssen wir uns alle ändern, und zwar sofort. Offenheit? Abweichung? Lust? Fehlanzeige.

Die Befehlsrhetorik des Textes droht den Blick für zahlreiche kluge Einsichten zu verstellen. Zum Beispiel, dass es per se »nachhaltige« Autos, Häuser oder Konsumgüter gar nicht geben kann. Allein Lebensstile können nachhaltig sein: »Nur die Summe der ökologischen Wirkungen aller von einem einzelnen Subjekt ausgeübten Aktivitäten lässt Rückschlüsse auf dessen Nachhaltigkeitsperformance zu.« Schade nur, dass die Bedingungen dieser Aktivitäten von Paech kaum ernst genommen werden. Politische Forderungen seien zwar nicht auszublenden, aber taugliche Gesellschaftskritik müsse vor allem anderen die Lebensstilfrage thematisieren.

Für Paech sind »wachstumskritische Zukunftsentwürfe, deren Umsetzung auf Gedeih und Verderb von politischen Weichenstellungen abhängig sind, reine Zeitverschwendung«. Von solch einer Diagnose dürften sich wohl nur wenige real existierende Menschen angesprochen fühlen. Dass der Fokus ausschließlich auf die individuelle Verantwortung vielleicht eine Überforderung auch gutwilliger Zeitgenossen bedeuten könnte, kommt dem Autor nicht in den Sinn. Die wichtige Debatte über die »Privatisierung der Nachhaltigkeit« (Armin Grunwald) scheint an Paech vorbeigegangen zu sein.