Der französische Autor Patrick Modiano, vor die immer gleiche Frage gestellt, ob er nicht selbst den Eindruck habe, immer das gleiche Buch zu schreiben, antwortet impertinenten Journalisten: »Tout à fait« – aber ja! Was nur insofern stimmt, als die Wiederkehr seiner Motive von Buch zu Buch selbst erfahren lässt, was darin beschrieben wird: wie man auf etwas fast Vergessenes stößt, um eine verborgene Verbindung zu einer anderen Geschichte zu entdecken und der Spur zu folgen. Patrick Modianos Erzählungen finden das kaum Wahrgenommene an der Peripherie der Geschichte. Sie orientieren sich an marginalen Markierungen und Gegenständen, die zu entscheidenden Hinweisen werden. Oft sind es Orte in Paris, die sich in einen imaginären Stadtplan einzeichnen ließen, an denen sich die Erinnerungen, Fiktionen und Vorstellungen kreuzen.

Unfall in der Nacht ist ein besonders konzentriertes Gewebe aus Modiano-Motiven. Schon der Anfang zeigt seine Erzählweise mit den vagen Zeit- und den penibel genauen Ortsangaben, diese Ungleichzeitigkeit von Reflexion und Wahrnehmung: »Spät in der Nacht, vor sehr langer Zeit, kurz bevor ich volljährig wurde, da überquerte ich die Place des Pyramides in Richtung Concorde, als ein Wagen aus der Dunkelheit auftauchte. Zunächst glaubte ich, er habe mich gestreift, dann spürte ich einen stechenden Schmerz vom Knöchel bis hinauf ins Knie.« Mit der Fahrerin des Wagens findet sich der Erzähler, aus der Äther-Betäubung erwachend, in einer Klinik wieder. Nachdem sie verschwunden ist, erinnert er sich an einen ähnlichen Unfall in seiner Kindheit. Damals schon hatte ihm eine Frau beigestanden, die wie die Verschwundene eine Narbe im Gesicht trug. Schlafwandlerisch beginnt er nach einer Dame zu suchen, über die er nichts weiß, die Frauengestalten verschwimmen in seinen Gedanken, sodass nicht sicher zu sagen ist, wen er eigentlich sucht.

Die detektivische Arbeit verläuft über Assoziationsketten, die Modianos Figur umso obsessiver verfolgt, je schwächer die Verbindungen sind. So entsteht eher der Eindruck von Distanz zwischen den Personen, Orten und Zeiten, als dass sich ein belastbarer Plot einstellte. Modianos wiederkehrende Erinnerungsfetzen umschwebt eine Aura, wie sie Walter Benjamin beschreibt: »die einmalige Erscheinung einer Ferne, so nahe sie auch sein mag«.

Dieser melancholische Zug und Modianos hochnervöse Sensibilität für latente Zeichen und schicksalhafte Verknüpfungen kann sehr ansteckend sein. Sie spricht für das Geschichtsbewusstsein des frühen 21. Jahrhunderts, das so beflissen wie heillos versucht, Spuren zu sichern und Zeugen festzuhalten für die vielen namenlos verschwundenen Menschen und Geschichten des langen 20. Jahrhunderts, das jetzt allmählich der gelebten Erinnerung entgleitet.