Per Olov Enquist kann sich tatsächlich vorstellen, dass der siechen Moderne zu helfen ist. Tatsächlich heißt hier: im Roman. Enquist, der schwedische Meistererzähler, hat in seinem Buch von Blanche und Marie (2004) für die historischen Frauenfiguren Blanche Wittman und Marie Curie ein zweites Leben erfunden, weil das erste, reale Leben dieser Frauen nicht ausreichte, um zu zeigen, dass die Liebe alles überwinden kann, was in der Moderne an Abgründen entstand – zwischen Wissenschaft und Kunst, Geist und Materie, Bewusstem und Unbewusstem, Frauen und Männern, Leibern und Seelen. Dieser Roman sucht einen »innersten Schmerzpunkt«, und darin gleicht er modernen Erkenntnissonden. Die Röntgenstrahlen, die Seelenkunde, die Liebe sind sein Gegenstand. Er tastet sich voran, vorsichtig, in Wiederholungen kreisend, doch gewiss, zu finden, wonach er sucht.

Blanche Wittman sei ursprünglich nur eine »Randbemerkung in der Geschichte der Medizin« gewesen, notiert der Erzähler, nun, immerhin. Sie war die Lieblingshysterikerin, das Studienobjekt des Pariser Nervenarztes Jean-Martin Charcot in der Irrenanstalt Salpêtrière, sie stand im Zentrum der Entstehung eines neuen Menschenbilds, dem Freud alsbald die bleibende Form gab. Fast nichts weiß man von der historischen Blanche, doch mancher kennt sie von jenem Gemälde André Brouillets, auf dem sie während Charcots Vorlesung, vor lauter aufgerissenen Männeraugen, im dunklen Hörsaal spektakulär hinsinkt: Brust und Mieder leuchtend dargeboten, als gelte es, den Studierenden zu demonstrieren, was das ist – ein Objekt der Begierde.

Das mag die Faktenlage sein, bei solcher Realität soll es aber nicht bleiben, Enquists Roman lässt das weibliche Objekt zum Subjekt der Geschichte werden, einer anderen Geschichte: Er verwandelt Blanche in eine Laborassistentin der Nobelpreisträgerin Marie Curie. In diesem Labor wird das Radium entdeckt, um einen hohen Preis: Radioaktive Strahlen zerstören die Schönheit Blanche Wittmans, von ihr bleibt nach Amputationen der Gliedmaßen nur ein Torso, ein Rumpf in einer Holzkiste, ein Stück Mensch mit einer Hand, und die schreibt. Blanche will, dem Körperelend zum Trotz, von einer Erkenntnis erzählen, die zuletzt, zutiefst aus Liebe kommt und vergeht. Sie berichtet von Marie Curies Leidenschaft für den Kollegen Paul Langevin, die international ein Skandal wurde, und von der eigenen Liebe zu Charcot, in der sich schließlich die Geschlechter verkehren: »Ich blickte auf sein Gesicht hinab«, schreibt sie, »ich glitt in ihn hinein.«

Die Notizbücher der Blanche Wittman kennt nur Enquists Erzähler – weil es sie in Wirklichkeit nie gab. In ihnen sucht er nach jener Liebe – »innerster Schmerzpunkt« –, die alles überwindet, berichtet von ihr im Indikativ, heute, über hundert Jahre nachdem der realen Blanche im Hörsaal in der Salpêtrière die Sinne schwanden.