Zu den großen Abgesängen auf eine untergehende Welt, die so typisch sind für den Roman des 20. Jahrhunderts, muss auch Péter Esterházys Harmonia Caelestis gerechnet werden, der in einer glänzenden Übersetzung 2001 auf Deutsch erschien. Der Titel verweist auf eine Sammlung geistlicher Lieder, die ein Vorfahr des Autors angeblich komponiert, tatsächlich aber wohl abgeschrieben und zusammengesucht hat, und damit ist schon ein erster Baustein zu der selbstironischen, selbstreflexiven und sich unablässig selbst infrage stellenden Großerzählung von dem Niedergang der hochadligen ungarischen Familie gesetzt.

Esterházy erzählt weder fortlaufend noch in systematischen Vor- und Rückgriffen, er hat Anekdoten, Legenden, biografische Fragmente aus tausend Jahren Familiengeschichte nur zum Schein durchnummeriert, es sind insgesamt 572 Textbausteine, die man ähnlich wie in Julio Cortázars berühmten Romanen Rayuela (1963) und 62/Modellbaukasten (1968) auch ganz anders zusammensetzen könnte. Harmonia Caelestis ist so etwas wie das Testament der literarischen Moderne, eine letzte verspielte, hochkomische und tieftraurige Verbeugung vor den Großmeistern der experimentellen Avantgarde.

Die Geste des Späten, vielleicht sogar bewusst Verspäteten hat indes einen bitteren Grund. Péter Esterházys Vater gehörte nicht zu den Mitgliedern der Familie, die vor den Kommunisten flohen (und heute vornehmlich in Österreich leben). Er schlug sich, vielfach gedemütigt, im Sozialismus durch und zahlte für das Überleben – das Überleben als Mitglied einer nach marxistischer Doktrin zum Sterben verurteilten Klasse – einen hohen Preis. Der Vater schrieb Spitzelberichte für die ungarische Staatssicherheit, und damit bekam die Jugend des Autors einen doppelten Boden. Es gab zwei Wahrheiten – eine, die der Autor als Durchwursteln im Sozialismus erlebte, und eine andere, die das verborgene Sicherheitsseil offenbarte.

Die Familienwirklichkeit selbst war schon so etwas wie ein moderner Roman, der sich dekonstruiert, überspitzt gesagt: Das ästhetische Ideal des experimentellen Romans war schon Praxis im Sozialismus. Das ist der Punkt, von dem aus Esterházy erzählt, auf der Spitze einer sehr spitzen Nadel, die zu waghalsigem Balancieren zwingt, aber jedenfalls geraten ihm nun alle Väter, alle in der Familiengeschichte berühmten Väter und Vorfahren in den Blick. Alle Überlieferung verliert ihre Würde, es entsteht ein gewaltiger Väter-Dekonstruktions-Roman, der größte, virtuoseste, bitterste und frechste Vatersturzroman unter den zahllosen Vatersturzromanen der Moderne.