Péter Nádas’ Roman Parallelgeschichten aus dem Jahr 2012 ist eine der großartigsten Zumutungen der neuesten Literatur. 1724 Seiten soll der Leser auf sich nehmen. Und das unter erschwerten Bedingungen. Denn Nádas tut uns den Gefallen nicht, mit dem noch Tolstoi und Proust ihren Lesern das Schwimmen in ihren Romanozeanen erleichtert haben. Nádas verzichtet auf eine durchgehende Handlung, welche die Leser auf konventionelle Weise bei der Stange hält. Es gibt bei ihm nicht das vertraute Spiel der Handlungsstränge, die auseinanderlaufen, sich verwirren, sich dann finden, ordnen und zum Schluss einem alles irgendwie auflösenden Ende zustreben.

Nádas fängt sozusagen mittendrin an, mit einer schneebedeckten Leiche im Berliner Tiergarten kurz vor Weihnachten 1989, kümmert sich dann über unzählige Kapitel kaum um seine Leiche, eröffnet stattdessen alle paar Hundert Seiten gleichsam einen neuen Roman, um zuletzt auch so zu schließen: mit neuen Orten, neuen Personen, neuen Handlungszusammenhängen, neuen Rätseln – so eben, wie andere einen Roman eröffnen.

Dazwischen schleudert Nádas seine Leser hin und zurück durch die Räume und Zeiten des Jahrhunderts, dessen Entzifferung seine ganze Anstrengung gilt, des so entsetzlichen zwanzigsten, das dieser Roman mehrfach durchquert, vom Ersten Weltkrieg durch die dreißiger und die sechziger Jahre bis in die Zeit nach 89, von Berlin über Budapest und die Schweiz bis in eine ungarische Kleinstadt. Nádas konfrontiert seine Leser mit allen Gräueln dieses Jahrhunderts. Und er fügt zu den geschichtlichen Großerfahrungen die körperlichen Naherfahrungen. Er lässt sie dem längsten, über Hunderte von Seiten gehenden und mehr als nur hautnah geschilderten heterosexuellen Geschlechtsakt der Literaturgeschichte beiwohnen. Und er weiht sie detailliert in das Glück und den Schmerz homosexueller Liebe ein. Pornoliebhaber und Voyeure kommen dabei aber nicht auf ihre Rechnung. Nádas beschreibt erotische Körpererfahrungen als existenzielles Wahrheitsbad. Und er tut es hyperkonkret, in Nahaufnahmen und in Zeitlupe. Hinter jedem Quadratzentimeter Haut tauchen Räume körperlich sedimentierter Erfahrung auf, hinter jeder erzählten Sekunde viele Stunden der Erinnerung.

Roman von Péter Nádas - Radischs Lesetipp: "Parallelgeschichten" Ein Wimmelbild des 20. Jahrhunderts: Der ungarische Autor Péter Nádas schuf mit seinem neuen Buch eine kunstvolle und offene Romankonstruktion, die nie ganz aufgelöst wird aber deshalb umso mehr fasziniert.

Man macht mit den Parallelgeschichten von der ersten Seite an eine doppelte Erfahrung. Sie verwirren einen im Großen, weil sie alle traditionelle Romanerwartung unterlaufen. Und sie fesseln einen von der ersten Zeile an, weil sie Satz für Satz mit einer ganz ungewöhnlichen Genauigkeit und Intensität geschrieben sind. Nie wird hier draufloserzählt. Von der Präzision der Wahrheitssuche, um die es Nádas geht, zeugt schon die Architektur, die er seinen Seiten gegeben hat: sehr häufig bildet ein sorgsam gemeißelter Satz auch gleich einen Abschnitt, was eine Leseerfahrung zur Folge hat, als suche man mit einer Lupe ein Großgemälde auf Spuren und Zusammenhänge ab.

Und auf solche Zusammenhänge stößt man, erst dunkel, dann immer klarer, im Fortschritt der Lektüre denn auch. Erst scheinen die Personengruppen, von denen Nádas’ fast selbstständige Romane im Roman berichten, ganz für sich zu stehen. Was hat die hochherrschaftliche Budapester Wohnung, deren Bewohner wir am 15. März 1961 nach und nach beim Aufwachen beobachten, mit der Gesellschaft älterer Budapester Damen zu tun, die sich im Sommer 1960 auf einer Dachterrasse zur Donau zum Bridge trifft? Was beides mit einer Gruppe auch körperlich eng verbundener Freunde im Budapester Lukács-Bad? Was all das mit den so soignierten adligen akademischen Rassenforschern aus dem Berlin der anbrechenden Hitlerzeit?

Mit der Zeit ordnet sich das Linienchaos dieser Handlungen zu einem Muster. Die anfangs parallel verlaufenden Geschichten kreuzen oder berühren sich, oder sie nähern sich einander wie Flugzeuge, deren Bahnen sich auf unterschiedlicher Flughöhe kreuzen. Nebenfiguren einer Geschichte treten in einer anderen als Hauptfiguren auf. Manchmal sind es auch die Vorfahren von Nebenfiguren, die andere Nebenfiguren beeinflusst haben, die dann eine Hauptfigur aus dem Lot bringen. »Ich schreibe Geschichten von Menschen«, hat Nádas in einem Gespräch gesagt, »die sich niemals begegnet sind oder sich nur sehr oberflächlich kennen und deren Schicksal trotzdem grundlegend voneinander bestimmt wird.«

Es geht Nádas also um eine Schicksalsverstrickung, um eine Kausalität »außerhalb der sichtbaren Kausalität«. Und diesen »verborgenen und rätselhaften Zusammenhang«, der ihm so wichtig sei, habe er in einer »geschlossenen Erzählform« mit Anfang und Ende und säuberlich durchgehaltener Perspektive nicht angemessen ausdrücken können. Er musste nicht nur Angst, Scham und die falsche Rücksicht auf Konventionen, notwendige Lügen und eingeschliffene Heucheleien fahren lassen. Er musste vor allem die wahrheitshinderlichen formalen Zwänge der Romangattung beiseiteräumen und, lange nach den entsprechenden Versuchen Prousts und Joyce’, den Roman regelrecht nochmals neu erfinden.

Ein bisschen genauer kann man die rätselhaften Zusammenhänge, von denen Nádas besessen ist, indes schon benennen. Die Geheimgänge, welche die Parallelgeschichten unterirdisch verbinden, durchlaufen alle ein klar erkennbares Zentrum: die totalitäre Erfahrung des 20. Jahrhunderts. Der 1942 in Budapest geborene Nádas hat als Jude Verwandte im Holocaust verloren und selbst als Kleinkind nur knapp überlebt. Sein Vater, ein hoher kommunistischer Funktionär, hat sich in der Folge einer stalinistischen Hetzkampagne das Leben genommen. Nádas war mit 16 Vollwaise, und er hat seine Erfahrung der Einsamkeit und des verlorenen Wegs dem einzigen Helden des Buches, der in der ersten Person erzählen darf, mitgegeben, dem 19 Jahre jungen Kristóf Demén; dessen Vater wurde von den Stalinisten ermordet, seine Mutter verließ die Familie für eine lesbische Liebe, seine Cousinen wurden von der Gestapo verschleppt.

Solche Traumata prägen auch die anderen Figuren des Romans. Sie stammen aus Familien, die als Opfer oder als Täter in den Nationalsozialismus oder in den Stalinismus verstrickt waren. Ihre Biografien sprechen jedem geordneten Lebensweg und jeder entsprechenden Romanästhetik Hohn. Nádas hat 18 Jahre am Roman geschrieben, der diesen Leben und diesem Jahrhundert angemessen ist. Und Christina Viragh hat sechs Jahre darangesetzt, Nádas’ Sprache in ein Deutsch zu bringen, das so viele Register hat, dass man jubelt.