ZEITmagazin: Herr Dobelli, wann haben Sie mal falsch gedacht – oder anders: Welche Fehler haben Sie gemacht?

Rolf Dobelli: Ich habe in St. Gallen Betriebswirtschaft studiert. Das war der größte Fehler meines Lebens.

ZEITmagazin: Aber St. Gallen gilt doch als die Eliteuniversität.

Dobelli: Ich hatte eine Liebe zu den Naturwissenschaften und eine Liebe für das Geschäftliche. Und dann habe ich den Fehler gemacht, Betriebswirtschaft zu studieren. Da gibt es nämlich nicht viel zu studieren. Entweder man hat es im Blut, oder man lernt es in der Praxis. Ich langweilte mich. Sie sehen dort 20-jährige Jungen mit Krawatte herumstolzieren. Ein fürchterliches Bild.

ZEITmagazin: Aber haben Sie dort nicht eine gewisse Art zu denken gelernt?

Dobelli: Nein, das Studium hatte damals nichts mit Denken zu tun, eher war es ein Wiedergeben von belanglosen Metaphern, was Wirtschaft ist.

ZEITmagazin: Was hat dann Ihr Denken geprägt, wenn nicht die Uni?

Dobelli: Ich war bereits als Kind Autodidakt. Schon mit 13 bin ich immer in die Bibliothek gegangen, als die anderen mit ihren Freunden spielten. Auch als sie dann später ihre ersten Liebschaften hatten, verkroch ich mich in der Bibliothek, um Mathematik und Physik zu lernen.

ZEITmagazin: Warum waren Sie so versessen aufs Lernen?

Dobelli: Vielleicht hatte ich Angst vor Mädchen, oder ich habe einfach verstehen wollen, wie die Welt funktioniert. Für mich war es eine Bestätigung, dass ich mit 13 wissenschaftliche Artikel verstanden habe. Und es war spannend: Wie groß ist das Universum, wie alt, wann ist es entstanden, was hält die Atome zusammen? Das sind elementare Fragen, die vielleicht bei mir ein bisschen früher gekommen sind als bei anderen.

ZEITmagazin: Ist die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften so schön, weil es da immer richtig oder falsch gibt?

Dobelli: Bei Physik und Mathematik trifft das zu. Bei der Chemie fängt es schon an zu wackeln. Und jetzt interessieren mich Bereiche, wo es wirklich wackelt, wie etwa die Psychologie. Ein Thema, das mich extrem interessiert, ist die Frage: Gibt es so etwas wie eine vernünftige Ethik?

ZEITmagazin: Was meinen Sie damit?

Dobelli: Den uralten Traum der Menschheit, die Moral von der reinen Gefühlsebene abzulösen und ihr so etwas wie einen stabilen logischen, aber auch empirischen Boden zu geben. Da haben sich schon viele dran die Zähne ausgebissen: Aristoteles, Hume, Kant, Rawls. Erwarten Sie keinen Durchbruch von mir in dieser Frage, ich erwarte es auch nicht von mir – und doch interessiert mich das Thema.