Elli Pomerenke war 74 Jahre alt, als sie beschloss, eine Hausbesetzerin zu werden. Sie bereitete sich akribisch vor. Sogar die Lockenwickler packte sie ein, bevor sie ihre Wohnung verließ, um in die Stille Straße zu fahren, nach Berlin-Pankow. Elli Pomerenke wollte mit Ausdauer protestieren. Ausdauer hat der Feind ja auch.

Das Haus, das Frau Pomerenke und andere Senioren vor zwei Monaten besetzten, ist eine baufällige Ostberliner Villa. Eine Villa, die, zwischen all den videoüberwachten Bungalows mit eigenem Tennisplatz, aussieht wie ein kariöser Zahn inmitten eines makellosen Gebisses. Das Gebäude steht in einem Teil Berlin-Pankows, der in der DDR als No-go-Area galt. Hier residierten die Grotewohls und die Piecks, die Mächtigen im Arbeiter- und Bauernstaat, bevor sie sich hinter noch höheren Zäunen verschanzten, bevor sie umzogen nach Wandlitz , eine halbe Autostunde entfernt. In den fünfziger Jahren wohnte Erich Mielke persönlich in ebenjenem Gebäude, das die Rentner jetzt blockieren: Mielke, der berüchtigte Chef des Ministeriums für Staatssicherheit.

Nach dem Fall der Mauer überließ der Bezirk Mielkes alte Villa jenen Menschen, die die Wiedervereinigung zu Frührentnern gemacht hatte. Den Gescheiterten. Den Wendeverlierern. Es zog eine »Seniorenfreizeitstätte« ins Gebäude, dieses Wort steht heute auf dem Schild neben dem Eingang. Auch Elli Pomerenke fand in dem Freizeitzentrum ein kleines Glück. Sie, die studierte DDR-Ökonomin, einst Abteilungsleiterin Finanzen in einem VEB in Berlin . Sie, die 1992 in Rente gehen musste, mit Mitte 50, weil das neue Land ihre Arbeitskraft nicht benötigte. Nachdem ihr Mann gestorben war, fand Elli Pomerenke in der Freizeitstätte einen Halt. Denn in der Stillen Straße können Pensionäre Schach spielen und Englisch lernen. Lesen und reden über früher.

In der Villa, sagt einer, sei es wie früher: Das Wirgefühl blühe auf

Nun ist Pankow, der Bezirk, aber pleite. Muss sparen. Will das Haus verkaufen. Will die Senioren nicht mehr fördern. Will die Rentner vertreiben. Das Freizeithaus schließen. Elli Pomerenke macht das wütend. »So geht man nicht mit Menschen um, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben«, sagt sie.

Sie hat Protestbriefe an den Bezirk und an den Senat geschrieben. Sie hat Abgeordnete besucht. Sie hat protestiert und gestritten für ihre Seniorenfreizeitstätte. Nur ohne Erfolg. Am Ende beschloss sie mit einem Dutzend Freunden, die Villa einfach zu okkupieren. Die Mitstreiter hatte sie alle hier kennengelernt, in der Freizeitgruppe »Vorruhestand III«. Oma macht jetzt Occupy , frotzelte die taz , das Zentralorgan der linksalternativen Szene. Reporter aus der ganzen Welt reisen inzwischen an, um über die Senioren zu berichten. Der britische Guardian war da, NBC, das iranische Fernsehen. Pensionäre als Hausbesetzer, so etwas hat es in Berlin noch nicht gegeben. Junge Anarchos, die sich in Bruchbuden einquartieren – na klar, kennt man. Aber so etwas? Streikende Senioren, die monatelang auf harten Pritschen übernachten, um das Haus von Erich Mielke zu retten?

Die ehemalige Villa von Erich Mielke, das ist ein symbolträchtiger Ort. Der Name Mielke stand für Terror gegen Andersdenkende. Jetzt regiert hier der Widerstand der Rentner. Es geht, das kann man wohl sagen, den Senioren nicht nur um ihr Freizeitheim. Sie kämpfen auch um einen letzten Rest DDR. Um einen letzten Rest des Staates, den sie mit aufgebaut haben als Jugendliche. Dies ist ein Haus, das die DDR einfach nicht abschütteln kann. Mit Senioren, die die DDR nicht abschütteln wollen.

Elli Pomerenke hat sich im Schachzimmer ausgebreitet. Knitterfreie Blusen hängen auf Bügeln an einer Garderobe. Einen Schminkspiegel hat sie mitgebracht. Sie hat sich eingerichtet für einen langen Aufenthalt. Dabei gibt es kein warmes Wasser im Haus. Gab es nie. Das wirft Fragen auf. Zum Beispiel die, wie es Erich Mielke mit der Körperhygiene hielt.

Die Tür zum Seniorenfreizeithaus steht jedem offen. Ein Mittsechziger im Holzfällerkaro stellt wortlos einen selbst gebackenen Apfelkuchen in der Küche ab, nicht ohne »rote Grüße« im »Soli-Buch« zu hinterlassen. Sogar Hausbesetzer aus der Generation ihrer Enkel waren schon da, erzählen die Senioren. Mitte zwanzig, Springerstiefel, zerrissene Jeans. Sie standen plötzlich zu sechst in der Tür, einer reparierte gleich unaufgefordert den Boiler. Die anderen fragten, ob man nicht mal gemeinsam in Berlin-Mitte demonstrieren wolle. Sie würden die Rentner auch mit dem Trecker abholen.

Rentner Peter Klotsche, 71, eisgrauer Bart und sonnengebräuntes Gesicht, ist der einzige Mann unter lauter Hausbesetzerinnen. Zu DDR-Zeiten war er Brigadeleiter in einer gärtnerischen Produktionsgenossenschaft: Rosen, Nelken, Schnittblumen. Ein Parteibuch habe er nie besessen. »Ich konnte mich auch so behaupten.«

Und dann sagt er aber: Hier in der Villa sei es wie früher, zu DDR-Zeiten. Das Wirgefühl blühe wieder auf. »Wenn du damals ein Haus gebaut hast, sind alle angerückt – und das für ein Bierchen. Das war Solidarität«, sagt er. Die übten sie hier auch. Sie, die das letzte Haus der DDR verteidigen. Eine Mitstreiterin sagt: Im SED-Staat wäre solcher Protest nie nötig gewesen. Da habe die Sozialpolitik funktioniert. Heute, in den Zeiten des Widerstands, kommt immerhin regelmäßig ein Arzt vorbei und misst den Blutdruck der protestierenden Rentner.