StilkolumneTrends von unten

Tillmann Prüfer über farbige Sohlen von 

Einen Schuh kann man immer von zwei Seiten betrachten. Von oben soll er repräsentieren, von unten funktionieren. An seiner Unterseite nämlich trifft die Mode auf die Realität – auf den Boden der Tatsachen. Und dort befindet sich die Sohle, deren Aufgabe es ist, den Menschen von dem Boden, dem er entstammt, zu trennen.

Schuh von Floris van Bommel

Schuh von Floris van Bommel  |  © Peter Langer

Das macht die Sohle schon eine ganze Weile, eine geraume Zeit könnte man sagen, etwa seit 120.000 Jahren. Vermutlich trugen die ersten Exemplare des Homo sapiens, die nach Eurasien stapften, Sohlen an den Füßen. Auch beim ausgestorbenen Neandertaler fand man Knochenstücke, die zum Vernähen von Schuhsohlen bestimmt waren. Wahrscheinlich brauchte die Sohle den modernen Menschen nicht einmal – sie konnte ohne uns auskommen, wir konnten aber nicht ohne die Sohle. Hätte sie unsere Füße nicht vor scharfkantigem Geröll, grimmigen Gletschern und giftigem Getier geschützt, hätten wir niemals in die Zivilisation aufbrechen können. Wir haben der Sohle also einiges zu verdanken. Behandeln wir sie denn auch entsprechend?

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Nun, von einem liebevollen Verhältnis zur Schuhsohle kann bislang nicht die Rede sein. Man verliebt sich in Riemchen, Schäfte, Absätze – für die Sohle aber bleibt nur der Schmutz. Man stellte Schuhe auf Plateaus, fertigte sie aus Canvas und Leinen – die Sohlen spielten kaum eine Rolle. Und ob man gute oder schlechte Sohlen hatte, merkte man meist erst dann, wenn man damit ausrutschte oder wenn die Sohle sich beleidigt ablöste.

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick   |  © Peter Langer

Doch nun haben 120.000 Jahre Sohlenverdrängung ein Ende: Die Mode hat die Sohle entdeckt. Legendär sind die Schuhe von Prada, bei denen Budapester mit einer Espadrilles-Sohle verheiratet wurden. Raf Simons hat in seiner letzten Herrenkollektion für Jil Sander nachtschwarze Oxford-Schuhe mit breiten Neonsohlen zusammengebracht. Bei Floris van Bommel bekam ein klassischer Herrenschuh einen kobaltblauen Unterbau.

Wer mit solchen Schuhen auftritt, kann sich sicher sein, dass niemand mehr die Sohle übersieht. Allerdings wird die hübsche Unterseite des Schuhs im Straßeneinsatz nicht lange die strahlende Farbe behalten. Man sollte einfach versuchen, nicht den Boden zu berühren, und der Sohle eine Pause gönnen. Sie hat es verdient.

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Leserkommentare
  1. ... gibt es immer mehr Dinge, die die Welt nicht (wirklich) braucht! Farbige Schuhsohlen, was für eine Innovation!

    Übrigens auch ein schönes Beispiel, wie Bedürfnisse durch Marketing geschaffen werden, bevor sie dann natürlich unter Einsatz von Ressourcen und Energie befriedigt werden müssen.

    4 Leserempfehlungen
  2. ... eine gelbe 18 auf der blauen Sohle.

    3 Leserempfehlungen
    • Time24
    • 27. August 2012 10:42 Uhr

    Blaue Sohlen hatten meine adidas-Schuhe schon in den Neunzigern.

    Eine Leserempfehlung
  3. Bedürfnisse werden erzeugt, damit die Konsumenten kaufen. Das klappt bei Frauen sehr gut (siehe Christian Louboutin) und gibts seit längerem auch für Herrenschuhe (siehe z.B. Raf Simons). Im Unterschied zu erstgenanntem Anbieter ist bei den Rafs die Sohle nicht nur von unten zu sehen, was vielleicht ein Vor- aber auch Nachteil ist.

    Wer's braucht.

  4. ... brauchen die teuren Marken eine Stilkolumne, damit man auf sie aufmerksam wird. Die Werbung allein bringt's wohl nicht...

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... sind die im Artikel genannten Schuhe aber nicht. Eher mittlere Preisklasse und v.a. neubesohlbar und kein Einwegwegwerfmodell.

    Ich kann mich mit bunten Sohlen allerdings trotzdem nicht anfreunden. Gilt auch für Louboutin bei den Damen. Geht gar nicht. Sieht gewollt und nicht gekonnt aus.

  5. ist ja nicht besonders neu, siehe Louboutin u.ä. Schön wird's allerdings, wenn der Abdruck der Sohle dazu genutzt wird, einen, nunja, bleibenden Eindruck zu hinterlassen, wie bei den genialen "Atheist" Schuhen von David Bonney:
    http://www.lesmads.de/blo...

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    die Spruchauswahl wird noch etwas größer. ;-)

    "Ich bin Atheist" könnte ich zwar mit Überzeugung tragen, aber "Darwin loves"? Nun ja. :-)

    Wie wäre es mit Qualitätsschuhen plus Sohlenfarbe nach Wahl plus eingraviertem Spruch nach Wahl? Fände ich cool.

    @2 Ich würde dann vor der Bundestagswahl "Bye-bye Guido" wählen.

  6. ... sind die im Artikel genannten Schuhe aber nicht. Eher mittlere Preisklasse und v.a. neubesohlbar und kein Einwegwegwerfmodell.

    Ich kann mich mit bunten Sohlen allerdings trotzdem nicht anfreunden. Gilt auch für Louboutin bei den Damen. Geht gar nicht. Sieht gewollt und nicht gekonnt aus.

    Antwort auf "Offenbar..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Vergleiche ich aber meine bunten Schuhe, die ich bei Irregular Choice und Desigual gekauft habe, mit denen von Jill Sander, Prada und co., ist der Unterschied doch erheblich.

  7. Vergleiche ich aber meine bunten Schuhe, die ich bei Irregular Choice und Desigual gekauft habe, mit denen von Jill Sander, Prada und co., ist der Unterschied doch erheblich.

    Antwort auf "So teuer ..."
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    Diesen Vergleich verstehe ich nicht oder möchten sie implizieren, dass den Produkten der genannten Hersteller die exakt selben Bedingungen in Bezug auf Herstellung, Gestaltung, Material und Zielgruppe zugrunde liegen?

    Ich hatte nur den bunten van Bommel auf dem Bild beim Schreiben meines Postes im Sinn, die anderen hatte ich überlesen.

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  • Serie Stilkolumne
  • Schlagworte RAF | Gletscher | Jil Sander | Mode | Neandertaler | Prada
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