Massaker : Die Stunde der Demagogen

In Südafrika schlägt Mandelas Erben Misstrauen und Hass entgegen. Nach dem Massaker an den Minenarbeitern bringen sich ihre Gegner in Stellung.
Polizisten und Demonstranten in Rustenburg, Südafrika © Siphiwe Sibeko/Reuters

Schwer bewaffnete Polizisten, die mit Schnellfeuergewehren hemmungslos auf schwarze Arbeiter schießen und ein Blutbad anrichten – was sich vergangenen Donnerstag im südafrikanischen Bergwerk Marikana abspielte, hat allerorten die gleichen Kommentare ausgelöst: Ein Massaker wie in den finstersten Zeiten der Apartheid. Sharpeville, Soweto, Bisho, all die Schauplätze der Gewalt wurden aufgelistet.

Doch der Vergleich führt in die Irre. Damals handelte es sich um staatlich orchestrierte Gräueltaten, die ein rassistisches Regime an der schwarzen Bevölkerung verübte. In Marikana aber tobt ein brutaler Arbeitskampf, in dem sich globale Verwerfungen spiegeln: ein multinationaler Konzern, der möglichst profitabel Rohstoffe fördert. Ein Heer von Lohnsklaven, die sich ausgebeutet fühlen. Dazwischen verantwortungslose Manager, machtbesessene Gewerkschaftsbosse und staatliche Organe, die jämmerlich versagen.

Ein Konflikt also, wie er im Wettlauf um wertvolle Bodenschätze in jedem Schwellen- oder Entwicklungsland ausbrechen kann. Erst vor wenigen Wochen wurden bei Massenprotesten gegen den Ausbau einer Goldmine im peruanischen Yanacocha fünf Demonstranten vom Militär erschossen. Der wilde Streik in der Platinmine von Marikana hat das Leben von insgesamt 44 Menschen gekostet.

Platin ist ein Edelmetall, das vor allem in der Schmuckbranche und in der Autoindustrie verarbeitet wird, man braucht es zum Beispiel für die Herstellung von Katalysatoren und Brennstoffzellen. In Südafrikas Erde ruhen nahezu 80 Prozent der globalen Ressourcen. Die Mine von Marikana wird vom britischen Rohstoffkonzern Lonmin betrieben, der zwölf Prozent zur Weltproduktion beisteuert. Weil Platin immer häufiger durch das preisgünstigere Palladium ersetzt wird, ist der Weltmarktpreis eingebrochen und der Kostendruck auf die Unternehmen gestiegen. Entsprechend schlecht bezahlen sie ihre Arbeiter. Die rock drillers, also die Hauer, die unter Tage das Erz aus den Felsen brechen, der schwerste und gefährlichste Job, erhalten bei Lonmin umgerechnet 400 Euro im Monat.

Wenn sich etwas mit den Missständen der Apartheidjahre vergleichen lässt, dann sind es diese Löhne, die miserablen Sicherheitsstandards und die inhumanen Lebensbedingungen der Kumpel und ihrer Familien: Sie hausen nach wie vor in Blechhütten und Bretterverschlägen, ohne Strom, ohne Kanalisation, mancherorts ist das Trinkwasser mit Umweltgiften aus den Minen kontaminiert. Die Bench Marks Foundation, eine Stiftung, die die sozialen Verhältnisse im Umfeld von Bergwerken analysiert, spricht von »entsetzlichen Zuständen«. Die Slums sind ein Nährboden der Gewalt, es kommt regelmäßig zu ethnischen Konflikten, denn viele Bewohner sind Wanderarbeiter, die aus Lesotho oder den Armutsregionen der Provinz Ostkap stammen.

Die Ausbeutung der Arbeiter nutzen in Marikana zwei Gewerkschaften für ihren Machtkampf: die große Bergarbeitergewerkschaft National Union of Mineworkers (NUM) und die kleine, radikalere Association of Mineworkers and Construction Union (AMCU). Die NUM hat sich tariflich geeinigt, die AMCU ködert die unzufriedenen Kumpel mit exorbitanten Lohnforderungen. Rock drillers sollen künftig rund 1250 Euro erhalten, mehr als dreimal so viel wie bisher. Das bedrängte Management von Lonmin hat seinerseits durch die selektive Zahlung von Zulagen die geltenden Tarifverträge unterlaufen und so den Unmut der Arbeiter erst recht geschürt.

In den größten Platinbergwerken Südafrikas kam es seit Jahresbeginn zu illegalen Streiks, die Konzerne wirkten dabei wie schwere Tanker ohne Steuerung, deren Kapitäne sich in London oder Sydney herumtreiben und sich vor allem um die Rendite ihrer Aktionäre sorgen. Die Regierung wiederum sah den Kämpfen der Arbeiterführer tatenlos zu. Präsident Jacob Zuma will wiedergewählt werden, dazu braucht er den Beistand des Gewerkschaftsdachverbandes Cosatu (zu dem die NUM gehört), eine mächtige Organisation, die auch seiner Regierungsallianz angehört.

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Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Animal Farm, die zweite

Von der Unterdrückung durch den Staat zur Unterdrückung durch Konzerne - woran erinnert mich das? An den Schluss von "Animal Farm", oder an den von Grabbes "Napoleon": "Sie glauben an den Sieg der Freiheit - am Ende werden sie statt eines großen Tyrannen viele kleine haben."

Irgendein englischer Philosoph (weiß jemand, welcher?) sagte einmal, der Sinn von Gesetzen sei ausschließlich der Schutz der Schwachen vor den Starken. Gesetze und Staatsmacht wurden pervertiert, gewiss, aber die derzeitige "libertäre" Gegenideologie führt am Ende nur zum Faustrecht.

Eine Frage im Stil von Clausewitz: Wie groß ist die Anzahl X an "Sicherheitsleuten" mit einem Gehalt G, die man braucht, um Y desperate Arbeiter mit einer Pro-Kopf-Pduktivität von P unter Kontrolle zu halten? Bei X * G > Y * P ist der Ofen aus.

Schutz der Schwachen vor den Starken

>> Irgendein englischer Philosoph (weiß jemand, welcher?) sagte einmal, der Sinn von Gesetzen sei ausschließlich der Schutz der Schwachen vor den Starken. Gesetze und Staatsmacht wurden pervertiert, gewiss, aber die derzeitige "libertäre" Gegenideologie führt am Ende nur zum Faustrecht. >>

Hört sich nach Popper an.
Schöne Idee an sich, mit dem Staat und seinen Gesetzen die die Schwachen vor den Starken schützen, die Realität sah und sieht aber eher genau anders herum aus und das nicht nur manchmal - quasi ein politischer Unfall - sondern meistens bis immer.

Siehe u.a.:

Kleines Politisches Wörterbuch, Dietz Verlag 1967, S. 623

"Staat:
Politisches Machtinstrument der ökonomisch herrschenden Klasse einer Gesellschaftsformation. Der Staat entstand mit dem privaten Eigentum an Produktionsmitteln und mit der Herausbildung von Klassen. Er ist Produkt der Unversöhnlichkeikeit der Klassengegensätze. Er dient in der antagonistischen Klassengesellschaft der ökonomisch herrschenden Klasse als Machtinstrument zur Sicherung ihrer Produktionsbedingungen und zur Unterdrückung der ausgebeuteten Klassen. Entscheidende Bestandteile der öffentlichen Gewalt des Staates sind Militär, Polizei, Haftanstalten, Gerichte sowie gesetzgebende Organe, Regierung und Verwaltungsapparat; im weiteren Sinne auch Parteien der herrschenden Klassen, militärische Organisationen, Kirche, Prese, Film, Rundfunk usw. ... "

Wie soll ich den Artikel lesen?

"kam es seit Jahresbeginn zu illegalen Streiks"

Ich kann nichts illegales sehen, wenn die Arbeiter folgende Bedingungen abstellen möchten:

"multinationaler Konzern, der möglichst profitabel Rohstoffe fördert"
"Heer von Lohnsklaven"
"verantwortungslose Manager, machtbesessene Gewerkschaftsbosse"
"Entsprechend schlecht bezahlen sie"
"die miserablen Sicherheitsstandards"
"die inhumanen Lebensbedingungen"
"Blechhütten und Bretterverschlägen"
"ohne Kanalisation"
"Trinkwasser mit Umweltgiften aus den Minen kontaminiert"
"Die Slums sind ein Nährboden der Gewalt"
"Gewerkschaften für ihren Machtkampf"
"selektive Zahlung von Zulagen die geltenden Tarifverträge unterlaufen"
"vor allem um die Rendite ihrer Aktionäre sorgen"
"nicht geschafft, die extreme soziale Ungleichheit im Land zu überwinden"
"regelmäßig Aufstände gegen korrupte Politiker"
"Ausbeutungsverhältnisse fortdauern"
"unternahmen nichts, um die Lage zu entschärfen"
"sondern peitschten sie auf"
"vor der Eskalation gab es zehn Tote"
"darunter Kumpel, Wachleute und zwei Polizisten"
"mit Buschmessern regelrecht zerhackt"
"Zaubermittel gegen Kugeln »immunisieren« soll"
"bis auf die Zähne bewaffnet"
"schießwütige und verängstigte Polizisten"
"Kriegsszenario"
"Börsenkurse für Platin[...] gestiegen"

"Doch der Vergleich führt in die Irre."

Da führt nichts in die Irre! Auch unter Afrikanern kann sich Apartheid abspielen. Reich gegen Arm, Villen gegen Slums, Überfluss gegen Not. Apartheid ist nur ein weiteres Wort für Kapitalismus.

Bitte fundierter recherieren und nicht so reisserisch schreiben!

1) Lonmin ist eine BEE (Black Economic Empowerment) Firma, d.h. die Firma(bzw. Ihre Subfirmen) gehört zu ca mehr als 25 Stiftungen farbiger Minderheiten.

Hier handelt es sich also nicht um einen Konflikt zwischen Kapital und Gemeinschaft, sondern zwischen Interessengruppen.

2)Was bitte hat die Tragödie von Yanacocha/Peru mit Südafrika zu tun ?

@schwanengesang

"Hört sich nach Popper an."

Nö, hört sich eher nach Prof.Dr.Dr.Dr. Eusebius Hieronymus Stupid-Gaga-Foolhill an. Nein, lieber User Schwanengesang, mal im Ernst, kein ensthafter Philosoph würde so einen oberflächlichen Unsinn von sich geben, ausser eben genannter Herr Professor vielleicht. Gesetze haben vielmehr die Funktion den Menschen, -egal ob nun stark oder schwach- vor WILLKÜR zu schützen! Und das ist nun wirklich etwas ganz was anders. Gesetze sind Regeln und Regeln schaffen Verlässlichkeit und Verlässlichkeit ist der beste Schutz und Imunisator vor Willkür, und darauf kommt es vorallem an, auf die konsequente Zurückdrängung von Willkür. Ob sie es mir nun glauben oder nicht, auch "Starke" haben berechtigte Interessen und die Gesetze, die sind der Garant dafür, das "starken", wie natürlich auch "schwachen" in unserer gesellschaft ihre Interessen mit sozail akzeptierten, und das heißt: mit legalen bzw. mit juristischen Mitteln verteidigen dürfen. Ja?!