Radfahren in London ? Klingt wahnsinnig, ist aber schwer angesagt, seit fürs Autofahren in der City kassiert wird. Gestrampelt wird auf allem, was zwei Räder hat, aber so was Schönes wie ich fährt keiner. Ein Kunstwerk, buchstäblich. Es steht im Schaufenster des Design-Museums im Schatten der Tower Bridge, davor ein Schild: I’m going to The Velodrome today ! Denn das ist der Plan: Mit einem Moulton Bike, dem britischsten aller Fahrräder, zum Radstadion der Olympischen Spiele zu fahren, wo die Briten am Nachmittag Gold in der Mannschaftsverfolgung holen wollen.

Das Rad ist ein filigranes Weltwunder, entwickelt von dem Ingenieur Alex Moulton. Vor genau 50 Jahren erfand er zunächst das klappbare Minirad, zum 25-jährigen Firmenjubiläum schenkte er sich und der Welt den Spaceframe, einen luftig-leichten, teilbaren Gitterrahmen aus Edelstahl, ein Designklassiker und zugleich das Herzstück einer alltagstauglichen Rennmaschine. Der Härtetest gleich zu Beginn in der Kopfsteinpflastergasse Richtung Tower Bridge: Die Federung mit einem Gelkissen und der Moulton-Spezialgabel schluckt alle Schläge einfach weg.

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Außerdem ist das Rad so leicht, dass es sich mühelos die Treppe hinauf zur Brücke tragen und über eine brusthohe Absperrung auf die Straße hieven lässt. Unter den riesigen olympischen Ringen zwischen den Brückentürmen gleite ich goldreif und viel begafft dahin. Allerdings ist der Verkehr, auch noch auf links gedreht, bedrohlich – am Tag zuvor hat ein Bus einen Radler direkt am Olympic Park totgefahren. Aber die kleinen Räder machen das Moulton extrem wendig; selbst in kniffligen Situationen, in denen ich mich fühle wie der Belag eines Sandwichs aus Doppeldeckerbus und Black Cab, findet sich ein Ausweg. Mitunter hilft nur die schnelle Flucht nach vorn: Das Moulton geht ab wie ein Rennrad, ausgestattet mit feinen Teilen der Firma Campagnolo.

Geschaltet wird auch wie bei den Profis über Hebel in den Bremsgriffen, so bleibt der Lenker stets fest im Griff. Auf dem Radweg CS2 geht es quer durch das Mini-Arabien rings um die East-London-Moschee gen Nordosten. Nach einer halben Stunde taucht schon die geschwungene Silhouette des Velodroms auf, wo ich Zeuge eines neuen Weltrekords werde: vier Kilometer in 3:51,699 Minuten, Durchschnittsgeschwindigkeit 62,16 Stundenkilometer. Ganz so schnell war ich dann doch nicht. Lag an mir, nicht am Rad.

Technische Daten

Rahmen: Teilbarer Gitterrohrrahmen aus Edelstahl
Reifengröße: 17 Zoll
Gewicht: 10 Kilogramm
Schaltung: 22-Gang-Kettenschaltung
Bremsen: Seitenzug-Felgenbremsen
Basispreis: 9.350 Euro

Christof Siemes ist Kulturreporter und Redaktionsleiter ZEIT-App