Alex Moulton GTVon A nach B

Olympiareporter Christof Siemes fuhr während der Spiele mit dem Alex-Moulton-Rad AM GT vom Museum zum Velodrom. von 

Alex-Moulton-Rad AM GT

Alex-Moulton-Rad AM GT  |  © Moulton Bicycle Company

Radfahren in London ? Klingt wahnsinnig, ist aber schwer angesagt, seit fürs Autofahren in der City kassiert wird. Gestrampelt wird auf allem, was zwei Räder hat, aber so was Schönes wie ich fährt keiner. Ein Kunstwerk, buchstäblich. Es steht im Schaufenster des Design-Museums im Schatten der Tower Bridge, davor ein Schild: I’m going to The Velodrome today ! Denn das ist der Plan: Mit einem Moulton Bike, dem britischsten aller Fahrräder, zum Radstadion der Olympischen Spiele zu fahren, wo die Briten am Nachmittag Gold in der Mannschaftsverfolgung holen wollen.

Das Rad ist ein filigranes Weltwunder, entwickelt von dem Ingenieur Alex Moulton. Vor genau 50 Jahren erfand er zunächst das klappbare Minirad, zum 25-jährigen Firmenjubiläum schenkte er sich und der Welt den Spaceframe, einen luftig-leichten, teilbaren Gitterrahmen aus Edelstahl, ein Designklassiker und zugleich das Herzstück einer alltagstauglichen Rennmaschine. Der Härtetest gleich zu Beginn in der Kopfsteinpflastergasse Richtung Tower Bridge: Die Federung mit einem Gelkissen und der Moulton-Spezialgabel schluckt alle Schläge einfach weg.

Anzeige
Alle Folgen der Serie "Von A nach B" aus dem ZEITmagazin

Alle Folgen der Serie "Von A nach B" aus dem ZEITmagazin  |  © .marqs/Photocase

Außerdem ist das Rad so leicht, dass es sich mühelos die Treppe hinauf zur Brücke tragen und über eine brusthohe Absperrung auf die Straße hieven lässt. Unter den riesigen olympischen Ringen zwischen den Brückentürmen gleite ich goldreif und viel begafft dahin. Allerdings ist der Verkehr, auch noch auf links gedreht, bedrohlich – am Tag zuvor hat ein Bus einen Radler direkt am Olympic Park totgefahren. Aber die kleinen Räder machen das Moulton extrem wendig; selbst in kniffligen Situationen, in denen ich mich fühle wie der Belag eines Sandwichs aus Doppeldeckerbus und Black Cab, findet sich ein Ausweg. Mitunter hilft nur die schnelle Flucht nach vorn: Das Moulton geht ab wie ein Rennrad, ausgestattet mit feinen Teilen der Firma Campagnolo.

Geschaltet wird auch wie bei den Profis über Hebel in den Bremsgriffen, so bleibt der Lenker stets fest im Griff. Auf dem Radweg CS2 geht es quer durch das Mini-Arabien rings um die East-London-Moschee gen Nordosten. Nach einer halben Stunde taucht schon die geschwungene Silhouette des Velodroms auf, wo ich Zeuge eines neuen Weltrekords werde: vier Kilometer in 3:51,699 Minuten, Durchschnittsgeschwindigkeit 62,16 Stundenkilometer. Ganz so schnell war ich dann doch nicht. Lag an mir, nicht am Rad.

Technische Daten

Rahmen: Teilbarer Gitterrohrrahmen aus Edelstahl
Reifengröße: 17 Zoll
Gewicht: 10 Kilogramm
Schaltung: 22-Gang-Kettenschaltung
Bremsen: Seitenzug-Felgenbremsen
Basispreis: 9.350 Euro

Christof Siemes ist Kulturreporter und Redaktionsleiter ZEIT-App

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • zappp
    • 27. August 2012 10:16 Uhr

    Die Form folgt nämlich tatsächlich der Funktion. Kleine Hochdruckreifen (8 bar) mit geringem Luft- und Rollwiederstand, geringer ungefederter und rotierender Masse, Federung vorne und hinten mit nur etwa 3cm Federweg für Komfort auf der Straße bei ansonsten rennradmäßigen Fahreigenschaften. (Teure) Gepäckträger mit beladen niedrigem Schwerpunkt, die Teilbarkeit für Kofferraum oder Gepäcknetz machen es zu einem tollen Reiserad für die Straße. Nur weichen Untergrund mögen die Reifen nicht. Nach ersten Erfolgen hat der internationale Radsportverband den konventionellen Diamantrahmen mit großen Rädern als verbindlichen Standard festgelegt und somit das Moultonrad aus dem Weg geräumt.

    Das gezeigte AM GT mit Edelstahlrahmen und 22-Gang-Schaltung ist eine der teuersten Versionen. Ein AM 20 aus lackiertem hochfestem Stahl, mit 20-Gang-Schaltung aber ansonsten gleichen Rahmen und Rädern ist wesentlich preisgünstiger. Für dessen Preis könnte man in einem beliebigen Fahrradgroßmarkt auch ein Carbonrennrad der Hausmarke erstehen.

    Hinter dem Preis eines Moulton steckt die Idee und die Zeit von Fachkräften unter europäischen Arbeitsbedingungen, aber es werden keine Sportler und schon gar keine Prominente als Werbeträger bezahlt. Ob der vorhandene technische Mehrwert gegenüber einem konventionellen Rad den Mehrpreis rechtfertigt ist eine persönliche Entscheidung. Der typische Moultonfahrer ist ein normalverdienender Enthusiast mit nicht ganz normalen Prioritäten.

    • Riktam
    • 08. September 2012 9:39 Uhr

    … zahlen Sie Ihre Reporter anständig!!!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Von A nach B
  • Schlagworte Weltrekord | Weltwunder | London
Service