Es war in gewisser Weise ein Unfall, als ich 2004 mein Album Solo Piano herausbrachte. In den Jahren zuvor hatte ich elektronische Underground-Cabaret-Performance-Musik gemacht. Mich nun aufs Klavierspiel zu besinnen erschien mir deshalb etwas peinlich. Ich hatte Angst, das würde meine Fans verschrecken. Für mich war das ein ernstes psychologisches Problem. Trotzdem wollte ich herausfinden, ob sie das verstehen können, was ich da mache. Ich sagte mir: Sie kennen mich, sie wissen, wer ich bin, also müssten sie mit etwas so Purem doch umgehen können.

Plötzlich hatte ich diesen Traum, diese Vision. Ich wollte herausfinden, ob sich das Piano in ein modernes Instrument verwandeln lässt und ob ich ein Mann meiner Zeit sein kann, auch wenn das, was mich zur Musik führt, etwas ganz Altmodisches ist. Also nahm ich die Platte auf. Solo Piano war ein Risiko. Und wurde dann das Erfolgreichste, was ich bis dahin gemacht hatte. Plötzlich interessierten sich nicht mehr nur Underground-Leute für meine Musik. Später wurde sogar ein Werbespot für das iPad mit einem meiner Stücke unterlegt. Das Klavier wurde zur Stimme eines elektronischen Geräts – und mein Traum damit Wirklichkeit. 

Bei meinem neuen Album, Solo Piano II , ließ sich die Naivität vom ersten Mal nicht wiederholen. Deshalb wählte ich diesmal eine andere Herangehensweise. Ich wartete so lange, bis ich auf dem Klavier etwas zu sagen hatte. Es ging mir darum, etwas, das in Vergessenheit zu geraten droht, für das Publikum von heute zu adaptieren. Ich glaube, das ist der große Unterschied zwischen mir und anderen Klassikmusikern. Sie verkehren in elitären Kreisen. Ihnen geht es darum, die Tradition zu bewahren. Das ist tödlich. Nur in der Weiterentwicklung kann Kunst überleben. Zugleich zeigt ein Künstler damit, dass er sein Publikum respektiert.

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Deswegen träume ich auch davon, dass alle Künstler zugleich auch Entertainer sind. Ein Entertainer ist jemand, der es verstanden hat, dass es auf die Kommunikation mit dem Publikum ankommt. Ich glaube, das entspricht auch Beethovens Vorstellungen. Seine Musik funktionierte, weil er mit dem Publikum kommunizierte. Er hatte den Leuten etwas zu sagen und war deshalb der herausragende Komponist seiner Zeit. Die Mischung aus künstlerischem Ehrgeiz und dem Wunsch, so viele Menschen wie möglich zu erreichen, machte ihn zu einem Superstar.

In der heutigen Musikwelt dürfen höchstens Popmusiker oder Rapper zugeben, dass sie erfolgreich sein wollen. Als ob es nur die zwei Extreme gäbe: der tiefsinnige Künstler oder jemand, der sich verkauft. Dabei kann man doch ehrgeizig und gleichzeitig künstlerisch kompromisslos sein. Kunst ist immer ein Bestandteil von Unterhaltung. Aber Unterhaltung ist nicht immer Kunst. Deshalb sollten sich Künstler bewusst machen, dass sie das Publikum zu respektieren haben. Der Qualität ihrer Kunst käme das sehr zugute. Es ist wie beim Sex. Auch das Publikum hat seine Bedürfnisse, die berücksichtigt und befriedigt werden wollen, auf die man als Künstler eingehen muss. Alles andere wäre Masturbation.

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