In vielem unterscheidet sich John’s Café in Palo Alto nicht von einem der Hunderttausenden anderen modernen Kaffeehäuser, die man rund um den Globus findet. Es gibt Blueberry Coffee Cake und Plüschsessel, Tische mit Marmorplatten und schlanke, schwarze Stühle. Nur eines ist anders: Eine Kasse fehlt. Stattdessen lehnt neben der Vitrine mit Croissants und Brownies ein iPad. Daran steckt ein kleines weißes Quadrat. An ihm bezahlen die Gäste von John’s Café.

Palo Alto im Silicon Valley gehört zu jener Gegend in Kalifornien, die voller Start-ups ist. »Die Menschen hier sind neugieriger«, sagt John Adams. An dem iPad in seinem Café ist ein Kreditkartenleser der Firma Square. Man kann an dem weißen Quadrat seine Plastikkarte durchziehen, aber man kann es auch ohne Kreditkarte benutzen. Dafür braucht man nur einen Namen, ein Gesicht, ein Smartphone und eine App namens "Pay with Square".

Wer seine Kreditkarteninformationen bei Square hinterlegt hat, muss über die Smartphone-App bestätigen, dass er gerade in John’s Café ist – mit Geodaten wird das überprüft. An der Kasse sagt er: »Morgen John, ich hätte gern einen Blueberry Coffee Cake. Ich bin Pete.« Auf Johns iPad ist Petes Gesicht zu sehen. John klickt es an und lässt damit das Geld von Petes Kreditkarte abziehen. Auf Petes Smartphone erscheint die Quittung.

»It’s new, it’s fun, it’s interesting«, sagt Adams. »It’s kind of Valley.« Ein neuer Spaß, typisch für das Silicon Valley. Eine neue Variante des digitalen Geldbeutels. Mobiles Zahlen ohne Bargeld.

Immer neue derartige Initiativen kommen auf den Markt. Die Zahl der Wettbewerber wächst ständig. So versucht Google Kreditkartenfirmen, Banken und Kunden von Google Wallet zu überzeugen, einem System, das mit Chips funktioniert, die vom Smartphone aus Kreditkarteninformationen mittels Near Field Communication (NFC) zur Kasse funken. Bisher gibt es Google Wallet nur auf ausgewählten Smartphones, die man nur auf wenige Terminals in Tankstellen oder Elektroläden legen kann, um die Daten auslesen zu lassen. Der Handelsriese Walmart entwickelt ein eigenes System. In Deutschland bleiben NFC-Geräte bisher eine Seltenheit. Einen Schub könnte die Technik bekommen, sollte auch das neue iPhone, das wohl im Herbst kommt, NFC-Chips enthalten. Doch längst konkurrieren Start-ups wie Square, Internetkonzerne wie PayPal, Kreditkartenfirmen wie Visa, aber auch Banken um die Gunst der Käufer.

In Palo Alto könnte sich eine der neuen bargeldlosen Techniken zuerst etablieren. »Es wird hier passieren. Hier – oder in New York«, sagt John Adams, 58 Jahre alt, kariertes Hemd, Bluejeans. Drei bis fünf Prozent seiner Kunden zahlen schon mit Gesicht und Namen, schätzt Adams. Bis Ende des Jahres könnten es zehn Prozent werden, hofft er. Er hat als Anreiz Rabatte eingeführt. Vielen ist das Neue aber Anreiz genug, um es auszuprobieren.

Twitter-Gründer Jack Dorsey hat Square aufgebaut. Er fing an mit dem Aufsatz für iPhones und iPads, der es möglich macht, auch bei Flohmarkthändlern oder Besitzern von kleinen Läden mit der Kreditkarte zu zahlen, ohne dass die sich die Standardausrüstung von großen Firmen wie Verifone besorgen müssen. Mittlerweile nutzen das System zwei Millionen Imbissbuden, Schmuckläden oder Privatleute. Seit dem Frühjahr gibt es die App "Pay with Square". Das alles erst einmal nur in den USA, gegen Ende des Jahres wohl auch in anderen Ländern.

Die Verbreitung wird bald stark wachsen. Anfang August verkündete Square, dass es von Herbst an mit der Kaffeehauskette Starbucks kooperiert. Zunächst übernimmt Square das Zahlungssystem im Hintergrund, dann soll man auch bei Starbucks mit Gesicht und Namen zahlen können – 7.000 Läden der USA werden in der Ladenliste der App erscheinen. »Das Ausmaß dieser Innovation war einfach unwiderstehlich«, sagte Howard Schultz, der Starbucks-Chef, der nun auch im Square-Aufsichtsrat sitzt. Die eigene App von Starbucks, auf die Kunden Geld laden können, um dann per Strichcode zu zahlen, der gescannt wird, diese App wird es parallel weiter geben. Bereits heute werden darüber eine Million Transaktionen pro Woche abgewickelt.