Der Flecken Tucumcari liegt gleich hinter der Grenze zwischen Texas und New Mexico, an der historischen Route 66, die von Chicago bis an den Pazifik führt. Ein paar Motels werben mit leuchtenden Neonschildern, doch schon eine Querstraße weiter flattern in den Vorgärten zerrissene Plastiktüten, rosten verbeulte Dosen. Struppiger Rasen, magere, böse Hunde. Dächer hängen durch, die Fenster sind mit Sperrholzplatten vernagelt. Es sieht hier aus wie nach einem Krieg. Und es stimmt ja, die USA haben Krieg geführt, führen ihn noch immer, zahlen Milliarden dafür, jeden Monat.

Ich schreibe ein Wort in mein Notizbuch: »Rumänien«.

Und hinter den traurigen Häusern: die Weite. Rote Erde, gelbes Gestrüpp, ikonische Bilder. Einsamkeit und Härte. Selbst das Handy wird still. Kein Empfang.

Diese Landschaft ist politisch. Sie wirft den Einzelnen auf sich selbst zurück. Und macht den Staat klein. Was ist das schon für eine Macht, die Krieg führen kann, aber Stunden entfernt ist, wenn man in dieser Einöde in Not gerät?

Hier braucht man ein Auto. Vielleicht eine Waffe. Und ganz sicher eine Kirche. Sonst geht man kaputt.

Das Land hat mich überfallen, kaum dass ich aus Oklahoma City herausgefahren bin. Und es wird mich nicht mehr loslassen für zweieinhalbtausend Kilometer. Der tiefe, endlose Himmel. Die rote Erde und die graue. Land, nichts als Land. Offenes, ebenes, leeres Land. Drive thru country.

Oklahoma City liegt mitten in Amerika. Tausend Kilometer sind es zur nächsten, zur mexikanischen Grenze. Sechzehn Stunden mit dem Auto bis Kanada. Gut zweitausend Kilometer im Osten: der Atlantik. Noch ein bisschen weiter im Westen: der Pazifik. Mein Ziel.

Ich bin unterwegs auf der Route 66, um Eindrücke, Stimmen, Bilder aus dem Herzland Amerikas zu sammeln, jetzt, ein halbes Jahr vor den Präsidentschaftswahlen.

John Steinbeck hat seine Familie Joad über diese Straße geschickt, von einer kleinen Farm in Oklahoma nach Westen, auf der Suche nach Arbeit, in Die Früchte des Zorns. Es ist der klassische amerikanische Depressionsroman, die Geschichte einer Familie von Farmern, die in den dreißiger Jahren von Banken um ihren Hof gebracht werden und sich nach Kalifornien aufmachen, um dort neu zu beginnen. Ein grandioses, ein wütendes Buch. Ein Buch, das man nicht vergisst. Noch heute werden jedes Jahr 150.000 Exemplare verkauft, allein in Amerika.

Das also ist die Idee: einmal auf den Spuren von Steinbeck zu fahren, am Ende der zweiten großen Wirtschaftskrise in Amerika in einem Jahrhundert. Aus dem Zentrum nach Westen, nach Kalifornien. Depression reloaded.

Man muss nicht lange suchen nach Parallelen. Wieder herrscht Dürre im Südwesten, die schlimmste seit sechzig Jahren. Und wieder sind Menschen in Bewegung, ohne Haus, ohne Job, ohne Krankenversicherung. Menschen, die irgendwo unterkommen müssen, in Zelten, in Auffanglagern, wie die Familie Joad.

Die große Frage aber lautet, ob das Land heute noch einmal, wie damals, gemeinsam den Weg aus der Krise findet. Damals gab es einen charismatischen Präsidenten und einen nationalen Aufbruch, den New Deal, der das Fundament legte für die Erholung, für den Aufstieg Amerikas zur Weltmacht. Und heute?