Es war ein Erfolg, den keiner vorhergesagt hätte: ein anspruchsvoller, komplex konstruierter Roman von beinahe tausend Seiten, der manche Lesegewohnheiten sprengte, über die untergehende DDR zumal, also ein Stoff, der den meisten Westdeutschen womöglich eher fernliegt, umgesetzt als ein vielschichtiges Panorama, in dem sich eine tolstoihafte Masse an Figuren tummelt. Mehr als eine halbe Million Käufer interessierten sich für diese Geschichte aus einem versunkenen Land, wie es im Untertitel heißt; ihr Autor Uwe Tellkamp erhielt für seine Dresden-Saga den Deutschen Buchpreis 2008. Das eigentlich Großartige an diesem Buch ist jedoch keineswegs jene angebliche leicht verstaubte Hymne auf deutsche Bildungsbürgerlichkeit zum identitären Mitschunkeln, die Tellkamp oberflächlichen Kritikern zufolge singt. Gewiss, in der Medizinerfamilie Hoffmann, deren Geschichte zwischen 1982 und 1989 erzählt wird, sind klassische Musik, Bücher und Bilder Lebenselixier – doch alle wissen, dass sie der »süßen Krankheit Gestern« verfallen sind, mithin diese ostdeutsche Nischenbürgerkultur längst morsch ist. Wir schauen den Protagonisten zu in den moralischen Zwängen der Diktatur, zwischen Anpassung und Verweigerung, erleben den sich in eine folgenreiche Affäre flüchtenden Vater Richard, Onkel Meno, der introvertiert in der skurril-elitären Verlagswelt existiert – und die Hauptfigur, den Sohn Christian, vom Schulalltag bis zum Dienst in der NVA. Neugierig können wir zudem rätseln, welche realen prominenten Figuren hier in literarischen Masken auftauchen.

Tellkamps geniale Eingebung besteht darin, einen ästhetischen Ausweg zu finden aus dem zentralen Dilemma der Post-DDR: der mit wachsendem Abstand zunehmenden Unwirklichkeit der Welt vor 1989 – man kann es sich ja eigentlich alles gar nicht mehr vorstellen. Also versucht sich der Autor nicht etwa in einem pseudogenauen Realismus, wie es denn wohl eigentlich gewesen sein könnte, sondern schwelgt in üppigen Fantasiebildern und surrealen Szenen, die uns fühlen lassen, wie es war, damals: kafkaesk übertriebene Behördengänge und aberwitzige Hiddenseeurlaube, wo sich zufällig alle treffen wie auch bei einem Festgelage gegen Ende des Buches, diverse Paare, die beim Spazieren jeweils über die Ausreise in den Westen Zwiesprache halten, das katastrophische Winterchaos in der Stadt durch Eis und Stromausfall, das sich in einen höllischen Albtraum verwandelt, die nächtliche Panzerfahrt Christians durch die Elbe, Strafdienste an Hochöfen und im Braunkohletagebau, was einem Gemälde von Hieronymus Bosch zu entspringen scheint.

Tellkamp macht aus der untergehenden DDR eine finster leuchtende Fantasiewelt voller Sarkasmus, Tragik und Dramatik und vor allem voller großartiger Bilder, die kein Leser vergisst – wie zum Beispiel die wogenden Massen im Dresdner Hauptbahnhof im Oktober 1989, die auf die Züge gen Westen aufspringen wollen. Plötzlich fühlt sich jeder Leser mittendrin. Wie in einem Mahlstrom beschleunigt sich die Handlung des Romans, bis alles am 9. November endet. Fern und fremd ist uns die Zeit vor 1989 heute geworden – Uwe Tellkamp gelingt aber das Kunststück, jene verendende Epoche nicht einfach nur abzuzeichnen, sondern als expressive Traumlandschaft in Panoramaformat ganz neu zu malen, auf dass wir sie immerfort bestaunen mögen.