Obama-Anhänger auf dem Parteitag in Charlotte, North Carolina © Robyn Beck/AFP/GettyImages

Soll man sich eigentlich für diese amerikanische Wahl interessieren? Der Glanz von Präsident Obama ist matt geworden. Sein Gegenkandidat Mitt Romney wirkt wie Barbies Freund Ken, der in die Politik gegangen ist. Die Vereinigten Staaten sind nicht mehr selbstverständlich der Nabel der Welt.

Und doch geht es um eine folgenreiche Grundsatzentscheidung – viel mehr als vor vier Jahren. Die Wahl 2008 wurde vom Erbe der Bush-Jahre und von der Figur Barack Obama beherrscht; es war die Wahl des ersten schwarzen Präsidenten. Ideologisch war sie wenig aufgeladen. Jetzt stehen zwei Philosophien gegeneinander. Da ist Obamas Reformprojekt, die USA in ein »normaleres«, weniger »amerikanisches« Land zu verwandeln: weg von der überanstrengten Weltpolizistenrolle, weg vom entfesselten Kapitalismus und von extremer Ungleichheit. Und da ist das Kontrastprogramm der Republikaner, die den Staat im Innern abbauen und in der Außenpolitik die Nation wieder groß machen wollen: nicht etwa weniger amerikanisch, sondern im Gegenteil amerikanischer denn je.

Die Republikaner sind keineswegs jene Spinnerpartei, für die sie in Europa gern gehalten werden. In einem zentralen Punkt ist ihre Kritik an Obama vollauf berechtigt: Eine ernsthafte Anstrengung, das Schuldenproblem der USA in den Griff zu bekommen, ist unter diesem Präsidenten nicht zu erkennen. Trotzdem leiden die Kandidatur von Mitt Romney und das Weltbild seines politischen Lagers an einem Grundübel, das eine Gefahr für die Zukunft bedeutet.

Es ist der Geist der Nostalgie. Die Probleme der USA sind nach herrschender republikanischer Lehre durch eine Art politischen Nervenzusammenbruch verursacht, durch den Verlust des Selbstvertrauens, und durch die Besinnung auf die eigenen Stärken können sie gelöst werden. Statt knieweicher Diplomatie wieder mehr leadership, dann wird der Iran im Atomstreit schon einlenken. Statt Sozialprogrammen ein karger Minimalstaat, dann werden die Kräfte des Amerikanischen Traums wieder geweckt. Doch das sind Fantasien. Amerikas Problem ist nicht der Verrat an seinen Idealen, sondern eine neue Wirklichkeit. Eine Staatenwelt, die auch von einer Supermacht nicht länger zu kontrollieren ist. Eine Gesellschaft, in der es mit dem Aufstieg der Tüchtigen oft nicht mehr klappt. Das lässt sich nicht einfach wegwünschen.

Im Vergleich zu dieser Retro-Politik verkörpert Barack Obama trotz aller Schwächen ein waches, lernendes, an sich arbeitendes Amerika. Anders als vor vier Jahren begleiten ihn nicht mehr weltweite Hoffnungen auf seinen Sieg. Aber Sorgen für den Fall seiner Niederlage.

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