Nationalsozialismus"Was hat das mit uns zu tun?"

Mauthausen ist ein zentraler Erinnerungsort der Republik. Bis Frühjahr 2013 wird die Gedenkstätte nun neu gestaltet. von Niko Wahl

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Die Gebäude des Konzentrationslagers Mauthausen in Oberösterreich, in dem während des Nationalsozialismus mehr als 200.000 Menschen inhaftiert waren. Jeder zweite Häftling starb.  |  © Joe Klamar/AFP/Getty Images

Michael Horvath blickt sich vor dem Tor des Lagers Mauthausen um. Er weiß nicht so recht, soll er links, soll er rechts oder geradeaus gehen. Zunächst blickt er aber über seine Schulter, um sicher zu sein, dass ihm kein SS-Mann folgt. Es ist Juli 1945. Die Befreiung durch amerikanische Soldaten liegt bereits zwei Monate zurück. Doch nach sechs Jahren KZ-Haft ist es für Horvath kaum vorstellbar, dass er sich dorthin bewegen kann, wohin er will.

»Manchmal haben sie dich viel geschlagen, manchmal wenig. Aber geschlagen haben sie dich jeden Tag«, erzählt er in einem Interview, das an einer Videostation zu Beginn der neuen Dauerausstellung in der Gedenkstätte Mauthausen zu sehen sein wird. Seit nunmehr sechs Jahren ist die Ausstellung in Vorbereitung, als Teil einer Gesamtsanierung und Neugestaltung der Gedenkstätte. Im Frühjahr 2013 soll sie eröffnet werden.

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Wie ergeht es Michael Horvath nach der Befreiung? Er ist ein burgenländischer Rom aus Oberwart. Dorthin kehrt er nach seiner Freilassung zurück. »Da waren 360 Zigeuner, und 19 sind heimgekehrt«, erzählt Horvath: »Der Hitler hat ausgemistet so wie der Bauer in der Früh den Stall. Nichts. Wo sind die Geschwister? Die Fannel, Liesel, Theresia und die Mutter? Niemand ist heimgekommen von den ganzen Zigeunern.« Selbst die Häuser der ansässigen Roma-Familien wurden nach deren Deportation geschleift.

Niko Wahl

Der Autor arbeitet als freier Kurator im Team der Neugestaltung der Gedenkstätte Mauthausen.

Nicht nur für Horvath ist die Vergangenheit ein wichtiger Teil des Alltags in den frühen Nachkriegsjahren. In der jungen Republik setzen sich auch Politiker intensiv mit den ehemaligen Nationalsozialisten auseinander – allerdings nicht, um Verbrechen zu ahnden, sondern um Stimmen für kommende Wahlen zu ködern. Während ehemalige Wehrmachtsangehörigen etwa problemlos ihre Dienstzeiten für ihre Pensionsversicherung angerechnet bekommen, müssen sich die Verfolgten mit Opferfürsorge und der Anerkennung ihrer Ansprüche herumschlagen.

Die Erinnerung an die Gräueltaten blieb in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit den Überlebenden selbst und den Angehörigen der Opfer überlassen. Die Häftlinge von Mauthausen sammelten bereits vor der Befreiung Beweismittel, die hinausgeschmuggelt oder im Lager versteckt wurden. In den letzten Wochen ihrer Herrschaft versuchte die SS die Spuren der massenhaften Vernichtung zu vertuschen, demontierte Tötungseinrichtungen und vernichtete Dokumente.

Die gesammelten Objekte, Fotos und Dokumente dienten in den Kriegsverbrecherprozessen der Alliierten als Beweismittel und wurden für Überlebendengruppen in verschiedenen europäischen Ländern zu wichtigen Erinnerungsobjekten. Tschechische Häftlinge nahmen zum Beispiel die verbliebenen Apparaturen der Gaskammer und Teile der Krematoriumsöfen, ebenso wie die Musikinstrumente der Lagerkapelle, mit nach Hause.

Es waren Überlebende des Konzentrationslagers Mauthausen, Männer wie Simon Wiesenthal oder der Wiener Hans Maršálek, die sich bemühten, gleichzeitig die Erinnerung an die Verbrechen am Leben zu erhalten und die Verbrecher zu verfolgen. Maršálek, der als Polizeirat für das Innenministerium arbeitete, wurde 1964 zum Leiter der Gedenkstätte Mauthausen bestellt, der er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1976 vorstand. Er war es auch, der 1970 die erste Ausstellung in Mauthausen installierte.

Die Gedenkstätte Mauthausen, ein zentraler Erinnerungsort der Republik Österreich, wurde vor allem von Überlebenden selbst gestaltet und genutzt. Der Wunsch, sich an das Geschehene zu erinnern, war außerhalb der Gruppe der Betroffenen sehr beschränkt.

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