Eine antisemitische Hetzzeichnung ist eine antisemitische Hetzzeichnung. So viel steht fest. Ist sie es aber auch dann, wenn jemand, der sich ihrer bediente, anschließend beteuert, ihm sei das in der Vergangenheit häufig publizierte Sujet, ein Stereotyp propagandistischer Stigmatisierung, vollkommen unbekannt und unverdächtig gewesen? Was nur der Fall sein kann, wenn er entweder bisher besonders bildungsfern durch sein Leben ging oder seit je ausgeprägte Ignoranz an den Tag gelegt hat. Beides verlangt nach Nachhilfeunterricht, verwandelt allerdings die Hetzzeichnung nicht in eine harmlose Kritzelei. Sie bleibt, was sie ist: eine Pöbelei und, vor dem speziellen historischen Hintergrund, ein Affront.

Verknappt könnte sich so auch die Kurzbiografie jener Lebenslüge lesen, auf der die Zweite Republik errichtet wurde und noch immer ruht: Auf frischer Tat ertappt und alles abgestritten, eine Gassenjungengesinnung.

Der aktuelle Anlass mag vernachlässigbar erscheinen, doch die Schutzbehauptungen, mit denen der freiheitliche Parteichef Heinz-Christian Strache seit bald zwei Wochen seine Instrumentalisierung antisemitischer Klischees zu verharmlosen trachtet, versinnbildlichen, dass das Land noch immer nicht zur Gänze mit seiner Vergangenheit gebrochen hat und noch immer nicht mit jeder Faser in der Gegenwart angekommen ist. Nicht weil sich hier ein Schlauberger hanebüchener Ausreden bedienen würde (das muss jedermann zugestanden sein), sondern weil er damit im Großen und Ganzen Erfolg haben dürfte. Nur eine ärgerliche Bagatelle, die höchstens auf eine schlechte Kinderstube schließen lässt. Nicht weiter schlimm. Das Land und seine Entscheidungsträger haben andere Sorgen.

Nach diesem Muster verlief regelmäßig die Diskussion im Sand, wenn sich eine allgegenwärtige Vergangenheit wieder einmal zu Wort meldete. Kurz schreckte die Öffentlichkeit auf und wischte die lästige Störung rasch wieder zur Seite. Niemand fühlte sich zuständig, niemand war verantwortlich. Es gehörte stets zum Alltagsgeschäft, mit den Gespenstern von gestern auf gutem Fuß zu stehen.

Lediglich zweimal in den bald sieben Jahrzehnten, die seit dem Zusammenbruch der großdeutschen Fantasien vergangen sind, wurde dieses Verhaltensmuster durchbrochen: 1986, als der Präsidentschaftskandidat Kurt Waldheim seine verleugnete NS-Biografie mit dem Argument zu rechtfertigen versuchte, er habe lediglich seine Pflicht getan, und 2000, als der ÖVP-Politiker Wolfgang Schüssel aus reinem Machtkalkül mit dem notorischen Grenzgänger Jörg Haider eine Regierungskoalition einging. In beiden Fällen wurde das österreichische Gleichgültigkeitsprinzip jedoch vor allem durch internationalen Druck außer Kraft gesetzt. Beide Male war aus unterschiedlichen Gründen der Tabubruch zu groß, als dass man es dem Ländchen hinter seiner Liebenswürdigkeitsmaske durchgehen lassen wollte, wenn es der allgemein akzeptierten Konvention, derzufolge Nazisedimente in der politischen Gegenwart nicht zu tolerieren seien, Hohn lachte. In beiden Fällen reagierte die Mehrheit mit einer patriotischen Sammelbewegung, die allerdings nicht verhindern konnte, dass der verkrustete Nachkriegskonsens tiefe Risse bekam.

So unbeschwert und so unverschämt wie vor Ausbruch der Affäre Waldheim lässt sich heute die lange Zeit sakrosankte Behauptung, Österreich sei einst das erste Opfer der Naziaggression in Europa gewesen, nicht mehr in den Raum stellen. Aus den Köpfen verschwunden ist sie allerdings nicht. Vielmehr hat das Land zentrale Elemente dieser Opferdoktrin in seinem politischen System verinnerlicht. Es ist nicht haftbar zu machen für das historische Verbrechen, ganz so, als wären die Repräsentanten des künftigen Österreich im Mai 1945 vom fernen Stern der Unschuldslämmer herabgeschwebt und zufällig auf dem doch irgendwie verseuchten Gebiet zwischen Alpen und Donau gelandet.