Wenn der Abgeordnete El Hadji Baba Haidara nach guten Nachrichten aus seinem Land sucht, fällt ihm gerade nur der Regen ein. Die Dürre ist vorbei. Alle paar Tage geht nun eine Wand aus Wasser nieder, in Bamako stehen dann binnen kurzer Zeit die Autos bis über die Reifen in den Fluten, der Straßenmüll der vergangenen Tage treibt vorbei. Ein paar Stunden später trocknet die Hauptstadt Malis unter der Sonne, die Luft ist klar und riecht nach nasser Erde. »Wenigstens wird die Ernte besser als letztes Jahr«, sagt Haidara.

El Hadji Baba Haidara, 56, ist gelernter Ingenieur und Mitglied des malischen Parlaments. Er traut sich nicht mehr nach Hause. Sein Wahlkreis, die Stadt Timbuktu, steht seit Monaten unter Kontrolle der islamistischen Organisation Ansar Dine, der sogenannten »Verteidiger des Glaubens«. Also hält Haidara seine Wählersprechstunde nur noch per Handy ab und notiert in seinem Büro in Bamako die Berichte aus seiner Heimatstadt: über die »islamische Polizei«, die den Konsum von Alkohol oder Zigaretten mit Stockhieben ahnde, Frauen auf der Straße drangsaliere, mit Amputationen bei Diebstahl und mit einem Dschihad in ganz Westafrika drohe. »Iyad«, sagt Haidara und schüttelt den Kopf, als wäre ein alter Bekannter auf die schiefe Bahn geraten. »Was bildet der sich ein? Dass er den Islam erfunden hat?« Iyad Ag Ghali, ein malischer Tuareg, ist der Führer von Ansar Dine, der neue starke Mann im Norden Malis. Die beiden, erzählt er, kennen sich aus Zeiten, als Ag Ghali gern mal einen trank und vor allem an politischen Deals und Geld interessiert war, nicht an der Scharia. Haidara hat ihn neulich angerufen, um ihm ein Gespräch vorzuschlagen – von Malier zu Malier. Ag Ghali habe geantwortet, er rede nicht mit Männern, die sich als Parlamentarier anmaßten, Gesetze zu erlassen. Das sei allein Gott vorbehalten. Haidara zuckt ratlos mit den Schultern – als gehe da eine Geisteskrankheit in seinem Land um.

Das westafrikanische Mali hat scheinbar über Nacht eine Verwandlung sondergleichen erlebt: Bis vor Kurzem noch als »afrikanisches Erfolgsmodell« mit Demokratie und moderatem Islam gepriesen, gilt es jetzt als neuer Schauplatz des »Krieges gegen den Terror«. Washington, Paris, Brüssel sind alarmiert – und geben sich überrascht.

Die aktuelle Krise nahm ihren Ausgang im Sommer 2011 – nicht in Mali, sondern im nördlich gelegenen Libyen, als sich das Ende von Muammar al-Gaddafis Herrschaft abzeichnete.

Gaddafi war so etwas wie Malis reicher, unberechenbarer Onkel gewesen, der malische Politiker und gigantische Investitionsprojekte ebenso finanzierte wie junge Tuareg aus dem völlig verarmten malischen Norden, die er in seinen Militärcamps ausbilden ließ. Nach Gaddafis Sturz war eine Garde malischer Kämpfer mitsamt ihrem Waffenarsenal aus Libyen in die Heimat zurückgekehrt. Dort stellte sie sich an die Spitze eines schon länger schwelenden Aufruhrs im Norden und propagierte im Namen einer »Nationalen Befreiungsbewegung Azawad« (MNLA) einen eigenen Staat. Im Bündnis mit islamistischen Milizen überrollten die Rebellen eine schlecht versorgte malische Armee, die ihrerseits aus Wut über die schwache politische Führung in Bamako den Präsidenten stürzte.

Vorläufiger Sieger des Konflikts sind nun die Islamisten, die inzwischen die Kontrolle über den Norden gewonnen haben. Seither können sich Ansar Dine und andere Fraktionen, die sich allesamt rühmen, mit der Gruppierung »Al-Kaida im islamischen Maghreb« (AQMI) vernetzt zu sein, in einem Gebiet von der Größe Frankreichs frei bewegen. In den größeren Städten des Nordens haben sie sich zur Regierungsgewalt erklärt: in Kidal, Gao und Timbuktu.

Mitten hinein in dieses multiple Desaster würden die Nachbarländer gern eine Interventionstruppe entsenden, womöglich unterstützt von französischen Spezialeinheiten und amerikanischen Drohnen. El Hadji Baba Haidara ist allerdings wie die meisten Malier auf ausländische Einmischung nicht gut zu sprechen. »Wissen Sie, woher die Islamisten ihr Geld haben?«, fragt er. »Von Ihren Regierungen in Europa.«