MaliTaliban in Timbuktu

Im westafrikanischen Mali spielt sich eine Tragödie ab. Islamisten errichten im Norden des Landes eine Terrorherrschaft. Wer greift ein? von 

In der malischen Stadt Mopti bildet das Militär Zivilisten für den Kampf gegen die Islamisten aus.

In der malischen Stadt Mopti bildet das Militär Zivilisten für den Kampf gegen die Islamisten aus.  |  © AFP/GettyImages

Wenn der Abgeordnete El Hadji Baba Haidara nach guten Nachrichten aus seinem Land sucht, fällt ihm gerade nur der Regen ein. Die Dürre ist vorbei. Alle paar Tage geht nun eine Wand aus Wasser nieder, in Bamako stehen dann binnen kurzer Zeit die Autos bis über die Reifen in den Fluten, der Straßenmüll der vergangenen Tage treibt vorbei. Ein paar Stunden später trocknet die Hauptstadt Malis unter der Sonne, die Luft ist klar und riecht nach nasser Erde. »Wenigstens wird die Ernte besser als letztes Jahr«, sagt Haidara.

El Hadji Baba Haidara, 56, ist gelernter Ingenieur und Mitglied des malischen Parlaments. Er traut sich nicht mehr nach Hause. Sein Wahlkreis, die Stadt Timbuktu, steht seit Monaten unter Kontrolle der islamistischen Organisation Ansar Dine, der sogenannten »Verteidiger des Glaubens«. Also hält Haidara seine Wählersprechstunde nur noch per Handy ab und notiert in seinem Büro in Bamako die Berichte aus seiner Heimatstadt: über die »islamische Polizei«, die den Konsum von Alkohol oder Zigaretten mit Stockhieben ahnde, Frauen auf der Straße drangsaliere, mit Amputationen bei Diebstahl und mit einem Dschihad in ganz Westafrika drohe. »Iyad«, sagt Haidara und schüttelt den Kopf, als wäre ein alter Bekannter auf die schiefe Bahn geraten. »Was bildet der sich ein? Dass er den Islam erfunden hat?« Iyad Ag Ghali, ein malischer Tuareg, ist der Führer von Ansar Dine, der neue starke Mann im Norden Malis. Die beiden, erzählt er, kennen sich aus Zeiten, als Ag Ghali gern mal einen trank und vor allem an politischen Deals und Geld interessiert war, nicht an der Scharia. Haidara hat ihn neulich angerufen, um ihm ein Gespräch vorzuschlagen – von Malier zu Malier. Ag Ghali habe geantwortet, er rede nicht mit Männern, die sich als Parlamentarier anmaßten, Gesetze zu erlassen. Das sei allein Gott vorbehalten. Haidara zuckt ratlos mit den Schultern – als gehe da eine Geisteskrankheit in seinem Land um.

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Das westafrikanische Mali hat scheinbar über Nacht eine Verwandlung sondergleichen erlebt: Bis vor Kurzem noch als »afrikanisches Erfolgsmodell« mit Demokratie und moderatem Islam gepriesen, gilt es jetzt als neuer Schauplatz des »Krieges gegen den Terror«. Washington, Paris, Brüssel sind alarmiert – und geben sich überrascht.

Die aktuelle Krise nahm ihren Ausgang im Sommer 2011 – nicht in Mali, sondern im nördlich gelegenen Libyen, als sich das Ende von Muammar al-Gaddafis Herrschaft abzeichnete.

Gaddafi war so etwas wie Malis reicher, unberechenbarer Onkel gewesen, der malische Politiker und gigantische Investitionsprojekte ebenso finanzierte wie junge Tuareg aus dem völlig verarmten malischen Norden, die er in seinen Militärcamps ausbilden ließ. Nach Gaddafis Sturz war eine Garde malischer Kämpfer mitsamt ihrem Waffenarsenal aus Libyen in die Heimat zurückgekehrt. Dort stellte sie sich an die Spitze eines schon länger schwelenden Aufruhrs im Norden und propagierte im Namen einer »Nationalen Befreiungsbewegung Azawad« (MNLA) einen eigenen Staat. Im Bündnis mit islamistischen Milizen überrollten die Rebellen eine schlecht versorgte malische Armee, die ihrerseits aus Wut über die schwache politische Führung in Bamako den Präsidenten stürzte.

Vorläufiger Sieger des Konflikts sind nun die Islamisten, die inzwischen die Kontrolle über den Norden gewonnen haben. Seither können sich Ansar Dine und andere Fraktionen, die sich allesamt rühmen, mit der Gruppierung »Al-Kaida im islamischen Maghreb« (AQMI) vernetzt zu sein, in einem Gebiet von der Größe Frankreichs frei bewegen. In den größeren Städten des Nordens haben sie sich zur Regierungsgewalt erklärt: in Kidal, Gao und Timbuktu.

Mitten hinein in dieses multiple Desaster würden die Nachbarländer gern eine Interventionstruppe entsenden, womöglich unterstützt von französischen Spezialeinheiten und amerikanischen Drohnen. El Hadji Baba Haidara ist allerdings wie die meisten Malier auf ausländische Einmischung nicht gut zu sprechen. »Wissen Sie, woher die Islamisten ihr Geld haben?«, fragt er. »Von Ihren Regierungen in Europa.«

Leserkommentare
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  2. Ganz ohne "internationale Unterstützung" werden die Herrschaften wohl nicht an ihre Waffen gekommen sein. Frühere Berichte über sie wurden mit Bildern illustriert, die sich als solche libyscher Milizen herausstellten. Die Leser wunderten sich damals über die libyschen Autokennzeichen.

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  3. ....kann man dieser Tage einen expansiv auftretenden Islam beobachten. In Ostafrikanischen Staaten wie Kenia, Tanzania oder Zambia ist es im Alltag offensichtlich wie ich aus erster Hand bezeugen kann. Da in diesen Laendern jedoch ueberwiegend Christen leben (in Tanzania nur eine kleine Mehrheit), sind die Islamisten gezwungen noch etwas vorsichtiger und klandestiener zu agieren.
    In Westafrika, wo der Anteil von Muslimen an der Bevoelkerung wesentlich hoeher ist wie eben in Mali, koennen sie sich ein offensiveres Handeln leisten bzw. ganz zur offenen Rebellion und zum Buergerkrieg uebergehen.
    In assymentrischen Konfliktsituationen also geheimbundartige Strukturen und Guerrilliataktik, in symetrischen Konstellationen, z.B. herbeigefuehrt durch eine schwache Armee und Polizei, ziehen die Jihadisten als quasiregulaere Armee in den Kampf.
    Eines jedoch eint die islamistischen Bewegungen in ganz Afrika: Sie alle teilen den muslimischen Anspruch auf die Eine Wahrheit und die Eine, wahre Religion. Sie sind jedoch in der Lage, sich flexibel den politisch-militaerischen Realitaeten vor Ort anzupassen.
    Finanziert werden diese Bewegungen vermutlich vor allem aus den oelreichen Staaten des Mittleren Ostens. Geld fuer die Expansion ist also ausreichend vorhanden.

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  4. Hier sollte den Leuten geholfen werden!
    Syrien ist das falsche Ziel.

    Aber Mali ist ja nur ein armes Afrikanisches Land. Was intressiert uns ob hier Menschen unter einer grausamen Religion leiden müssen oder nicht.
    Traurig!

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  5. 5. [...]

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    Antwort auf "Ich versteh es nicht:"
  6. "Im westafrikanischen Mali spielt sich eine Tragödie ab. Islamisten errichten im Norden des Landes eine Terrorherrschaft. Wer greift ein?"

    Klar fehlen die Mittel.
    Man ist ja gerade dabei,
    in Syrien islamistische Rebellen zu unterstützen
    und ein "Regime" zu destabilisieren..

    Überall können die Menschenrechtler
    ja nun wirklich nicht sein.

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    Es ist genauso, wie Sie schreiben. Der politische Islam in seiner gewalttätigen Ausprägung breitet sich wie ein Krebsgeschwür in Afrika aus. Baschar al Assad ist bestimmt kein wahrer Menschenfreund. Was vergessen wird: Er ist immerhin weltlich orientiert, die religiösen Minderheiten lässt er in Ruhe. Er ist berechenbar. Was nach ihm kommt, weiss keiner. Es könnte noch ungemütlicher werden. Insbesondere dann, wenn der Bürgerkrieg zu Ende ist und sich die Islamisten mit Unterstützung des Westens durchgesetzt haben.

  7. Das Aufkommen der Islamisten (Taliban) ist nicht zuletzt die direkte Folge des Krieges in Libyen, den, wenn ich erinnern darf, Frau Böhm in einem Artikel über den "gerechten Krieg", verteidigt hat, wobei sehr wohl klar war, dass viele radikale Gruppierungen dadurch aufgebaut wurden, die heute ihre Ideologie in NOrdafrika, auch Mali, verkünden und verbreiten. Ich finde es daher sehr mekrwürdig, wenn die Autorin diese Tatsache nicht erwähnt und sich nun um die Taliban sorgen macht, die Produkt jenes Krieges sind, für den sie sich eingesetzt hat. Kritisierte man diese Haltung und erwähnte, dass die Kaida in Nordafrika unterstützt wird und der Westen sich ihrer bedient, war man schnell der Zensur unterworfen. Jetzt schreibt die Autorin über die Kaida (AQMI) im Maghreb und bestätigt die Verwicklung dieser Organisation im Konflikt in Nordafrika. und das dadurch entstandene Desaster. Als man aber Gadaffi um jeden Preis eliminieren wollte, hat man das Desaster einfach ignoriert und mit Kaida paktiert. Was soll daran also neu und überraschend sein, die Fakten lagen alle auf dem Tisch. Ich erwarte kritischen Journalismus und nicht bloss eine "copy paste" Version der NATO-Pressestelle wie im Fall Libyen. Jetzt verkauft es sich blendend, wenn man über die Taliban Gefahr schreibt, gleichzeitig widerlegt sich die Autorin selbst. Das kommt eben dabei raus, wenn man bloss nach dem Wind schreibt, sorry, aber die Kritk ist berechtigt wie auch die Forderung nach einem ernsthaften Journalismus.

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  8. 8. [...]

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