Als ein neongrün schimmernder Halbmond auf der riesigen Leinwand schwebt, ist Robin Ali auf dem Höhepunkt seines Vortrags angekommen: »In meiner ganzen wissenschaftlichen Karriere habe ich nie etwas Erstaunlicheres gesehen«, ruft der Forscher vom Londoner University College in den überfüllten Ballsaal des Hamburger Grand Elysée Hotels. Das strahlende Gebilde ist ein menschliches Auge in seiner Entstehung, so wie es in der achten Schwangerschaftswoche aussieht. Doch dieses Sinnesorgan wächst nicht im Mutterleib, sondern in Alis Labor – in einer Plastikschale.

Das Bild auf der Leinwand elektrisierte Mitte Juli das Publikum des Retina International World Congress. Unter dem Motto »Gateway to Vision – Tor zum Sehen« trafen sich Forscher, Blinde und Sehbehinderte, um gemeinsam den Sachstand im Kampf gegen fatale Augenleiden zu debattieren. Für die Betroffenen sind Robin Ali und eine Handvoll seiner Kollegen die derzeit größte Hoffnung, neues Augenlicht zu erlangen – irgendwann in der Zukunft. Ausgerechnet bei einem hochkomplexen Gewebe wie der menschlichen Netzhaut weckt die biomedizinische Grundlagenforschung nun die Aussicht auf Heilung.

Einst unbehandelbare Leiden der Netzhaut gelten schon heute nicht mehr als unabänderliches Schicksal. Mit neuartigen Medikamenten und Gentherapien wollen Augenmediziner künftig das bedrohte Sehvermögen retten. Schon jetzt zeigen erste klinische Versuche an Patienten: Gerade die zahlreichen erblichen Leiden des Sehorgans lassen sich durch Eingriffe bessern oder zumindest stabilisieren. »Das ist für eine Reihe von Menschen bereits Realität«, sagt der Retinaforscher Thomas Reh vom Health Science Center der University of Washington in Seattle.

Und verblüffende Fortschritte der Stammzellforscher nähren nun auch die Hoffnung, die Funktion bereits zerstörter Netzhaut durch die Verpflanzung von Retinazellen wiederherzustellen. Zwar sind die Transplantate noch längst nicht reif für die Therapie von Patienten, bis dahin haben die Wissenschaftler noch etliche medizinisch-technische Hürden zu überwinden. Ein Großteil der Hoffnungen gründet sich erst auf die Ergebnisse von Tierexperimenten. Aber schon heute wachsen in den Laboren vollständige menschliche Netzhäute heran. Sie sollen künftig für die Reparatur bislang nicht kurierbarer Retinadefekte bei Blinden und Sehbehinderten eingesetzt werden. »Da sind komplexe Probleme zu lösen«, sagt der Augenarzt Frank Holz von der Uni Bonn, »doch es ist der richtige Weg, um Patienten zu helfen, bei denen Fotorezeptoren bereits untergegangen sind.«

Die Zelllabors des Institute of Ophthalmology, in denen Robin Alis Team die Netzhäute päppelt, liegen in der ersten Etage eines lang gestreckten, schmutzig gelben Klinkerbaus mit grün lackierten Fensterrahmen. Hier in der Bath Street, im Osten von Central London, ist die britische Kapitale nicht schick und glitzernd. Keine glamourösen Bars, keine teuren Restaurants – »just ordinary working people«, sagt ein Mann, der den Weg weist. Gleich neben dem Forschungsinstitut liegt die Kinderabteilung der weltbekannten Augenklinik Moorfields Eye Hospital.

Das keimende Sehorgan ist mit bloßem Auge kaum zu erkennen, auch sein grüner Schimmer zeigt sich nur im Fluoreszenzmikroskop. Der Augenbecher misst etwa einen halben Millimeter, so groß ist auch eine menschliche Augenanlage im Mutterleib. Hier jedoch wächst nicht das Auge eines heranreifenden Kindes, es ist ein Zuchtprodukt aus menschlichen embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) und in deren Erbanlagen verborgenen Wachstumsprogrammen.

»Man muss das nicht von außen steuern«, sagt Robin Ali. Er lehnt sich in seinem Bürosessel zurück und faltet die Hände über dem leichten Bauchansatz. »ES-Zellen bilden die Augenbecher durch Selbstorganisation – ein erstaunlicher Befund.« Ali ist einer der Forschungsleiter der Abteilung Molekulare Therapie, kein Augenarzt, sondern Molekulargenetiker – und very British. Nur der Nachname und die leichte Hauttönung des 46-Jährigen deuten – »mein Vater ist Bangla-deschi « – auf einen Migrationshintergrund. Seit zwei Jahrzehnten forscht er für einen Sieg über die Erblindung. Noch ist es ein Wunschtraum, Blinde sehend zu machen. Aber obwohl niemand garantieren kann, dass ihre Befunde bei der Anwendung am Menschen Bestand haben werden– die Forscherszene sieht sich vor einem historischen Durchbruch.