Video "The Clock" : Voll auf die Zwölf

Das beliebteste Kunstwerk unserer Tage: Christian Marclays "The Clock" ist jetzt in Zürich zu sehen.
Christian Marclay "The Clock", 2010. Einkanalvideo, Dauer: 24 Stunden © Christian Marclay Foto: Ben Westoby Courtesy White Cube

Christian Marclay ist Künstler, seit über dreihunderttausend Stunden. Hunderte von Kunstwerken hat er seit den siebziger Jahren geschaffen, Hunderte von Performances und Konzerten gegeben, doch all das scheint jetzt nicht mehr zu zählen. Jetzt wird all das überschattet, von einem einzigen Meisterwerk. Von einer Filminstallation, die ihn innerhalb eines Jahres weltberühmt und reich gemacht hat.

Dieses Meisterwerk heißt The Clock, eine Collage aus vielen Tausend mühsam zusammengeschnittenen Szenen der Filmgeschichte, Szenen, in denen Uhren gezeigt werden oder die Uhrzeit angesagt wird, in denen die Zeit eine wichtige Rolle spielt oder nur zufällig ins Bild gerät. Der Film funktioniert selbst wie eine Uhr, er dauert exakt 24 Stunden und zeigt echtzeitsynchronisiert immer die passende Filmszene: Um 11.57 Uhr sieht man die rothaarige Lola durch Berlin rennen, um Punkt zwölf schwenkt die Kamera auf die Standuhr von Gary Cooper in High Noon, gleich darauf sieht man den Glöckner von Notre Dame läuten, einige Filmschnipsel später, um 12.05 Uhr, kommt ein Radiowecker zum Einsatz, er gehört Richard Gere in American Gigolo, der sich gerade einen Rest Kokain in den Mund reibt, um solchermaßen gestärkt die passende Garderobe für seinen kommenden Einsatz auszuwählen. Und so geht es immer weiter, bis um Mitternacht, bis alles von vorn anfängt.

Doch nicht nur die chronologische Ordnung hält den Film zusammen, sondern auch die Tonspur, auf der die Filmmusik des einen Clips noch über die nächsten beiden gelegt wird. Es entsteht ein ästhetisch-emotionaler Sog, der den Betrachter nicht mehr loslässt.

Jetzt wird The Clock bis zum 2. September im Kunsthaus Zürich gezeigt; am 31. August kann man die Installation dort in voller Länge sehen. Überall, wo diese Filmcollage zuletzt gezeigt wurde – auf der Kunstbiennale 2011 in Venedig, im Centre Pompidou in Paris, auf der Triennale in Yokohama oder kürzlich im Lincoln Center in New York –, wurde sie zum Publikumsliebling. Auch die Kuratoren wählten The Clock zu ihrem Lieblingskunstwerk, Marclay gewann in Venedig den Goldenen Löwen als bester Künstler, und die Kritiker zeigten sich begeistert. Sechs Exemplare des Films gibt es, sie wurden jeweils für Hunderttausende von Dollar an die großen Museen der Welt (darunter die Tate, das Centre Pompidou und das MoMA) verkauft; andere interessierte Museen und Sammler gingen leer aus. The Clock ist das beliebteste und größte Kunstwerk dieser Tage. Woher rührt der Erfolg?

The Clock vereint gleich mehrere Tendenzen der aktuellen Kunstproduktion. Es ist ein Beispiel für die Slow Art oder auch Long Durational Art, eine Kunstrichtung, die auf einen langwierigen Entstehungsprozess und vor allem auch die lang dauernde Betrachtung setzt. Welchem Gemälde widmen durchschnittliche Museumsbesucher heute mehr als eine halbe Stunde ihrer Zeit? The Clock schauen sich viele Besucher zwei, fünf oder sogar 24 Stunden an. Sie sitzen da und spielen Filmeraten – manche Filme werden bis zu einem Dutzend mal zitiert –, lassen sich von all den Cliffhangern, den tickenden Zeitbomben und den an Turmuhren hängenden Menschen unterhalten, suchen nach verborgenen Dramaturgien und driften irgendwann zu den großen Fragen ab, über postmoderne Erzählstrukturen und Homologien in den Tagesabläufen, über den Sinn von Uhren und das Ende der Zeit. The Clock spielt mit unserem Gedächtnis und mit unseren Emotionen. Die Gefühle von damals schwappen hoch, als man das erste Mal diesen Truffaut-, diesen Spiderman-, diesen Hitchcock-Film gesehen hat. Man begegnet der jüngeren und der älteren Meryl Streep, dem bösen und dem nicht ganz so bösen Anthony Hopkins. Das Werk lässt den Betrachter partizipieren, denn er kann sich aus dem Fluss der Szenen eine eigene Geschichte zusammendenken.

The Clock ist das bisher größte Monument der Remix- oder Mash-up-Kultur. Der Film ist kein Film mehr, er sprengt den Rahmen des Kinos, er dehnt, zerrt und zerreißt dieses Medium. Ein Triumph des Zappens, der Dekonstruktion und Rekonstruktion, eine Aneinanderreihung von YouTube-Happen. Und zugleich ist The Clock eine große Huldigung an das Handwerk: Mehr als drei Jahre hat Marclay an diesem Projekt gearbeitet, jeden Tag zehn bis zwölf Stunden, er hat vor lauter Uhren die Zeit aus dem Blick verloren, hat mit sechs Assistenten nach den passenden Stücken im riesigen Filmschatz gesucht und sie dann so kunstfertig wie ein geschickter Mosaikmacher zusammengesetzt. »Die Kunst liegt ganz im Detail«, sagt Marclay.

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Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Irgendwie auch merkwürdig...

... dieses Verständnis von Remix und Sampling des Künstlers. Er schafft ein Kunstwerk, welches komplett aus den Werken anderer besteht, ist dann aber über-protektiv und lässt nicht zu, dass wiederum andere Künstler ihn remixen, geschweige denn dass man es überhaupt ausserhalb sehr limitierter Möglichkeiten anschauen kann.

Wenn er seinen Film auf Youtube stellen würde - Millionen Klicks wären ihm sicher. Das wäre zwar eine Art "Abnutzung", aber es wäre auch eine Form von Anerkennung ihm gegenüber. Diese extrem behütende und museale Form der Verbreitung ist dann doch irgendwie elitär..

Naja...

...ohne "The Clock" gesehen zu haben, wenn dies hier zutrifft:

"Doch nicht nur die chronologische Ordnung hält den Film zusammen, sondern auch die Tonspur, auf der die Filmmusik des einen Clips noch über die nächsten beiden gelegt wird. Es entsteht ein ästhetisch-emotionaler Sog, der den Betrachter nicht mehr loslässt."

dann ist da von der Schnitttechnik doch ein erheblicher Unterschied zu dem von Ihnen geposteten Video, das zwar eine ähnliche Grundidee, aber eine wesentlich simplere Ausführung besitzt (einzelne Clips, nacheinander gesetzt, ohne verbindene Elemente abgesehen vom Inhalt).

Manchmal macht halt auch die technische Ausführung den Unterschied zwischen einer naheliegenden Idee und Kunst :)

Technische Ausführung

Ohne den Clock-Film gesehen zu haben - die Uhrzeit wird sich nur in eine Richtung bewegen, und ist somit vorhersehbar, genauso wie in dem Countdown-Video. Spannung entsteht also durch das Brechen von Erwartungen einerseits, und dem - wie im Artikel angesprochenen - Filmtitel erraten.

Das die Filmmusik Szenen überlappt, ist eine Grundlage des Filmschnitts, und macht "nur" den Einstellungsübergang weicher. Mit Kunst hat das nichts zu tun. Man nennt das auch Handwerk...

Neben all den Katzenvideos?

Kunst muss wahrscheinlich elitär sein, um in die Geschichtsbücher einzugehen. Es müssen Kuratoren darüber entscheiden, wer es als Künstler "schafft" und wer am Boden bleibt – nicht die Masse.

Youtube ist zu beliebig und zu leicht für jeden zugänglich. Möchte man dieses einzigartige Kunstwerk wirklich neben all den ersten filmischen Gehversuchen, neben all den Katzenvideos sehen?