Bundesländer: Wozu braucht Bayern Deutschland?
Strauß-Intimus Wilfried Scharnagl und der Sozialdemokrat Christian Ude streiten über die Eigenarten des Freistaats – und schimpfen gemeinsam über den Finanzausgleich.
Wilfried Scharnagl, 73, langjähriger Chefredakteur des Bayernkuriers, war ein enger Freund des bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß. In seinem neuen Buch Bayern kann es auch allein macht er seiner Wut über den Machtverlust des Freistaats an Berlin und Brüssel Luft. Wir haben ihn im Münchner Ratskeller mit dem bayerischen SPD-Spitzenkandidaten Christian Ude an einen Tisch gebeten. Ude ist seit 1993 Oberbürgermeister von München.
DIE ZEIT: "Bayern ist unsere Heimat, Deutschland unser Vaterland und Europa unsere Zukunft" – Herr Scharnagl, hatte Ihr Freund Franz Josef Strauß mit diesem Satz unrecht?
Wilfried Scharnagl: Nein, keineswegs. Ich plädiere nicht dafür, dass Bayern aus seiner geschichtlichen deutschen Solidarität ausbricht. Aber Bayern hat seit Gründung der Bundesrepublik, seit 1949, sukzessive an politischem Gewicht verloren, und dieser Verlust steht in umgekehrtem Verhältnis zur Bedeutung und wirtschaftlichen Kraft des Landes, seiner Bevölkerungszahl. Berlin und Brüssel wollen sich in immer mehr Dinge einmischen, sie gleichmachen, einem zentralistischen Moloch unterwerfen.
ZEIT: Herr Ude, kann Bayern es auch alleine, wie Herr Scharnagl das in seinem Buch behauptet?
Christian Ude: Er behauptet es ja nur im Titel. Im Buch selbst wird es dann nicht durchgeführt. Ich halte das für eine Scheindebatte. In Wahrheit geht es darum: Wo der Wohlstand zu Hause ist, trennt man sich gerne von ärmeren Landesteilen – das sehen wir auch in Italien, nur dass da die Himmelsrichtungen umgekehrt sind.
ZEIT: Wie unabhängig soll Bayern sein, Herr Scharnagl?
Scharnagl: Wir müssen alles überdenken. Landkarten sind nicht für die Ewigkeit geschrieben.
"Sie betreiben Geschichtsklitterung"
ZEIT: Herr Ude, was hat Bayern davon, in der Bundesrepublik zu sein?
Ude: Was hat München davon, Teil von Bayern zu sein? Was hat Norditalien vom Mezzogiorno? Wir sind ein Gemeinwesen, in dem es stärkere und schwächere gibt, sowohl Personen als auch Haushalte oder Regionen. Wir können auf die anderen auch als Kunden, als Lieferanten, als Arbeitnehmer gar nicht verzichten.
ZEIT: Herr Scharnagl, gibt es Demokratie überhaupt ohne zentrale Institutionen?
Scharnagl: Ich bin ein entschiedener Gegner zentralistischer Großmachtstaaten. Ich will nicht, dass in Brüssel entschieden wird, was in Reichenhall passiert. Von Großmächten ist, wie die Geschichte lehrt, immer das Unheil in der Welt ausgegangen.
Ude: Moment! Das ist Ihre bayerische Sicht im Verhältnis zum großen, preußisch dominierten Reich. Aber wer hat denn das ganze Unglück über das zwanzigste Jahrhundert gebracht. Die riesengroßen USA? Oder das vergleichsweise kleine Hitler-Deutschland?
Scharnagl: Hitler-Deutschland war die konsequente Fortentwicklung eines zentralistischen, militaristischen großdeutschen Reiches.
ZEIT: Warum war dann die nationalsozialistische Bewegung in Bayern so besonders stark? Nürnberg, München, Hauptstadt der Bewegung?
Scharnagl: Das ist so pauschal nicht richtig.
Ude: Doch. In Sachen Nationalsozialismus betreiben Sie wirklich Geschichtsklitterung. Da wird der Eindruck erweckt, Bayern sei stets ein Hort der Freiheitsbestrebungen gewesen – dabei fand der Hitler-Putsch hier statt! Hier hat die Bewegung ihre ersten Triumphe gefeiert. Erst sehr spät ist diese Erfolgswelle ins preußische Berlin hinübergeschwappt – also da waren Sie historisch nicht korrekt!
Scharnagl: Ich schreibe nirgends, dass ein nazistisches Preußen sich Bayern Untertan gemacht habe, dagegen verwahre ich mich. Was Sie beiseiteschieben: Die Stunde des Unheils war für mich 1871 – die Entscheidung des bayerischen Parlaments, ob man dem Versailler Vertrag beitritt oder nicht. Was die Gegner dieser Unterwerfung über die Zukunft gesagt haben, über Krieg, Militarismus und Untergang – ist genauso gekommen. 1914–18, 1933 – das alles hat dort seinen Ursprung.
ZEIT: Herr Ude, die CSU hat Bayern fünf Jahrzehnte lang sehr erfolgreich regiert. Gibt es eigentlich ein linkes Bayerntum, eine sozialdemokratische Erzählung von Bayern?
Ude: Es stimmt, die CSU hat vieles richtig gemacht, vor allem die Symbiose aus Traditionsbewusstsein und Technikbegeisterung – beispielsweise die Ansiedlung der Luftfahrt, der Raumfahrt hat Bayern einen Kick gegeben.
Scharnagl: Wenn Sie jetzt auch noch anfangen, Franz Josef Strauß zu loben...
Ude: Wollte ich gerade machen: einen Kick, der von der Staatskanzlei unter Franz Josef Strauß ausging. Sehen Sie! Aber es gibt sehr wohl eine linke und sozialdemokratische Tradition, die nur in 55 Jahren CSU-Herrschaft nahezu vollständig unter den Teppich gekehrt wurde. Die Ausrufung des Freistaats Bayern ist durch den unabhängigen Sozialisten Kurt Eisner erfolgt, die erste friedliche Revolution! Der Widerstand gegen die Hitler-Diktatur ist von niemandem so glaubwürdig verkörpert worden wie von Sozialdemokraten. Und die wirklich vorbildliche Verfassung mit ihren vielen partizipatorischen Elementen stammt ganz wesentlich aus der Feder des SPD-Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner. Also der Alleinvertretungsanspruch der Konservativen ist ausgesprochen ärgerlich!
Scharnagl: Nicht die CSU hat den Anteil der SPD an der bayerischen Erfolgsgeschichte unterdrückt. Das waren ja wohl die bayerischen Wähler!





Die CSU ist , Scharnagls Buch zum trotz, keineswegs eine Seperatistische Partei.
Mit Hilfe des Buches wird versucht die Wähler der BAYERNPARTEI (BP), welche sie unerwähnt lassen, an die CSU zu binden.
Dies hat umso mehr einen faden beigeschmack, da die CSU die BAYERNPARTEI mit der sog. "Spielbankenaffäre" versuchte zu zerstören.
Denn seit 1954 saß die BAYERNPARTEI im Rahmen der sog. "Viererkoalition u.a. mit der SPD (Ude scheint das unbekannt zu sein) in Bayern auf der Regierungsbank und die CSU sah sich in die Ecke gedrängt.
Heute nach langjähriger Wiederaufbauarbeit und den ersten wiedererlangten Sitzen der BAYERNPARTEI (z.B. im Münchner Stadtrat und im Bezirkstag Oberbayern) sieht man sich durch einen möglichen Landtagseinzug 2013 erneut bedroht.
Deshalb dieses Buch von Scharnagl.
Insofern ist es mir unbegreiflich wie Sie die BAYERNPARTEI in Ihrem Artikel nicht erwähnen konnten, zumal das Buch Scharnagls über weite Strecken wie von der Bayernpartei abgeschrieben erscheint.
Und der Regionalismus ist nachweisbar seit langen Jahren eine der Kernthemen und -forderungen der BAYERNPARTEI und keine neuentdeckung der CSU
Völlig aus der Welt gefallen ist Wilfried Scharnagls Plädoyer für einen eigenen bayerischen Staat also nicht.
Nein, richtig denn die BAYERNPARTEI hat ein modernes "Europa der Regionen"schon seit Jahrzehnten vorausgedacht.
Mit weiss-blauen Grüßen
C. Wieser
...habe ich als Franke definitiv nichts zu tun - aber:
Ein paar durchaus interessante Programmpunkte hat sie aber schon.
Zumindest gesteht uns Franken diese Partei mehr Selbstständigkeit zu - anders als die CSU, die alles "bajuwarisiert.
P.S. Wenn Bayern aus der BRD austreten sollte - nur im Verbund mit einer Konföderation eines unabhängigen Frankens ;-)
...habe ich als Franke definitiv nichts zu tun - aber:
Ein paar durchaus interessante Programmpunkte hat sie aber schon.
Zumindest gesteht uns Franken diese Partei mehr Selbstständigkeit zu - anders als die CSU, die alles "bajuwarisiert.
P.S. Wenn Bayern aus der BRD austreten sollte - nur im Verbund mit einer Konföderation eines unabhängigen Frankens ;-)
Der Dienstmann Alois Hingerl ist anscheinend immer noch im Hofbräuhaus versumpft. Und so wartet die CSU - zumindest was Scharnagl angeht - weiterhin auf die göttliche Eingebung. Scharnagl erinnert an den Freistaatler, der einen Globus kaufen will, auf dem nur Bayern drauf ist.
Und Christian Ude gibt den braven königlich-bayerischen Sozialdemokraten von einst, so dass sich den Wählern nicht erschließt, warum sie die CSU eigentlich abwählen sollten.
Die entscheidende Kategorie der Globalisierung ist die Wettbewerbsfähigkeit. Wettbewerbsfähigkeit in Zeiten wie diesen gelingt aber nicht durch bürokratischen Rationalismus, sondern durch dynamische "schöpferische Zerstörung" (Schumpeter) im Kleinen. Der Irrtum der Europäischen Eliten liegt in dem festen Glauben an eine konvergierende Harmonisierung aller Lebensbereiche. Dabei lässt erst die Einzigartigkeit und kleinerer Systeme komparative Vorteile erwachsen!
Auch wenn ich persönlich nicht an eine Abspaltung Bayerns glaube, so ist die Essenz Scharnagels dennoch richtig.
Nicht die Größe machts, sondern die Systemintegrität!
"Scharnagl: In der Globalisierung degeneriert die Welt zum Börsenplatz, die Heimat als Dorfplatz wird für das Wohlbefinden der Menschen immer wichtiger. Die Zukunft liegt nicht im Großen, nicht in einem Europa, das alles bestimmt. Brüssel will uns nun vorschreiben, das man nur mit Abitur Krankenschwester werden kann. Das ist absurd. Dieses verrückte Europa will ich nicht."
Und genau deshalb darf solche Harmonisierungs-Wut nicht geschehen! Für ein Europa der Vaterländer (de Gaulle). Für ein Europa der Bürger. Für einen europäischen Geist. Gegen europäische Großmannssucht!
Damit hätte Ude nicht gerechnet! Am Tag wo Helmut Schmidt vor auserwählten Publikum mit ihm bei Rotwein und auserlesenen Publikum philosophiert bleibt fast zu 90% unbemerkt.
Den nach mehreren Jahrzehnten, mit Bombenstimmung, verabschiedet sich das Schwabinger 7 mit einer Bombe!
Was Scharnagl für die CSU, ist Ude für die SPD: Ein U-Boot!
Wieviele Leser haben den mitbekommen das vor 3 Tagen in Berlin der Aiwanger von den Freien Wählern die Alternativlosigkeit der Euro-Rettung angegriffen hat?
http://www.welt.de/newsti...
Nichtmal 2% sicherlich. Ude hat Aiwanger sogar zurückpfeifen wollen.
Ude, der Ex-Redakteur der Süddeutschen Zeitung, sollte in Ruhestand gehen.
Eher ruft Sean Connery in Schottland die Republik aus und beantragt die Aufnahme in die UNO.
...habe ich als Franke definitiv nichts zu tun - aber:
Ein paar durchaus interessante Programmpunkte hat sie aber schon.
Zumindest gesteht uns Franken diese Partei mehr Selbstständigkeit zu - anders als die CSU, die alles "bajuwarisiert.
P.S. Wenn Bayern aus der BRD austreten sollte - nur im Verbund mit einer Konföderation eines unabhängigen Frankens ;-)
Soviel Rückständige wie in diesem Artikel, muss man erst einmal finden.
Wenn Bayern tatsächlich überwiegend von Menschen mit Gedankengängen wie denen von Herrn Scharnagl bevölkert ist, dann wäre es vielleicht für alle Seiten nicht schlecht, wenn Bayern sich vom Rest der Republik loslösen würde...
Zudem müssten wir uns dann nicht mehr mit Politikgrößen wie Seehofer, Dobrindt und Ramsauer herumschlagen, das wären mir die paar Kröten aus dem Länderfinanzausgleich mehr als wert.
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