BahnreiseZug in die Zukunft

Der Blogger Todd Selby reiste mit der Bahn von der ältesten Luxusmetropole zur neuesten: Von Paris nach Shanghai. von Elisabeth Raether

Das verträumte Bahnfahren ist das modische Thema der Herbstkollektion von Louis Vuitton, dem Modehaus, das einst den Koffer erfand, wie wir ihn heute kennen. Deshalb schickte die Marke den Fotografen Todd Selby auf die Reise von Paris nach Shanghai, wo das Unternehmen gerade seinen bislang größten Shop in China eröffnete.

Selby ist einer der erfolgreichsten Blogger weltweit, weil es ihm gelingt, Langweiliges gut aussehen zu lassen – auf seinem Einrichtungsblog zeigt er die Seifenschalen und Balkonpflanzen anderer Leute, was sich täglich 95000 Menschen angucken. Und so sehen die Bilder, die er von seiner Reise durch die russischen Wälder und die Wüste Gobi mitbringt, erstaunlich interessant aus: Gleise, Strommasten, Pferde, Holzzäune in der Mongolei, die bei ihm wie ein Land erscheint, das man demnächst unbedingt mal besuchen will. Alles kann gut aussehen, wenn man den Selby-Blick hat. »Es war sehr romantisch«, erzählt er im Interview, »obwohl ich allein war.«

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Das Ziel seiner Reise bietet dagegen wenig Romantik. Dafür das höchste Gebäude der Volksrepublik, das 492 Meter hohe Shanghai World Financial Center. In dieser Stadt, die inzwischen eine Fläche von der Größe des Saarlands einnimmt, will Louis Vuitton seine Präsenz in China stärken und stellte anlässlich der Eröffnung des neuen Ladens im Juli ein Spektakel auf die Beine, das Konkurrenten wie Kunden beeindrucken sollte: die detailgetreue Wiederholung einer aufsehenerregenden Modenschau, die einige Monate zuvor in Paris stattgefunden hatte.

Für die Präsentation seiner Herbstkollektion besann sich Marc Jacobs, der Kreativdirektor des Hauses, auf die Anfänge der Traditionsmarke und stellte das Thema des Reisens in den Mittelpunkt der Inszenierung. Er ließ den lebensgroßen Nachbau einer Dampflok über den Laufsteg fahren. Ein Tor öffnete sich, die Lok fuhr ein, stieß tutend Dampf aus, und aus dem Waggon, den sie hinter sich herzog, stiegen die Models – in fürs Reisen ungeeigneten Lagen aus üppigsten Stoffen und mit ebenfalls unpraktischen, extrem hohen Absätzen. Große Hüte verbargen die Gesichter und ließen die Models aussehen wie Charles-Dickens-Figuren – aber mit mehr Geld, denn sie konnten sich einen Kofferträger leisten, der einen Schritt hinter ihnen die prächtigen Taschen trug. Es war eine Kollektion, wie nur Marc Jacobs sie hinbekommt, denn niemand ringt dem Luxus so viel modische Relevanz ab wie er. Er zeigte Brokat- und Jacquardstoffe, die zusätzlich noch bestickt und mit Steinchen besetzt sind, in Tweed eingenähten Glanzfaden, Känguruleder, übergroße Knöpfe in Blumenform – mit anderen Worten eine unbezahlbare, untragbare Garderobe. Und doch setzt er Trends. Viele Leute werden in nächster Zeit Stofflagen genauso übereinander schichten wollen.

Es klingt wie ein verrückter Einfall. Doch bedenkt man, dass laut der Managementberatung McKinsey die Umsätze des chinesischen Luxusmarkts in drei Jahren 20 Prozent des globalen Umsatzes von Luxusgütern ausmachen werden, scheint die Idee ganz überzeugend. Die westlichen Modehäuser schalten in den Magazinen dort so viele Anzeigen, dass Hearst, Verlag von Elle China und Cosmopolitan China, Stofftaschen mit seinen Heften ausliefert, damit die Kundinnen ihre 700-Seiten-Magazine nach Hause transportieren können. 1992 eröffnete Louis Vuitton in Peking den ersten Laden. Da dachte man hier noch, China sei das Land, in dem man gebratene Hunde isst. Die einzige westliche Marke, die noch vertreten war, war Kentucky Fried Chicken. Heute gibt es in China 44 Louis-Vuitton-Läden. Bevor der Bewohner eines beschaulichen Industriestaats wie Deutschland die Namen der chinesischen Riesenstädte zum ersten Mal hört, hat Louis Vuitton dort schon einen Laden eröffnet (2011 in Guangzhou, Kunming, Zhengzhou und Chongqing, Letztere ist übrigens derzeit flächenmäßig die größte Stadt der Welt).

Das neue Maison in Shanghai, wie die weitläufigen Flagship-Stores heißen, hat vier Stockwerke. Es gibt mit Steineiben bepflanzte Terrassen und ganz oben ein Apartment, zu dem nur wenige Zugang haben. Dort werden Schuhe und Taschen maßangefertigt. Denn die chinesischen Kundinnen sind innerhalb weniger Jahre von Bling-Bling-Frauen zu Modekennerinnen geworden. Sie wissen genau, was Luxus ist, zum Beispiel ein eigens angefertigtes Köfferchen fürs Teeservice.

So sitzen bei der Schau in einem festlichen Zelt am Ufer des Huangpu schöne Frauen in Louis-Vuitton-Kleidern aus dem Frühjahr, eiscremefarbenen Spitzen-Tüll-Träumen, um zu sehen, was der Herbst bringen wird. In der ersten Reihe lächelt hinreißend ihr großer Star, die Schauspielerin Fan Bing Bing. Sie singen ein bisschen mit, als nach der Schau Lana del Rey auftritt und ihr Lied National Anthem vorträgt: »Money is the reason we exist, everybody knows it« (wir existieren nur wegen des Geldes, jeder weiß das). Sie stehen draußen auf der Terrasse vor der Skyline Shanghais und rauchen. Gelassen nehmen sie zur Kenntnis, dass eine Megamarke einen Blogger und eine Dampflok um die halbe Welt schickt, um ihnen unter dem versmogten Nachthimmel der Stadt vom alten Europa mit seinem gemächlichen Bahnverkehr zu erzählen.

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Leserkommentare
  1. Echt jetzt?
    Direkt aus der PR-Abteilung von LVLH oder was? Wie kann sowas als "Artikel" laufen und nicht unter Werbung??

    Schade ums Papier im Zeitmagazin...

    Danke, http://www.bildblog.de/41...

    • Sannie
    • 14. September 2012 11:46 Uhr

    > chinesischen Kundinnen sind innerhalb weniger Jahre von
    > Bling-Bling-Frauen zu Modekennerinnen geworden

    Sie meinen, die reichen Chinesinnen sind zu Fashionvictims geworden. Warum sonst sollten sie diese Friseurinnen-Taschen tragen, die Ausdruck von Bling-Bling und Stillosigkeit sind?

  2. Das ist doch Werbung, oder? o.O

    • ymos
    • 18. September 2012 13:09 Uhr
    4. [...]

    Entfernt. Verzichten Sie auf polemische und unterstellende Äußerungen. Die Redaktion/mak

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  • Schlagworte Louis Vuitton | Marc Jacobs | China | Bahnreise | Blogger | Shanghai
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