Zürich: Welch Diplomatin der Künste!
Dieses Wochenende öffnet das wichtigste Zentrum für zeitgenössische Kunst wieder seine Tore – dank Hedy Graber, Kulturchefin der Migros. Wie hat sie das Zürcher Löwenbräuareal gerettet?
© EPA/WALTER BIERI

Die Kunsthalle im Löwenbräukunst-Areal in Zürich
Die Frau im gebauschten Sommerkleid hüpft aus ihrem Stuhl, die nackten Arme in der Luft, das Lachen eine Detonation. Aus der Tiefe ihrer Kehle und ihrer Erinnerung formiert sich eine verbale Salve: »Chrotte-Musik!« Hedy Graber erinnert sich an ein Schlüsselerlebnis, und wo Hedy Graber ist, da ist Bewegung, der Schlüssel zum Erlebnis.
An den Internationalen Musikfestwochen Luzern war es. Die wilde Gymnasiastin, ein Hippie damals, indische Kleider, bunte Wollsocken, saß zusammen mit ihrer Mutter Hedi Salquin, der ersten Dirigentin der Schweiz, im Publikum. Die beiden hörten zu, wie Yehudi Menuhin und Ravi Shankar gemeinsam musizierten, Violine und Sitar – und urplötzlich verstand Hedy, dass ihr Weg der Umweg sei. Was für eine Macht muss Musik haben, dass sie zu einem solchen Schlüsselerlebnis führen kann! Sie wollte Wände sprengen, Menschen zusammenbringen, und das durch Kunst. Die höhere Tochter brach die Schule ab, zog von zu Hause aus, und wenige Jahre und ein Kunstgeschichtestudium später stand sie mit dem Schlagbohrer zur Stelle: Als Kuratorin der Kunsthalle Palazzo Liestal regte sie – gemeinsam mit ihrem Studienfreund Philip Ursprung, heute Kunstprofessor der ETH Zürich – Installationen einer Unbekannten namens Pipilotti Rist an. 1992, früher als jede Galerie.
Heute hat Hedy Graber den Schlagbohrer zur Seite gelegt. Sie stopft nun Löcher. Sie verwaltet den wohl größten Geldtopf des Landes, den ein privates Unternehmen Kunst und Kultur zur Verfügung stellt. Etwa 28 Millionen Franken werden es sein, so genau darf man das nicht wissen. Graber arbeitet beim Migros-Genossenschafts-Bund und leitet dort die Schlüsselstelle Direktion Kultur und Soziales. Und hier ist Diskretion corporate policy , Unternehmenspolitik.
Und genau aus diesen Gründen weiß die Öffentlichkeit wenig von der Rolle, die sie nun acht Jahre lang gespielt hat, seit 2004. Hedy Graber hat das Löwenbräu-Areal, das in Kürze neu eröffnet wird, für die Kunst gerettet. Nirgendwo sonst in Europa wird derart viel an relevanter Gegenwartskunst auf derart wenig Platz angeboten wie im erweiterten und neu umgebauten Industriegelände in Zürich-West. Hier sind die wichtigsten Galerien des Landes versammelt (unter anderem stellt hier auch der weltweit renommierte Kunsthändler Iwan Wirth aus), die Kunsthalle Zürich sowie das firmeneigene Migros-Museum. Und dies vor allem dank den diplomatischen Diensten der Migros-Kulturchefin.
Schon Gottlieb Duttweiler hatte für sein Unternehmen Kunst gesammelt. Doch erst 1996 gründete man das Migros-Museum für Gegenwartskunst, die damalige Kulturverantwortliche Arina Kowner beschloss den gemeinsamen Einzug mit weiteren Kunstinstitutionen und Galerien in die Räumlichkeiten einer ehemaligen Zürcher Brauerei, dem Löwenbräu-Areal. Das war die Geburtsstunde des Museums in seiner heutigen Form.
Bloß, das Museum wie auch alle übrigen Institutionen auf dem Areal führten ein provisorisches Dasein mit befristeten Mietverträgen. Und diese liefen aus. 2010 wurde das Areal für den Umbau geschlossen. Wenn es dieses Wochenende wiedereröffnet wird, ist Hedy Graber maßgebend dafür verantwortlich, dass der Umbau und die Finanzierung in der vorliegenden Form zustande kamen. Sie schmiedete Allianzen und brachte mit politischem Geschick die beteiligten Parteien an einen gemeinsamen Verhandlungstisch – und hielt sie dort während acht Jahren bei der Stange und bei Laune. Mit einem entscheidenden Wendepunkt. Nach zähen Debatten, dem Erstellen neuer Zonenpläne, einem Architekturwettbewerb, einem Abstimmungskampf im Gemeinderat, der den Gestaltungsplan gutheißen musste, nach langen Wartezeiten und Blockaden durch diverse Einsprachen, nach Tiefschlägen durch die Wirtschaftskrise 2008 folgten die Beteiligten dem von Graber angeregten Modell: Die Stadt Zürich, die Stiftung Kunsthalle Zürich und der Migros-Genossenschafts-Bund schlossen sich zur Löwenbräu-Kunst AG zusammen und erwarben die Räume im Stockwerkeigentum.
Die neue Aktiengesellschaft erwarb das Land und Teile des Löwenbräu-Areals und vermietet die Flächen langfristig an bestehende und neue Mieter aus dem Kunstbereich. Zum ersten Mal seit 1996 ist damit der Standort für die Kunst gesichert. Im neuen Kunstzentrum mit Wohnhochhaus und Bürogebäude, das die Architekten Gigon/Guyer und das Atelier ww realisierten, stehen heute mindestens 4500 Quadratmeter für kulturelle Nutzung zur Verfügung.
Wenn es tatsächlich stimmt, was die nationale und die internationale Kunstkritik mit Blick auf das neue Löwenbräu-Areal bereits orakeln – die Explosion eines Stadtteils, Zürichs Platz auf der Weltrangliste der Kunststädte und das Erwachen der Stadt überhaupt –, dann hat sich Hedy Graber mit ihrer jahrelangen Arbeit ein Denkmal verdient. Sicher ist: Auf dem Weg zu einer postheroischen Kunst ist der Kunst eine Heroin des Verhandlungsgeschickes gewachsen.






in ehren...das löwenbräu ist, trotz der noch jungen geschichte, eine symbolträchtige institution für deren erhalt sich viele eingesetzt haben dürften.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren