ZürichWelch Diplomatin der Künste!
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Sie selbst sammelt keine Kunst

Für Graber war seit ihrem Amtsantritt 2004 klar: Das Areal, das seit 1996 zehnmal den Eigentümer gewechselt hatte, weshalb zehnmal die Mietpreise neu verhandelt werden mussten und die Zukunft für die Mieter zur Disposition stand, sollte als Standort für zeitgenössische Kunst erhalten bleiben. Durch Beharrlichkeit und Fantasie gelang es ihr, auch die letzte Eigentümerin, die Swiss Property, verkaufsbereit zu halten. Das ist keine Kleinigkeit bei den rasant steigenden Immobilienpreisen in der Stadt. Und im entscheidenden Moment konnte Graber die firmeneigene Liegenschafts-Betriebs AG dafür gewinnen, sich zu einem Drittel an ihrem Vorhaben zu beteiligen. Da die Stadt Zürich das Projekt nicht allein hätte finanzieren können, überzeugte sie die Migros, bis zur Eigentumsübertragung mit einem »sehr großen« Überbrückungskredit für das Gebäude zu bürgen.

Und die Zeichen stehen gut. Nicht für das Ehrenmal der handfesten Diplomatin im Hintergrund, sondern für die Aussicht, dass der neue, umgebaute Kunstbezirk den Umbau von Zürich tatsächlich noch einmal beschleunigen wird. Das alte Löwenbräu-Areal zog das erste Multiplexkino der Schweiz nach sich; Galerien, den Prime-Tower aber auch Off-Spaces und illegale Bars, sogar den Schiffbau. Und somit das Zürcher Theaterwunder namens Christoph Marthaler.

Im »neuen« Löwenbräu-Areal soll als Nachbarin im Toni-Areal die zukünftige Hochschule der Künste für zusätzlichen Schwung und Aufbruchstimmung sorgen; und auf den umliegenden ehemaligen Industriebrachen, dem Hardturm-Areal, dem Maag-Areal, dem Pfingstweid-Areal und dem Escher-Wyss-Areal sind noch mehr Wohnhäuser mit insgesamt über 1.000 Wohnungen, sind Geschäfte, Restaurants, Parkanlagen und ein Kulturpark geplant. Wie gesagt, wo Hedy Graber ist, ist Bewegung.

Die Vermittlerin ist im Strudel der Ereignisse die Ruhe selbst. Persönlicher Besitz? Er macht träge, glaubt sie, unbeweglich, er bedeutet ihr so wenig wie Glamour und öffentliche Sichtbarkeit. Zwar wohnt sie hinter großen Fenstern in einem Haus der Architekten Andreas Fuhrimann und Gabrielle Hächler, in dem auch Pipilotti Rist wohnt, doch dort, am Fuß des Üetliberg, scheint ihr der Blick über die Stadt zu genügen. Sie hat die kleinste Wohnung gemietet, einen einzigen offenen Raum – möbliert mit nicht viel mehr als mit zwei alten Katzen. Hedy Graber sammelt keine Kunst. Vier kleine Zeichnungen schmücken ihre Wände, und auch das, sagt sie, »müsste nicht sein«.

Was sein muss? Ihr Schild aus Verbindlichkeit, das sie bei ihrer Überzeugungsarbeit unbestechlich machen soll, hinter dem sie jovial wirkt, doch manchmal auch unerreichbar. Ihre hohen Maßstäbe, die sie an sich selbst anlegt, an welchen sie aber auch ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter misst. Und sie ist eine Ästhetin, die weiß, was ihr gefällt. Nach dem Umzug ihrer Abteilung ließ sie an der neuen Adresse als Erstes, natürlich, alle Wände entfernen. Luft, Licht, Transparenz, um es so zu sagen. Sie war zwar nicht mehr persönlich mit dem Schlagbohrer zur Stelle, aber sie hat die Kritik ihrer Mitarbeitenden persönlich entgegengenommen – und in allgemeines Wohlgefallen umgewandelt. Ihre eigenen Bürowände sind aus Glas. Eine Frage der Einstellung, eine Frage der Haltung. Kein Problem für jemanden, bei dem Haltung von standhalten kommt.

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Leserkommentare
  1. in ehren...das löwenbräu ist, trotz der noch jungen geschichte, eine symbolträchtige institution für deren erhalt sich viele eingesetzt haben dürften.

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