Eigentlich sind sie selber schuld. Gezwungen hat sie niemand. Sie hätten etwas anderes studieren können, Betriebswirtschaft oder Juristerei. Aber nein, sie wollten unbedingt ihren Traum verwirklichen, Teil der großen Kunstwelt zu sein. »Ja, so kann man es natürlich auch sehen«, sagt Andreas Rüfenacht – und für einen Moment ist es still in der Telefonleitung.

Rüfenacht, 30 Jahre alt, ist Kunsthistoriker und Präsident von Articulations, einem Verein für den kunsthistorischen Nachwuchs. Und wie viele seiner ehemaligen Kommilitonen arbeitet er noch heute, drei Jahre nach Studienabschluss, als Volontär – zurzeit an einem Museum in Basel.

Und wie viele junge Kunsthistoriker wird er dafür schlecht bezahlt. Sein Monatslohn beträgt 2.300 Franken.

Genaue Zahlen über die Tieflohnbranche Kunstbetrieb kennt niemand. Und kaum jemand mag darüber öffentlich reden. Die Branche ist ein people business, ohne Kontakte geht nichts. Das beginnt bereits im Studium, wenn Professoren von den Institutionen angeschrieben werden, welche ihrer Studenten sie für ein Praktikum empfehlen könnten. Wer will da schon als Anschwärzer gelten?

Aber hört man sich in der Szene um, wissen alle eine Praktikumsgeschichte zu erzählen. Etwa die lic. phil. Kunsthistorikerin mit Berufserfahrung, die sich im Zürcher Museum für Gestaltung um ein Praktikum bewarb und dafür 1500 Franken im Monat kriegen sollte. »Dafür lernen Sie den Direktor kennen«, beschied man ihr, als sie das tiefe Gehalt ansprach. Sie lehnte die Stelle dankend ab.

Die meisten jungen Kunsthistoriker wollen ihre Storys jedoch nicht in der Zeitung lesen. Zu gut sei die Szene vernetzt. Aber eigentlich muss man sich nur durch die Stelleninserate arbeiten.

Da sucht das Luzerner Kunstmuseum für monatlich 1.000 Franken brutto willige Studienabgänger, die ein breites Wissen in der Schweizer Kunst von 1.800 bis zur Gegenwart mitbringen. Ihre Aufgabe ist es, die Bestände des Museums zu inventarisieren.

Einen wissenschaftlichen Volontär, genauer gesagt: den Kunsthistoriker-Superstar, sucht seinerseits das Tinguely-Museum in Basel. Gefordert sind: »Sehr gut abgeschlossenes Studium, perfektes Deutsch sowie sehr gute Sprachkenntnisse in Englisch und Französisch. Überdurchschnittlicher Einsatz und Bereitschaft zu unregelmäßigen Arbeitszeiten.« Bezahlung: 2.000 Franken.

Die renommierte Zürcher Burger Collection, eine private Kunstsammlung, bezahlt ihren Praktikanten 800 Franken brutto für eine 80-Prozent-Stelle. In einer E-Mail an einen interessierten Bewerber macht die Galeriemitarbeiterin keinen Hehl daraus, dass man eine billige Arbeitskraft und keinen Sachverständigen sucht: »Erfahrungen im Ausstellungsbereich und dergleichen erwarten wir nicht. Das Interesse und gegebenenfalls Erfahrung in Büroarbeit (wie telefoniere ich, wie schreibe ich einen Brief, ein Protokoll etc.) ist für uns wichtiger.«

Zur Erinnerung: In der Schweiz liegt die Armutsgrenze bei 2.450 Franken. Anständig bezahlt werden Praktikanten nur in den Museen des Bundes.

Wenn Gelder gestrichen werden, wird die Personallage mit Praktikanten überbrückt

Wieso aber machen die Kunsthistoriker dieses Spiel mit? Schließlich bringt kaum ein Uni- oder ETH-Abgänger, egal in welchem Fach, genügend Berufserfahrung mit, um in einer Firma als vollwertige Arbeitskraft eingesetzt zu werden. Trotzdem muss sich kein Maschinenbauingenieur den Berufseinstieg derart erleiden.

»Es gibt viel zu viele von uns«, sagt Andreas Rüfe-nacht. Er selbst hat sich in Basel gegen 70 Mitbewerber durchgesetzt; wohlgemerkt, es ging um eine Volontariatsstelle. Das Kunstgeschichtestudium zieht noch immer viele höhere Töchter und Söhne an, die von Haus aus finanziell abgesichert sind. Sie können sich den prekären Lebenswandel leisten. »Und wer in einer der führenden Galerien ein Praktikum macht und damit seine Karriere vorspurt, den interessiert in zehn Jahren nicht mehr, dass er mal untendurch musste«, sagt Andreas Münch von der Vereinigung der Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker der Schweiz (VKKS). Viele seiner Vorstandsmitglieder stellen selber Praktikanten an. Wenn Gelder gestrichen werden, dann wird nicht zurückbuchstabiert, sondern die angespannte Personallage mit Praktikanten überbrückt. Und weil auf dem Arbeitsmarkt ein Überangebot an Kunsthistorikern herrscht, können sich Galerien und Museen die besten rauspicken.

Deshalb publizieren Münch und seine Mitstreiter demnächst ein Positionspapier zum Thema. Die Arbeit der jungen Kollegen soll anständig entlöhnt werden, fordern sie. Man spricht von 3.500 Franken für einen Masterabsolventen. Ob das etwas nützen wird? »Nichts ist verbindlich für unsere Mitglieder«, heißt es dazu beim Dachverband der Schweizer Museen. Dennoch unterstützt man die Forderung des VKKS.

Am Telefon hat sich Andreas Rüfenacht, der junge Kunsthistoriker, wieder gefangen. »Ja, wir wollen in diesem Bereich arbeiten. Aber es gibt keinen Grund, gut ausgebildete Leute schlecht zu entschädigen.«