Ich bin noch in Hörweite des Holocaust geboren, 1960 war das. Wir Schüler der Sechziger und Siebziger kennen den Nazi-Sound nicht nur aus dem Fernsehen, sondern auch von alten Männern vorn am Pult. Zudem fiel es mir leicht, Zugang zum Schweren zu finden, weil die Propagandabücher des Großvaters im Regal standen, auch Mein Kampf. Ich habe Aschenbecher mit Hakenkreuzen in Familienschränken gefunden und Orden, die nicht ehren. Die spätere Politisierung vertiefte den Vergangenheitsbezug. Über den Holocaust nachzudenken, sich in die Kollektivverantwortung zu stellen, das galt immer als Mindestvoraussetzung, um in Deutschland Politik machen oder darüber schreiben zu können. Und ich übernahm historische Verantwortung, selbst wenn das schon wieder eine von diesen offiziös klingenden Formulierungen ist, die ich selbst nicht mehr hören mag.

Offen gestanden, hatte ich in den letzten Jahren weniger darüber nachgedacht, schließlich ist der Holocaust kein Gottesdienst, wo man jede Woche liturgische Worte murmelt. Zudem hatte ich das Gefühl, dass Deutschland es ganz gut macht mit Erinnerung und Verantwortung, die Revisionisten sind geschlagen, die Leugner sowieso.

1. Soso, das vierte Reich

Doch neuerdings kommt Bewegung in die Sache, ungute Bewegung: Brachial kritisiert Günter Grass in einem Gedicht Israel und tut dabei so, als verletze er mutig ein Tabu. Perfide.

Eine junge Frau, die bei den Olympischen Spielen rudert, hat einen Neonazi-Freund; als das herauskommt, wird sie zur Abreise gedrängt, aus Sorge um das deutsche Ansehen im Ausland. Feige.

In Bayreuth darf ein Russe nicht den Fliegenden Holländer singen, weil er auf seiner Brust ein Tattoo aus seiner Jugend trägt, das nach einem Hakenkreuz aussah. Absurd.

Und das sind nur die Kleinigkeiten. Es passieren noch mehr Dinge, größere. Seit 1945 galt das außenpolitische Paradigma, niemals wieder allein zu stehen. Striktes Sonderwegsverbot. Das durchbrach spektakulär Gerhard Schröder, als er den USA 2003 nicht in den Irak folgen wollte. Das Verbot wurde weiter aufgeweicht, als sich Angela Merkel in der Libyenfrage gegen alle drei alten Alliierten stellte. Sonderwege, so war zu spüren, bleiben unbestraft. Mehr noch: Die Euro-Krise zeigte, dass Deutschland nicht nur seinen eigenen Weg geht, sondern dass es das erfolgreichste Land Europas geworden ist. Vom Sonderweg zum Sondermodell. Und auf einmal wollen die anderen deutsche Führung. Sagen sie.

In scheinbarem Widerspruch dazu nehmen die Nazi-Vergleiche wieder zu, europäische Zeitungen bilden Merkel in SS-Uniform ab, sprechen vom »vierten Reich«. Auch in der Politik wird so geredet. Etwa wenn der spanische Europaminister die deutsche Regierung in die Euro-Pflicht nehmen will: »Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Deutschland in einer weit schwierigeren Situation auch sehr geholfen, viele Länder haben auf Geld zugunsten von Deutschland verzichtet.« Reparationsforderungen, wann immer, wie hoch auch immer und wem immer es beliebt, sie zu erheben? 

Man kriegt Kopfschmerzen von alldem, würde gern den nazivergleichenden Griechen und Spaniern einen Finger ihrer Wahl zeigen, der Ruderin einen Arm um die Schulter legen und sich dabei von dem Sänger etwas vorsingen lassen.

Vielleicht sind all diese Irritationen aber auch nur die logische Folge einer tieferen Vergänglichkeit der Vergangenheit. Zum einen ist da der zeitliche Abstand, erstmals wächst eine Generation heran, die keinen Opa mehr hat, der dabei war. Zum Zweiten leben hierzulande immer mehr Migranten, die sich nicht automatisch mit dem Holocaust identifizieren. Man muss tatsächlich fürchten, dass da etwas verblasst. Kehren die absichtsvollen Relativierungen, wie sie im Historikerstreit der Achtziger von rechten Professoren um Ernst Nolte unternommen und dann von der Öffentlichkeit erfolgreich zurückgewiesen wurden, nun wieder als Relativierungen durch schieren Zeitablauf?

2. Ein Trainingslager ist kein Lager

Man könnte sich wünschen, dass es bei alldem bloß um Politik geht, um Macht, Geld und dergleichen. Nur, so ist es nicht: Am 20. Juni gab Joachim Löw eine Pressekonferenz im Danziger Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft, da meldet sich ein holländischer Journalist und fragt den Bundestrainer auf Englisch, ob er nicht fürchte, dass die Polen es als Provokation empfinden könnten, wenn die deutsche Nationalmannschaft ausgerechnet da ihr Trainingslager aufschlägt, wo der Zweite Weltkrieg begonnen hat. So weit kam der Kollege mit seiner Frage, da schnitt ihm Löw das Wort ab und sagte: »No. Not a minute!« Das wirkte rau, andererseits: Was geht bloß im Kopf eines Holländers um die 40 vor, dass er den 52-jährigen deutschen Trainer 73 Jahre nach Kriegsbeginn fragt, ob es provozierend sein könnte, wenn deutschtürkische, deutschpolnische und deutschtunesische junge Männer in Danzig Fußball spielen?