NS-Zeit : Wer sind wir, heute?

Deutsche werden wieder öfter als Nazis beschimpft. Zugleich sollen sie Europa führen. Und die jüngere Generation will sich nicht mehr schuldig fühlen. Eine Reise in die Zukunft unserer Vergangenheit.
Schülergruppe in Auschwitz-Birkenau © Janek Skarzynski/AFP/Getty Images

Ich bin noch in Hörweite des Holocaust geboren, 1960 war das. Wir Schüler der Sechziger und Siebziger kennen den Nazi-Sound nicht nur aus dem Fernsehen, sondern auch von alten Männern vorn am Pult. Zudem fiel es mir leicht, Zugang zum Schweren zu finden, weil die Propagandabücher des Großvaters im Regal standen, auch Mein Kampf. Ich habe Aschenbecher mit Hakenkreuzen in Familienschränken gefunden und Orden, die nicht ehren. Die spätere Politisierung vertiefte den Vergangenheitsbezug. Über den Holocaust nachzudenken, sich in die Kollektivverantwortung zu stellen, das galt immer als Mindestvoraussetzung, um in Deutschland Politik machen oder darüber schreiben zu können. Und ich übernahm historische Verantwortung, selbst wenn das schon wieder eine von diesen offiziös klingenden Formulierungen ist, die ich selbst nicht mehr hören mag.

Offen gestanden, hatte ich in den letzten Jahren weniger darüber nachgedacht, schließlich ist der Holocaust kein Gottesdienst, wo man jede Woche liturgische Worte murmelt. Zudem hatte ich das Gefühl, dass Deutschland es ganz gut macht mit Erinnerung und Verantwortung, die Revisionisten sind geschlagen, die Leugner sowieso.

1. Soso, das vierte Reich

Doch neuerdings kommt Bewegung in die Sache, ungute Bewegung: Brachial kritisiert Günter Grass in einem Gedicht Israel und tut dabei so, als verletze er mutig ein Tabu. Perfide.

Eine junge Frau, die bei den Olympischen Spielen rudert, hat einen Neonazi-Freund; als das herauskommt, wird sie zur Abreise gedrängt, aus Sorge um das deutsche Ansehen im Ausland. Feige.

In Bayreuth darf ein Russe nicht den Fliegenden Holländer singen, weil er auf seiner Brust ein Tattoo aus seiner Jugend trägt, das nach einem Hakenkreuz aussah. Absurd.

Und das sind nur die Kleinigkeiten. Es passieren noch mehr Dinge, größere. Seit 1945 galt das außenpolitische Paradigma, niemals wieder allein zu stehen. Striktes Sonderwegsverbot. Das durchbrach spektakulär Gerhard Schröder, als er den USA 2003 nicht in den Irak folgen wollte. Das Verbot wurde weiter aufgeweicht, als sich Angela Merkel in der Libyenfrage gegen alle drei alten Alliierten stellte. Sonderwege, so war zu spüren, bleiben unbestraft. Mehr noch: Die Euro-Krise zeigte, dass Deutschland nicht nur seinen eigenen Weg geht, sondern dass es das erfolgreichste Land Europas geworden ist. Vom Sonderweg zum Sondermodell. Und auf einmal wollen die anderen deutsche Führung. Sagen sie.

In scheinbarem Widerspruch dazu nehmen die Nazi-Vergleiche wieder zu, europäische Zeitungen bilden Merkel in SS-Uniform ab, sprechen vom »vierten Reich«. Auch in der Politik wird so geredet. Etwa wenn der spanische Europaminister die deutsche Regierung in die Euro-Pflicht nehmen will: »Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Deutschland in einer weit schwierigeren Situation auch sehr geholfen, viele Länder haben auf Geld zugunsten von Deutschland verzichtet.« Reparationsforderungen, wann immer, wie hoch auch immer und wem immer es beliebt, sie zu erheben? 

Man kriegt Kopfschmerzen von alldem, würde gern den nazivergleichenden Griechen und Spaniern einen Finger ihrer Wahl zeigen, der Ruderin einen Arm um die Schulter legen und sich dabei von dem Sänger etwas vorsingen lassen.

Vielleicht sind all diese Irritationen aber auch nur die logische Folge einer tieferen Vergänglichkeit der Vergangenheit. Zum einen ist da der zeitliche Abstand, erstmals wächst eine Generation heran, die keinen Opa mehr hat, der dabei war. Zum Zweiten leben hierzulande immer mehr Migranten, die sich nicht automatisch mit dem Holocaust identifizieren. Man muss tatsächlich fürchten, dass da etwas verblasst. Kehren die absichtsvollen Relativierungen, wie sie im Historikerstreit der Achtziger von rechten Professoren um Ernst Nolte unternommen und dann von der Öffentlichkeit erfolgreich zurückgewiesen wurden, nun wieder als Relativierungen durch schieren Zeitablauf?

2. Ein Trainingslager ist kein Lager

Man könnte sich wünschen, dass es bei alldem bloß um Politik geht, um Macht, Geld und dergleichen. Nur, so ist es nicht: Am 20. Juni gab Joachim Löw eine Pressekonferenz im Danziger Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft, da meldet sich ein holländischer Journalist und fragt den Bundestrainer auf Englisch, ob er nicht fürchte, dass die Polen es als Provokation empfinden könnten, wenn die deutsche Nationalmannschaft ausgerechnet da ihr Trainingslager aufschlägt, wo der Zweite Weltkrieg begonnen hat. So weit kam der Kollege mit seiner Frage, da schnitt ihm Löw das Wort ab und sagte: »No. Not a minute!« Das wirkte rau, andererseits: Was geht bloß im Kopf eines Holländers um die 40 vor, dass er den 52-jährigen deutschen Trainer 73 Jahre nach Kriegsbeginn fragt, ob es provozierend sein könnte, wenn deutschtürkische, deutschpolnische und deutschtunesische junge Männer in Danzig Fußball spielen?

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Kommentare

237 Kommentare Seite 1 von 25 Kommentieren

Offene Türen und Geisterhäuser

Mir scheint, Sie rennen hier offene Türen ein. Niemand beschuldigt Sie oder Ihre Freunde, Nazi zu sein.(Und wenn es jemand doch tut, sollte er nicht ganz ernst genommen werden.)

Aber da ist noch mehr. Vielleicht hilft ein Vergleich...

Angenommen, Sie leben in einem Mehrfamilienhaus, in dem vor 50 Jahren die eine Hälfte der Hausbewohner die andere Hälfte plötzlich bestialisch ermordet hat. Vielleicht waren alle Mörder zufällig psychisch gestört (was aber eher unwahrscheinlich ist). Oder ein böser Geist hatte von ihnen Besitz ergriffen.

Es hätte ja auch ein anderes Haus sein können, aber zufällig war es Ihres. Und was in diesem Haus passiert ist, übersteigt jede Vorstellungskraft. Natürlich tragen Sie keine Schuld, Sie haben ja niemanden umgebracht. Und Sie müssen auch nicht an böse Geister glauben - wir sind ja alle sehr fortschrittlich, heutzutage. Aber wäre Ihnen nicht trotzdem etwas mulmig zumute?

es ist nur so..

Es ist nur so, dass bisher kein Urenkel den anderen vor Gericht gebracht hat, weil dessen Urgroßvater den Urgroßvater des ersten geschlagen oder getötet hat, wie Sie sich ausdrücken.
Deutschland (und die frühere BRD) ist allerdings Rechtsnachfolger (etwas untechnisch ausgedrückt)des "Dritten Reichs". Daraus leitete die BRD ihren Alleinvertretungsanspruch für ganz Deutschland ab (so g. Hallstein-Doktrin).
Also Sie und die anderen ähnlich Denkenden müssen das nicht so persönlich nehmen, zumal niemand sagt, dass Sie persönlich für Auschwitz verantwortlich sind.

Von wegen

"Es gibt einen Ort, wo man ohne die deutschen Sprachkonventionen über den Holocaust auskommt, wo man auch nicht mit politischen Absichten vom vierten Reich fabuliert. Dieser Ort heißt Israel."

Wohl kaum:

"'The new Hitler speaks Persian'
Knesset Speaker to world parliament leaders: Ahmadinejad could bring about a second Holocaust."

http://www.haaretz.com/ne...

"Nobody Like Ahmadinejad Since Hitler, Says Peres"

http://www.israelnational...

Was anderes als politische Absichten stecken hinter den 'der neue Hitler', 'der nächste Holocaust'-Äusserungen?

Der "Ort" von dem der Autor spricht, ist offensichtlich eine Projektion.

Und selbst da...

Und selbst unter den über 81-Jährigen ist ja wohl kaum jeder mitschuldig, aber darüber wollte ich eigentlich nicht schreiben.

Wichtig ist vor allem die Aussage des einen Gesprächspartners Ravid, man sollte eigentlich die Diskriminierung an sich schon in ihren Anfängen bekämpfen. Und ob wir da trotz unserer ständigen Schuldjammerei wirklich so erfolgreich sind wage ich mal zu bezweifeln.

Letztlich ist Bildung wahrscheinlich der wichtigste Weg gegen Intolleranz und Diskriminierung, aber mal ehrlich, stehen wir da mit den Auswüchsen an vor allem den Hauptschulen wirklich so gut da? Ich wage das mal zu bezweifeln, nein, wir alle wissen es eigentlich, dass es da ganz besch... aussieht!
Und hier macht es auch nicht die Masse. Es bringt nichts, dem Gymnasiasten noch zum 100. mal die Schuld einzureden, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen noch die 1000.-ste Dokumentation über Hitler zu bringen, wenn in den Unterschichtenschulen schon beim kleinsten Aufkommen von Intolleranz aus lauter Angst vor dem Konflikt und mit Hilfe der Kuscheljustiz sofort alle Prinzipien über Bord geworfen werden!

Schuld vorwerfen? Tut das jemand?

Na sicher doch, woher käme sonst "besondere Verantwortung".
Wenn da nichts wäre, genügte doch die normale Verantwortung des Menschen, da müsste man nichts besonderes bemühen.
Mir jedenfalls genügt es völlig, der normalen menschlichen Verantwortung im Leben, gegen wen auch immer, gerecht zu werden, sobald jemand glaubt von mir wegen irgendwas aus den Zeiten meines Vaters und Großvaters mehr verlangen darf, dann werde ich sehr vorsichtig (vorsichtig gesagt).

Ich bin froh

Dieser wie auch eine menge anderer kommentare zu diesem artikel zeigen doch nur das die meisten deutschen nichts gelernt haben, wenn man davon ausgehen darf das die bis dato 17 empfehlungen fuer diesen kommentar hochgerechnet auf die bevoelkerung eine art hochrechung darstellen kann, es ist traurig das es immer noch menschen in dem land gibt die so denken. Ich bin froh das ich unter diesen menschen nicht mehr leben muss und auch keine nationalitaet teilen muss.

Belehrungen zur dt. Verantwortung aus Spanien ?

Unter Anspielung auf die dt. Geschichte fordert z.B. der spanische Europaminister noch mehr Hilfszahlungen für sein Land.

Hier wird zwar kein direkter Schuldvorwurf offen ausgesprochen, doch unter Zuhilfenahme der Vergangenheit wird mehr Geld gefordert. Vor der dt. Botschaft in Madrid hatten sich zu Merkels Besuch einige Demonstranten mit Hakenkreuz Plakaten eingefunden....

Wenn man geschichtlich argumentieren will, sollte man differenzieren: Griechenland hatten wirklich unter einer dt. Besatzung, Ausplünderung und Unterdrückung zu leiden. Und das Land hat der BRD wirklich einen Teil der Reparationsforderungen erlassen.

Doch ich denke Spanien sollte sich nicht unbedingt dazu aufschwingen "die" Deutschen über ihre geschichtliche Verantwortung zu belehren: Spanien war nie von Deutschland besetzt und die faschistische Franco Diktatur hatte sogar nach 1945 Kriegsverbrecher aufgenommen.

Die eigene Vergangenheit der conquista und des Kolonialismus wird gerne glorifiziert trotz der Opfer der Sklaverei und Ausbeutung in Südamerika. Der Umgang mit Zuwanderern aus Lateinamerika ist trotz der blutigen Geschichte im heutigen Spanien meiner persönlichen Einschätzung nach, nicht immer der beste.

Anstelle von Belehrungen würde ich mir von spanischen Politikern etwas Selbstkritik wünschen, da die Hilfsmilliarden der EU Steuerzahler zu oft für nutzlose Prachtbauten verschwendet worden sind.

schon vergessen?

>>Na sicher doch, woher käme sonst "besondere Verantwortung".<<

die kommt von der tatsache, dass auf das konto der deutschen der holocaust und ein raub- und vernichtungskrieg mit millionen toten geht.

im übr. ging es um die stereotype exkulpationsphrase, dass die nachgeborenen keine schuld an den verbrechen tragen - als werfe ihnen das irgendjemand vor!
mit dieser absurden konstruktion eines persönlichen schuldvorwurfs an die nachkommen der täter soll von der tatsache HISTORISCHER SCHULD abgelenkt werden, die mit deutschland und den deutschen assoziiert sein wird, solange es sie gibt.

die erinnerung der deutschen an den holocaust "verblasst" nicht - sie wird zurückgewiesen. die reflexhafte abwehr eines schuldvorwurfs, der von niemanden erhoben wurde, ist bloß die durchsichtigste variante dieser verdrängungspraxis.
die deutschen mögen sich dieses "verblassen" zum beleg einkehrender 'normalität' zurechtsuggerieren - die welt wird die deutsche flucht ins vergessen nicht mitvollziehen. niemals.

historisch - persönlich ?

Was macht es für einen Unterschied ob jemand sagt: "Du bist persönlich schuldig wegen dem Ort an dem du geboren bist und musst deshalb für meine wirtschaftlichen Fehler zahlen" oder ob er sagt: "Du bist historisch schuldig wegen dem Ort an dem du geboren bist und musst deshalb für meine wirtschaftlichen Fehler zahlen?"

Wie ich schon geschrieben habe, finde ich es besonders befremdlich, wenn Sätze zur deutschen Schuld aus Spanien kommen, das nie von Deutschen besetzt war... während man gleichzeitig von Ländern, die vielleicht Grund für historische Skepsis hätten ein Vergessen der Vergangenheit erwartet ?

@75 alex099: Guernica

Sie schreiben: "finde ich es besonders befremdlich, wenn Sätze zur deutschen Schuld aus Spanien kommen, das nie von Deutschen besetzt war"

Sie vergessen Guernica:

/Zitat
Der Luftangriff auf Gernika (kastilisch Guernica) am 26. April 1937 durch deutsche Kampfflugzeuge der Legion Condor war eine militärische Operation während des Spanischen Bürgerkrieges im Baskenland. Die Legion Condor war für den Hauptteil des Bombardements verantwortlich, das italienische Corpo Truppe Volontarie war an der Operation beteiligt. Dieser Luftangriff war der erste Verstoß der deutschen Luftwaffe gegen das Kriegsvölkerrecht.[1]

Geleitet wurde der Angriff auf Gernika von Wolfram von Richthofen. Gernika war nur eine der schutzlosen Städte, die von der Luftwaffe der nationalistischen Streitkräfte während des Feldzuges in der baskischen Provinz Vizcaya zerstört wurden. Der Fall Gernika erlangte wegen der offensichtlichen deutschen Beteiligung internationale Bedeutung
ZItat/
(http://de.wikipedia.org/w...)

schon vergessen?

Tut mir leid, ich habe nicht vergessen, kann ich gar nicht, weil ich nichts getan, mithin nichts zu vergessen habe.
Der Holocaust geht nicht auf das Konto der Deutschen, sonst ginge er auch auf meins, er ging auf das Konto damaliger Deutscher.
Genau mit solchen "aufs Konto der Deutschen"-Phrasen wird der Schuldvorwurf stereotyp perpetuiert und auf Folgegenerationen adressiert (und damit sehr wohl persönlich an völlig Unbetroffene), da muss man sich über stereotype oder individuelle Exkulpation doch gar nicht wundern.

nicht vergessen

Da ich ich ab und zu mit Spaniern über die Schuldenkrise gesprochen habe, habe ich auch das Argument zu Guernica oft gehört. Ich weiß auch, dass es Spanier gab, die zur Zeit des Faschismus nach Deutschland verschleppt und in Konzentrationslagern ermordet worden sind.

Doch diese Verbrechen geschahen, soweit ich informiert bin, oft mit Billigung des Franco Regimes. Hatte Franco seinen Mitfaschisten Hitler nicht um Unterstützung im Bürgerkrieg gebeten und wurde Guernica nicht ausgewählt, weil die Stadt eine Hochburg der Demokraten war ?

Darum ist die Situation in Spanien nicht mit der in Griechenland, Polen, den Niederlanden oder Serbien vergleichbar. Spanien wurde von Deutschland nie der Krieg erklärt und das Land musste keine Besetzung und Ausplünderung erleiden.

Wenn Spanien Deutschland Lehrstunden in Sachen Geschichte erteilen möchte, müsste es im Zusammenhang mit Guernica auch die Rolle der eigenen faschistischen Vergangenheit betrachten, denke ich. Aber einige Politiker der partido popular waren in den Anfängen ihrer politischen Karriere bei den faschistischen falangistas aktiv (zum Beispiel der Ex-Premier Jose Maria Aznar.) Ich vermute, das könnte zum Teil des nationalistische und kompromisslose Auftreten bei EU Verhandlungen erklären ?

@169 alex099: Deutschland - Gewinner des 20. Jhdts.

Sie schreiben: "Doch diese Verbrechen geschahen... mit Billigung des Franco Regimes...
Darum ist die Situation in Spanien nicht mit der in Griechenland, Polen, den Niederlanden oder Serbien vergleichbar..."

Ich stimme ihnen zu. Allerdings halte ich jede Form der Aufrechnung für kontraproduktiv.

Die Eskalation der Gewalt in Europa begann meist mit irgendeiner Aufrechnungen, mit eine Revanche pour ..., mit einem "Rüstest du, rüste ich noch mehr" ... Die Vernunft blieb auf der Strecke.

Ich hielte es deshalb für klug, aus der gegenwärtig wieder aufkeimende Eskalation einfach auszusteigen, ein "Nazi" oder "4. Reich" nicht mit "korrupte Faulenzer" zu kontern, sondern es einfach zu übergehen.Es sind Schreier, die man deshalb zwar hört, die aber nicht den Ton angeben.

Es stünde uns gut an, die Gefühle vieler in Europa zu verstehen: Wir wurden in zwei Kriegen besiegt, die wir zumindest mit-verschuldet haben; in unserem Namen wurde verbrochen, was mit den Begriffen "Auschwitz" und "Holocaust" verbunden ist und als Menschheitsverbrechen gilt; unser Land war 1945 eine Mondlandschaft, eine Ansammlung von Bombenkratern und am Verhungern ...

Und nun sieht es so aus, als wären wir nicht die Verlierer, sondern die Gewinner des 20. Jahrhunderts. Einst bittere Feinde und sogar Opfer deutscher Gewalt tragen uns die Führung an.

Für viele schwer verdaulich, dennoch sollten wir dazu bereit sein. Dabei sollten wir nicht bescheiden, sondern selbstbewusst und großzügig auftreten.

welcher Gewinner ?

Ihr Beitrag klingt so, als wenn Deutschland eine Insel des Glücks umgeben von Armut wäre. Aber im Vergleich zu unseren Nachbarn wie Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz, Belgien und Dänemark sind die Löhne in Deutschland niedriger (z.B. gibt es in D keinen Mindestlohn von 8,50 EUR) und die Infrastruktur ist veralteter und heruntergekommen, Zugfahrten sind teuer, Straßen sind schlechter. Dabei ist der Arbeitsdruck in D sicher genauso hoch wie in unseren Nachbarländern.

Mit Ihrer These haben Sie teilweise Recht in Bezug auf unsere östlichen Nachbarn Polen und die tschechische Republik. Aber durch den Fleiß der Leute dort und vielleicht auch durch Hilfen der EU wird der Einkommensstandard in diesen Ländern hoffentlich bald auf dem gleichen Niveau liegen wie in D.

Ich halte es natürlich auch für unfair pauschal von "faulen Südländern" zu sprechen. Verallgemeinerungen und Cliches können nichts Positives hervorbringen. Doch objektiv betrachtet, muss man meiner Meinung nach zugeben, dass die EU Hilfsmilliarden in Spanien oft für nutzlose Prachtbauten verschwendet worden sind, damit sich von der Bevölkerung gewählte (!!) Politiker ein Denkmal setzen können. Jetzt für die Krise pauschal "die" Deutschen verantwortlich zu machen und dabei Nazi Stereotypen zu gebrauchen ist wirklich das Letzte. Solche Schreier können die Idee von einem einigem Europa ad absurdum führen. Die Geschichte lehrt und außerdem, dass man wirre Schreier nicht einfach ignorieren sollte...

"Der Holocaust geht nicht auf das Konto der Deutschen.. (#150.)"

Sie mögen es ja als narzisstische kränkung empfinden, aber bei der frage des erinnerns von judenmord und vernichtungskrieg geht es nun mal nicht um die besondere gemütsbefindlichkeit von 'redukteur'.
und um es ein letztes mal zu sagen: den von Ihnen behaupteten "schuldvorwurf an die folgegenerationen" gibt es nicht! dieses konstrukt ist selbst nur ausdruck eines kollektiven schuldkomplexes.
was es allerdings gibt, ist ein historischer schuldzusammenhang, in den die deutschen wohl noch eine ganze weile verstrickt sein werden - wenn nicht im schwindenden geschichtsbewusstsein der deutschen selbst, so doch in der wahrnehmung des rests der welt.

@181 alex099: Deutschland - eine Insel des Elends?

Sie schreiben:? "welcher Gewinner? Ihr Beitrag klingt so, als wenn Deutschland eine Insel des Glücks umgeben von Armut wäre."

Ich schriebeb: "Es stünde uns gut an, die Gefühle vieler in Europa zu verstehen: Wir wurden in zwei Kriegen besiegt, die wir zumindest mit-verschuldet haben; in unserem Namen wurde verbrochen, was mit den Begriffen "Auschwitz" und "Holocaust" verbunden ist und als Menschheitsverbrechen gilt; unser Land war 1945 eine Mondlandschaft, eine Ansammlung von Bombenkratern und am Verhungern ...
Und nun sieht es so aus, als wären wir nicht die Verlierer, sondern die Gewinner des 20. Jahrhunderts."

Mein Bezugspunkt war 1945. Von dort aus bewertet, sind wir in Europa der Gewinner des 20. Jhdts. 'Wenn man es so sehen wilol, wie sie das tun, muss man schon sehr viel hineinphantsieren. Niemand konnte sich vorstellen, dass und wie das Land wieder auf die Beine kommen sollte. Dazu kaum noch die an sich unlösbare Aufgabe, etwa 10 Millionen Heimatvertriebene und Flüchtlinge aufzunehmen, unterzubringen, zu ernähren.

Trotz aller Schwierigkeiten und hässlichen Begleiterscheinungen, hat Deutschland auch das hin gekriegt, weil man sich nicht gegenseitig zerfleischte, sondern zusammenraufte. Eine unglaubliche Leistung.

Sie können sich für ihre Betrachtungsweise natürlich andere Bezugspunkte wählen und Deutschland als angefeindete Elendsinsel inmitten europäioschen Wohlstandsinsel beschreiben. Auch hier gilt: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich.

Griechenland

"Griechenland hatte wirklich unter einer dt. Besatzung, Ausplünderung und Unterdrückung zu leiden. Und das Land hat der BRD wirklich einen Teil der Reparationsforderungen erlassen."

Auch auf die Gefahr hin, mir jetzt Relativierung vorwerfen zu lassen: Aber manchmal hilft es, gewisse historische Ereignisse in Relation zu anderen zu setzen.

Zunächst einmal will ich die deutschen Kriegsverbrechen in Griechenland nicht herunterspielen. Aber man sollte auch nicht vergessen, daß das Leid, das Griechen im Verlauf ihrer jüngeren Geschichte durch Türken, Albaner, Bulgaren, Italiener oder slawische Mazedonier erfahren haben, dasjenige der relativ kurzen Zeitspanne des Zweiten Weltkriegs bei Weitem übertrifft.

Und noch vielmehr: Auch die Griechen selbst haben keine ganz unbefleckte Geschichte: Ihr Weg durch Kleinasien, als Griechenland 1919-23 seine Chance auf Verwirklichung der großgriechischen Idee sah, war mit Leichen gepflastert! Auch an praktisch allen, für ihre besondere Grausamkeit berühmten Balkan-Kriegen war Griechenland an vorderster Front beteiligt.

Für die einzelne griechische Ortschaft, die Opfer eines SS-Massakers wurde, mag es sich so darstellen, daß grausame Deutsche aus heiterem Himmel ein unschuldiges bäuerliches Dorfidyll überfielen. Aber daß Griechenland als Staat nun ausgerechnet aus dem chronischen Schuldkomplex der Deutschen Kapital schlagen will, wo es genausogut mit quasi allen Nachbarstaaten eine Rechnung eröffnen könnte, halte ich für moralisch fragwürdig.

Rechnung

Ihr Kommentar belegt auf so deutliche Weise, wie das Gehirn auf einfach auf Durchzug oder auch Rechtfertigung schaltet, wenn es um den Streit um „Schuld“ geht.
Sie machen einfach eine Rechnung daraus. Die Basis dieser Rechnung sieht so aus: das einzige Verbrechen, das sich das deutsche Volk möglicherweise hat zu Schulden kommen lassen, besteht darin, die Nationalsozialisten gewählt zu haben. Danach verstreicht jegliche Verantwortung, als habe es keinen Holocaust, keinen Zweiten Weltkrieg, keine Kriegsverbrechen etc. gegeben.

Unabhängig, wie man nun zur Frage nach der Schuld steht: dieses zwanghafte Zurückweise von Schuld ist unausstehlich.