Reiner Calmund muss sich zwischen seinem iPad und seiner Hose entscheiden, und das ist eine Situation, die ihn einen Moment lang überfordert. Beim deutschen Botschafter in Thailand ist er zum Dinner eingeladen, und er braucht dafür zwei unverzichtbare Dinge: sein iPad und seine dunkelblaue Anzughose. Aber wie soll er die Hose daran hindern zu rutschen, wenn er auch noch das iPad festhalten muss? Unschlüssig steht Calmund in der Lobby des Kempinski-Hotels Bangkok, unter säulengestützten Decken, so hoch wie in einem Kirchenschiff. Einem seiner Begleiter reicht er das iPad, sagt: »Nimm mal«, und zieht mit beiden Händen die Hose so stramm über den Bauch, dass sie ihm bis zum Botschaftsempfang gehorchen müsste. Dann watschelt er los, und seine Freunde folgen ihm.

Die Tante seiner Frau aus einer fränkischen Kleinstadt ist dabei, der Chef eines Gay-Design-Hotels an der thailändischen Küste, der in der DDR aufwuchs und dann ins Diamantengeschäft einstieg. Ein Freund des Hoteliers ist auch mitgekommen, ein ausgewanderter Heizungsunternehmer aus dem Rheinland, der Calmund gelegentlich auf seine Jacht einlädt. Calmunds bester Freund ist dabei, ein Mann, der früher Fischfabriken in Deutschland besaß und mit seiner äthiopischen Frau nach Thailand zog. Zu Calmunds Entourage gehört auch ein promovierter Kunstauktionator, feingliedrig und kultiviert, begleitet von seiner jungen, thailändischen Frau. Es ist eine kuriose Truppe, die Reiner Calmund hinter sich herzieht. Der eine weiß viel über Honeckers letzte Tage, der andere über die Sorgen der Lachszüchter.

Als Calmund und seine Freunde beim Botschafter eintreffen, werden ihnen im Palmengarten Drinks gereicht. Gleich wird der Chef des Hauses eine launige Ansprache zu Ehren des Stargasts Calmund halten, der schon 25-mal durch Thailand tourte und den Tausende deutsche Auswanderer für ihr Maskottchen halten. Für eine große Kochgala ist er gebucht worden, ein paar Fernsehtermine stehen an, das Übliche. Im April war Guido Westerwelle hier zu Besuch, jetzt ist Calmund da. Thailand ist ein strapazierfähiges Land.

Calmund fragt den Botschafter eilig nach dem Kennwort der WLAN-Verbindung, er muss jetzt ins Netz. Der Botschafter telefoniert herum und kommt schließlich mit dem Kennwort angerannt. Calmund sucht sich ein Sofa, plumpst hinein und tippt auf seinem iPad herum. Er muss noch sein Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung bearbeiten. Gerade im Hotel hat er schon eine Stunde lang daran gefeilt, ist aber darüber eingeschlafen. Es ist nicht ganz klar, ob die Fragen ihn ermüdeten oder seine Antworten.

Calmund muss wie Calmund klingen, darf aber auch nicht ständig überall dasselbe sagen. Das kann zum Problem werden für einen Mann, der seit acht Jahren nicht mehr Manager des Fußballvereins Bayer 04 Leverkusen ist, sich aber so oft zeigt, als sei er es noch heute. Calmund regierte anderthalb Jahrzehnte lang den Verein. Sobald ein Spiel seiner Mannschaft angepfiffen wurde, saß er fiebernd auf der Tribüne. Er war die Tribüne.

Der Bayer-Konzern warf ihn im Jahr 2004 raus, nachdem der Verdacht auf veruntreute Gelder aufgekommen war, angeblich 580.000 Euro. Die Staatsanwaltschaft ermittelte, stellte das Verfahren schließlich ein. Calmund hatte eine Geldbuße zu zahlen, ein Zurück gab es für ihn aber nicht. Der Konzern hatte sich mit ihm arrangiert: Kein böses Wort mehr über den anderen und eine vorzeitige Direktorenpension, die sich Schritt für Schritt erhöht, so lange, bis er 65 wird. Inzwischen ist er bei rund 10.000 Euro im Monat angekommen, Calmunds Grundversorgung. Er ist jetzt 63.

Der Tag, an dem sich der Verein von ihm trennte, hätte eigentlich der Tag seines Verschwindens sein müssen. Aber der Mann, den alle Calli nennen, tat etwas Ungewöhnliches, das ihm ganz normal vorkam: Er machte einfach weiter. Er gab Interviews, zeigte sich in Fernsehshows, er drehte auf.

Calmund hat sich auf die Umlaufbahn von Lothar Matthäus geschossen

Von dem Amt, das ihn eine Ewigkeit ausgefüllt hatte, löste er sich und verwandelte sich in eine Multifunktionsfigur, die man an Sender und Werbeagenturen verkaufen konnte: ein lustiger Kugelmensch mit Fußballverstand. Zeigt man heute irgendeinem zehnjährigen Kind aus Deutschland ein Foto von Calmund und fragt: Wer ist das?, dann wird das Kind nicht lange zögern: Calli, der Dicke aus dem Fernsehen. Aber wenn man das Kind dann fragt, welchen Beruf der Dicke hat oder welchen er hatte, dann wird es schwierig. Experte für: Kochen? Abnehmen? Zunehmen? Sport? Flugreisen? Rheinland? »Ich bin eine Mediensau«, sagt Calmund.

Er hat sich auf eine Umlaufbahn geschossen, die schon viele lose Körper aufgenommen hat. Sonja Zietlow fliegt dort herum, Axel Schulz, Dirk Bach, Brigitte Nielsen, Jürgen Drews, Sarah Connor, Boris Becker, Harald Glööckler, vielleicht bald auch Thomas Gottschalk. Hin und wieder werden sie angestrahlt, hin und wieder wird ein Licht ausgeknipst. Die Gefahr zu verglühen ist groß. Man sieht es an Lothar Matthäus, der sich mit einer Doku-Soap über sich selbst bis zur Unkenntlichkeit lächerlich gemacht hat. Im Orbit gibt es jetzt eine besonders gefährliche Stelle, die Matthäus-Finsternis. Sie hat damit begonnen, dass einer nicht aufhören wollte, sich für die Sonne zu halten. Wird Calmund auch so enden?

 Ist Reiner Calmund irre? Oder ist die Gesellschaft irre?

Die E-Mail an die Neue Osnabrücker Zeitung ist raus, Reiner Calmund sitzt auf dem Sofa des Botschafters, legt das iPad auf seinem Bauch ab und schaut an sich herunter. 160 Kilo, verteilt auf 172 Zentimeter. Er sagt: »Mich sieht man auf hundert Meter Entfernung und weiß: Das ist der Calli. Mich kann keiner doubeln.« Gleich wird im Salon der erste Gang aufgetischt, Calmund arbeitet sich empor. Als Tischdame hat ihm der Botschafter Rolf Schulze eine herausgeputzte Thailänderin ausgesucht, die 68-jährige Malinee, die sich ein kurzes Röckchen angezogen hat und weiße Nylonstrümpfe. Malinee hat einen stillen jungen Mann mitgebracht, der am Rand der gedeckten Tafel Platz nehmen muss und den sie als ihr »boy toy« vorstellt. Calmund interessiert sich für die Einzelheiten nicht, er ist abgelenkt, sein Handy piept, eine neue SMS. Ob er bald in Oberhausen auftreten könne? Unwichtig.

Malinee erzählt ihm was auf Englisch, über gebratene Hühnchen, die sie liebe. Sie höre, sagt Malinee, das Geräusch der knackenden Hühnchenbeine so gerne, und Calmund antwortet: »Soll ich dir ’nen Knochenteller bringen?« Einer muss jetzt versuchen, den Knochenteller ins Englische zu übertragen. Es ist immer das Gleiche. Die Welt mag Englisch sprechen, Arabisch oder Chinesisch, Reiner Calmund spricht Deutsch. Überall schart er einen Clan um sich, und immer ist jemand in seiner Nähe, der für ihn übersetzt.

Der Botschafter erzählt, wie er Calmund vor Jahren dabei geholfen habe, das Grab des Vaters zu finden. Calmunds Vater war in der Fremdenlegion und wurde als Soldat in Vietnam getötet, als Reiner Calmund noch ein kleiner Junge war. Petronella, die Gattin des Botschafters, seufzt. Doch die Erzählung muss unterbrochen werden, weil plötzlich ein Specht in Calmunds Jackett klopft, das Signal eines Anrufs. Calmund greift so schnell in die Handytasche wie ein Cowboy, der einen Colt zieht, und brüllt in den Apparat: »Ja?« Seine Frau Sylvia. Sie ist noch zu Hause, in Odenthal bei Köln, und will später nach Thailand kommen. »Liebchen, alles in Ordnung«, flötet Calmund.

Dann fährt der Botschafter fort mit der Suche nach dem Grab, aber er verschweigt, dass auch dieser höchst intime Moment nicht intim blieb, weil Reiner Calmund einen Reporter der Bild- Zeitung mitschleppte, der daraus eine Artikelserie machte. Ein Wettbewerb um Calmunds Reise zum Vater war ausgebrochen, zwischen dem Kölner Express, für den Calmund Kolumnen schreibt, und der Bild- Zeitung, die er nicht vergrätzen wollte. Das erste Mal war er in die Aufmerksamkeitsfalle geraten, die er sich selbst gestellt hatte. Er wollte auf der Suche nach seinem Vater allein sein, aber er fühlte sich von den Zeitungen, die er stets mit Gerüchten, halben und ganzen Nachrichten versorgt hatte, unter Druck gesetzt. Er glaubte, gar keine Wahl mehr zu haben, als den Vater dem Boulevard auszuliefern.

Als das Essen vorüber ist und die Gäste zurück in den Garten schlendern, sagt der Botschafter zu Calmund: »So wie du mit deiner Tischdame gesprochen hast, hast du gar nichts gemerkt, was?« – »Was denn?«, fragt Calmund. »Du hast gedacht, das ist eine Partynudel, oder?« – »Ja, irgendwie so was«, sagt Calmund und lacht. »Die ist Prinzessin«, sagt der Botschafter. Sie war mit einem Spitzenbeamten des thailändischen Premierministers verheiratet, auch ihr Vater war Minister. »Hat sie dir nicht die Fotos aus dem Königshaus gezeigt?«

Er hat einen Videokanal, sitzt in Talkshows, hält Vorträge, twittert

Die vielen Namen, die vielen Termine. Reiner Calmund muss sich anstrengen, nicht alles durcheinanderzuwerfen. Er hat sich in einer Fernsehsendung in einen riesengroßen Wok gesetzt und ist in einem Wahnsinnstempo durch einen Eiskanal gedonnert. Er hat bei Günther Jauch den »Iron Calli« gegeben, nach und nach 30 Kilo abgespeckt und sich bei der Quälerei von einem Filmteam beobachten lassen. Er hat an einem Halbmarathon teilgenommen, als hechelnder Walker. Er ist bei einem Radrennen, das im Fernsehen übertragen wurde, mit einem Fahrrad angetreten, das zwei Hinterräder hatte, sodass er nicht umfallen konnte. Damit kam er der Matthäus-Finsternis schon sehr nahe.

Er trat bei Zimmer frei auf, in Inas Nacht, bei Johannes B. Kerner, Sandra Maischberger, Sabine Christiansen, Jörg Pilawa, Oliver Geissen, Frank Plasberg. Er war bei TV total, Jetzt geht’s um die Wurst, Mensch gegen Tier, Sportfreunde Pocher, Giga TV, Kölle Alaaf, Wer wird Millionär?, dem Großen IQ-Test, dem Großen Deutschlandtest, der Erste Hilfe Show, dem NRW-Duell, dem Großen Ost-West-Duell, dem Spendenmarathon, dem Topfgeldjäger, bei Lafer, Lichter, Lecker, in der Teufelsküche, bei alfredissimo!, Doppelpass, dem Aktuellen Sportstudio, Kick off! und Sport im Dritten.

Er hat Vorträge gehalten bei BASF, der Industrie- und Handelskammer Südthüringen, der Jungen Union, in der Keksfabrik Bahlsen, bei der Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien, der Miss Germany Corporation, an der Universität zu Köln.

Er schloss Werbeverträge mit Fujifilm ab, Adler Moden, Nobilia Küchen, Katjes, der Brauerei Erdinger, fluege.de, Müller Milch.

Nimmt man alle Beschäftigungen zusammen und schreibt sie stichpunktartig in eine Liste, kommt man auf acht eng bedruckte Seiten mit 462 einzelnen Tätigkeiten. Vierhundertzweiundsechzig. Ist Reiner Calmund irre? Oder ist die Gesellschaft irre, der er sich unterworfen hat?

Calmund twittert, hat bei Facebook rund 34.000 Likes, bewohnt im virtuellen Spiel Second Life die Insel Calli Island, versorgt einen eigenen Internet-Videokanal mit dem Namen Calli.TV, schreibt Sportkolumnen für Tageszeitungen. Hat man ihm eine E-Mail geschickt, trifft sofort eine automatische Antwort ein. Darin steht dann: »Wenn Sie mit Calli am Ball bleiben wollen: Website: www.reinercalmund.de. Follow us: www.twitter.com/calmund. Fan werden: www.facebook.com/calmund. Abonnieren: www.youtube.com/calmundTV.«

Ein Mann, der nicht gerade blendend aussieht, kein Amt mehr hat, keine Zaubertricks vorführt und auch sonst nichts Atemberaubendes zu bieten hat, will im Showgeschäft überleben. Kann das gut gehen? Schon vor Jahren, an einem Abend in Thailand, setzte sich Calmund eine schwarze Perücke und eine Sonnenbrille auf, damit ihn niemand erkennen konnte, als er sich mit Freunden in einem Vergnügungsviertel umschaute. 1414, das ist der Code für die Bedrohung, die Calmund empfindet, wenn er auf die Straße tritt, aber unbeobachtet bleiben will. 1414, die Telefonnummer der Bild- Zeitung für ihre Leserreporter.

»Ich kann nicht Nein sagen. Gut, dass ich keine Frau geworden bin«

Inzwischen benimmt er sich wie ein Fernsehproduzent. Er sieht sofort, wenn am Set etwas schiefläuft. Als ihn in Thailand eine Reporterin aufstöbert, um im Auftrag eines deutschen Senders eine Grußbotschaft für einen Restaurantkritiker aufzunehmen, fällt Calmund an der Journalistin als Erstes auf, dass sie gar keine Kamera mitgebracht hat. »Mädchen, willst du mich malen?«, fragt er entsetzt. Schließlich nimmt er sein Smartphone, filmt sich selbst und sagt sein Sprüchlein auf.

10.000 Euro für einen Soloauftritt

Zu Hause, in Odenthal, sitzt seine 41-jährige Frau Sylvia am Computer und sucht für ihn die interessantesten Termine aus, die meisten Anfragen lehnt sie ab. »Ich nehme zu viel an«, sagt Reiner Calmund, »gut, dass ich keine Frau geworden bin. Ich kann nicht Nein sagen.« Sylvia sagt »wir«, wenn sie von ihrem Mann spricht. Wir müssen auswählen. Wir machen jetzt weniger. Reiner und Sylvia sind eine GmbH.

Als er Sylvia heiratete, seine dritte Frau, geschah das am Nachmittag desselben September-Tages 2003, an dem er sich morgens von seiner vorherigen Frau hatte scheiden lassen. Es war eine typische Calmund-Aktion. Während der Fahrt zum Standesamt sammelte er noch rasch einen Trauzeugen auf, dem keine Zeit mehr blieb, sich fein zu machen, und der dann in seinem blauen Trainingsanzug neben dem Brautpaar stand. In den Flitterwochen fuhren sie nach Florida, auch Calmunds fünf Kinder aus den ersten beiden Ehen, seine zwei Schwiegersöhne und drei Enkel durften mit.

»Meine Frau riecht nach Leder«, sagt Calmund. Früher war sie eine seiner Assistentinnen im Fußballverein. Sie war ein Fan der Mannschaft, auch sein Fan. Das ist sie geblieben. Sie bewundert ihn für seine Auftritte, fürchtet aber selber das Scheinwerferlicht. Als die beiden gemeinsam in der Fernsehshow Mein Mann kann auftreten sollten, weigerte sich Sylvia.

Sie bereitet Verträge vor, organisiert, kassiert. 10.000 Euro berechnet sie meist für einen großen Soloauftritt ihres Mannes. »Vieles bei ihm funktioniert über mich«, sagt sie. Noch nie habe er eine Veranstaltung ausfallen lassen müssen, keine einzige, sagt Reiner Calmund. Und er fügt hinzu: »Danke schön, lieber Gott.« Egal, wo er gerade ist, Sylvias Terminauslese erscheint auf dem elektronischen Kalender in seinem iPad. Manchmal, sehr selten, steht da auch: »Pause«. Reiner wird um die Welt geschickt, Sylvia drückt die Knöpfe auf der Fernbedienung. Er verirrt sich sonst auf seiner Umlaufbahn.

An einem Morgen in Bangkok hat Calmund angekündigt, um neun am Frühstückstisch im Hotel zu sitzen, aber er taucht nicht auf. Sich mit ihm fest zu verabreden ist eine Gleichung mit mehreren Unbekannten. Selten geht sie auf. Möglich, dass er den Hotelmanager getroffen hat und mit ihm abgezogen ist. Denkbar, dass das Team vom thailändischen Fernsehen ihn vor seinem Zimmer abgefangen hat. Gerne lässt er sich von Menschen ablenken, die ihn ansprechen. Einer, der vor ihm steht und ihn anschaut, hat es viel leichter, Calmund für sich zu gewinnen, als einer, der sich in einer E-Mail versteckt.

Ruft man schließlich auf Calmunds Handy an, meldet sich ein junger Mann mit dem Namen Diego, der sagt, er sei eigentlich Dolmetscher im Hospital Bangkok, habe aber jetzt den Auftrag, Calmunds Handy beim Aufladen zu bewachen, der Akku sei wieder leer. Eigentlich hatte sich Calmund vorgenommen, den Morgen in Thailand zu beginnen wie andere Menschen auch: aufstehen, zur Toilette gehen, später vielleicht das Handy anschalten. Aber er hat es nicht hingekriegt. Er ist aus dem Bett gestiegen, hat nach dem Telefon gegriffen und sofort wieder endlos geredet. Eine Versicherung will Calmund für ihren »Club der großen Akquisiteure« auf Malta buchen. Der Sohn von Winnie Schäfer, dem Trainer der thailändischen Fußballmannschaft, will einen guten Sitzplatz bei Calmunds Kochgala am Abend. Der stellvertretende Bürgermeister der Stadt Saarlouis will irgendwas in Sachen Calmund bloggen. Ein Waisenhaus bittet um Hilfe. So geht es den ganzen Tag. Es sei denn, das Schicksal erbarmt sich und das Handynetz bricht zusammen.

An einem Abend im April dieses Jahres wurde Calmund im Theater Trier erwartet. Selten waren die Karten so schnell ausverkauft, sogar der Intendant staunte. Kompetenz und Leidenschaft hieß Calmunds Vortrag, er hat einen Baukasten mit Stichpunkten, den Vortrag hält er mühelos und oft. Die Botschaft ist: Wenn du mitreißend bist, dann gewinnt auch dein Team. Calmund hat eine Geste entwickelt, die alles zusammenfasst. Er steht dann auf der Bühne, reißt die Arme empor und ballt die Fäuste, holt tief Luft und brüllt ins Publikum: »Leidenschaft!« Er betont es auf seine rheinische Art, mit einem langen, schmutzigen E, dann klingt es noch sehr viel leidenschaftlicher.

Hin und wieder stellt er sich dümmer, als er ist. Er hat das Spiel durchschaut

600 Menschen hören ihm in Trier gebannt zu. Der Marketingklub hat eingeladen, viele Unternehmer und leitende Angestellte sind gekommen, gut gekleidetes, westdeutsches Establishment. Calmund zeigt einen Film, in dem er die Hose verliert. Es ist der Auftakt zu einer Entblößung, die in Wahrheit keine ist, weil der Entblößende mit ihr spielt. Im Publikum wird gejuchzt und gejohlt. So ist es in Trier, in Düsseldorf, in Dresden, in Wiesbaden, zwölf Monate im Jahr, die Säle sind voll. Calmund ruft ins Publikum: »Wenn du Erfolg hast, kannst du den größten Scheiß machen. Ist egal.« Danach geht es um den ehemaligen Fußballtrainer Udo Lattek, der auf den Bürgersteig scheißen könne, und jeder Passant würde begeistert rufen: »Was für ein Riesenhaufen!« Calmund zitiert Luther, Churchill, Mario Barth.

Er ruft: »Stimmung ist das A und O!«

»Ohne Leidenschaft bist du nur eine intelligente Schlaftablette!«

»Ich bin am Teller noch besser als am Herd!«

»Ich schwitze, weil ich abgehe!«

Danach schreibt er Autogramme in sein Buch fußballbekloppt. Eine Schlange hat sich vor dem Tisch gebildet, an dem er signiert. Jedem schreibt er etwas Persönliches ins Buch, spricht Geburtstagswünsche in Videokameras, es nimmt kein Ende. Er schaut sich jeden, der vor ihm steht, genau an und versucht einen Scherz zu finden, der zu dem Menschen passt. Man könnte die Leidenschaft noch für einen Trick halten, wenn man allein sein Bühnenprogramm verfolgt. Aber man nimmt sie ihm ab, sobald man beobachtet, wie er Widmungen in Bücher schreibt, zwei Stunden lang, ohne Unterbrechung, heiser lachend, sich über Zuspruch freuend wie ein Kind. »Herr Calmund, Sie waren großartig«, sagt die Chefin des Marketingklubs. »Ich könnte auch noch asozialer«, antwortet Calmund übermütig. »Nein, nein, war schon ausreichend.«

 Acht Hemden in zwei Tagen durchschwitzen

Fragt man die Marketingfrau, warum sie Calmund eingeladen hat, erwidert sie: »Man hört ihn gerne reden. Und er gibt einem Hoffnung, wegen der eigenen Fehler.« Viele Menschen in Deutschland haben sich auf die Suche nach einem perfekten Leben gemacht, ökologisch korrekt, politisch korrekt, sprachlich korrekt, in den Umgangsformen korrekt. Der Fehler ist zu einem Feind geworden in einer Gesellschaft, die sich Fehler immer weniger verzeiht. Das perfekte Leben bedeutet: Man isst bewusst, trinkt bewusst, spricht überlegt, geht früh schlafen und steht früh auf, treibt regelmäßig Sport, am besten gut bekömmlichen Ausgleichssport, nicht Hammerwerfen. Ein perfektes Leben lässt die Sünde nicht zu, das macht es so anstrengend. Ständig läuft irgendwo ein Korrekturprogramm. Über einen seiner Bekannten, dem schon schwindelig werde, sobald der kleinste Anschein eines persönlichen Fehlverhaltens entstehen könnte, sagt Calmund verständnislos: »Der verfolgt sich selbst.«

Das perfekte Leben braucht ein Ventil, irgendjemand muss die Entspannung organisieren, den Aufschrei, die Zoten. So bietet sich ein Drei-Zentner-Mann als Erleichterung an. Als Versöhnungsonkel gastiert er in den Lichtspielhäusern und Baumärkten der tugendhaften Republik und stellt seine Gewöhnlichkeit zur Schau. Er muss nur dastehen, die Umrisse reichen. Jeder, der ihn wie eine Boje schaukeln sieht, weiß sofort: Bei dem ist gewaltig was schiefgelaufen. So sieht es aus. Aber vielleicht ist in Wirklichkeit alles richtig gelaufen. Die Boje ist zwar aus der Form geraten, aber sie ist bester Laune. Das kann eine erlösende Nachricht sein für all die Menschen, die sich freudlos an ihren Schwächen abarbeiten.

Hin und wieder stellt sich Calmund dümmer, als er ist, weil die Geschichte vom dicken Trottel überall gut ankommt. Calmund studierte Betriebswirtschaft, er war ein durchtriebener Sportmanager. So einer hat verstanden, wie das Spiel läuft. Als er Rudi Völler, den heutigen Sportdirektor von Bayer 04 Leverkusen, als Nachwuchsmanager zu sich holte, brachte er dem Neuen einen Trick bei, den er »Good Guy, Bad Guy« nannte. Gemeinsam fuhren sie nach Brasilien, um dort Spieler zu kaufen. Drohte das Geschäft am Preis zu scheitern, sprang Calmund auf, warf mit Akten um sich, lief raus und schrie, er werde sofort zurückfliegen. Völler musste dann so tun, als besänftige er seinen Boss, und holte ihn an den Verhandlungstisch zurück. Mit Drehbüchern kannte sich Calmund schon immer aus.

Wird er heute böse, dann war die Herabsetzung, die er empfunden hat, meist so verletzend, dass sie seinen Geschäftssinn, der mit seinem Frohsinn eine Einheit bildet, außer Kraft gesetzt hat. Dem ironisch juxenden Günther Jauch, der auf Calmunds Qualitäten im Bett angespielt hatte, erzählte er einmal vor laufender Kamera, dass mehr Frauen auf einen lebendigen Dicken wie Calmund stünden als auf den knochigen Jauch. Der Gegenschlag hat Jauch sprachlos werden lassen und auch Calmund überrascht. Calmund langweilt sich manchmal, aber nicht mit sich selbst.

»Justina!«, ruft er ins Theaterfoyer, und die Aushilfsassistentin Justina eilt zu ihm, eine große, schlanke Frau. Eigentlich ist sie Chefsekretärin in der Redaktion der Fußballzeitung Kicker in Köln. Calmund hat sie sich ausgeliehen, als seine Assistentin krank wurde. Sie war vollkommen erschöpft. »Wenn du für Calli arbeitest, freust du dich aufs Sterben.« So, sagt er, reden manche seiner Assistentinnen über ihn.

Justina hat sich um Calmunds riesengroßen Koffer zu kümmern, da ist alles drin. Es kann passieren, dass er in zwei Tagen acht Hemden durchschwitzt. Am nächsten Morgen muss er zum Audi-Star-Talk nach München, ein Interview am Tegernsee geben, bei einer Pharmafirma vorbeischauen. Danach findet auch noch was statt – was genau, hat er vergessen.

Er vervielfältigt sich hemmungslos. In einem Zickzackkurs gräbt er sich durch die Welt, und er reist genauso, wie er spricht. Innerhalb eines einzigen Atemzugs ist er in der Lage, von Eva Köhlers Opa zu Madonnas IQ und Müller-Wohlfahrts Wunderpillen zu gelangen. Man fragt sich, wann ihm die Luft ausgeht.

Reiner Calmund sitzt im Besprechungsraum eines Sky-Fernsehstudios in München-Ismaning und telefoniert. Die meisten Leute schauen beim Telefonieren stur in eine Richtung, Calmund schwenkt seinen Kopf wie eine Panoramakamera von rechts nach links, von links nach rechts. Alle sollen ruhig mitkriegen, dass er gerade den 1. FC Köln vor dem Untergang rettet.

Franz Beckenbauer betritt das Studio und erzählt was vom Golfplatz

Noch ist die Fernsehrunde nicht komplett. Franz Beckenbauer, »der Franz«, flüstert ein Assistent des Senders, werde gleich eintreffen. Der jugendliche Claus Strunz ist schon da, ein ehemaliger Chefredakteur, er sagt oft: »Spannend.« Das bleibt sein wichtigster Wortbeitrag, er durchschreitet federnd den Raum und findet alles »spannend«, »total« oder »absolut«. Während Calmund in sein Handy brüllt, der Vorstand in Köln müsse den Arsch zusammenkneifen, den Arsch, wispert der Assistent des Senders: »Wie der Franz seinen Kaffee will, weiß ich seit 35 Jahren. Die richtige Dosis Milch, die kenne ich.«

Dann taucht Franz Beckenbauer auf, und dass er der Kaiser ist, erkennt man schon daran, wie leichthändig er mit dem randvollen Kaffeebecher den Raum durchquert und nichts verschüttet. Er trägt eine seidig schimmernde Hose aus rotbraunem Feincord, ein strahlend weißes Polohemd und ein schmales Jackett. Sein Gesicht ist braun gebrannt. Minutenlang lehnt er bewegungslos an der Fensterbank und entfaltet sein angedeutetes Lächeln. Der Kaiser steht, Calmund sitzt.

Calmund bewundert Beckenbauer, weil der immer so aussieht, als strenge es ihn nicht an, seinen Ruhm zu bewahren. Alles wird ihm verziehen, kein Makel bleibt an ihm haften, nicht mal die Nachricht von einem unehelichen Kind. Durch nichts muss der Kaiser seinen Anspruch auf den Thron neu beweisen, durch keine unvorsichtige Aktion sein Image riskieren. Calmund ist da ganz anders. Er legt sich ins Zeug. Der kleine Schweißfleck auf Calmunds Hemd ist etwas größer geworden.

Beckenbauer sagt, er sei gerade aus Salzburg gekommen, das Wetter dort sei zu ihm freundlicher gewesen als das in München, wo der Nieselregen einsetzt. Auf die Sonne muss er sich verlassen können, er spielt oft Golf. Auf dem Golfplatz in Neuss habe er Rainer Bonhof und Berti Vogts getroffen. Calmund erzählt, dass sich die beiden wieder vertragen haben. Beckenbauer sagt, ihm sei ganz entgangen, dass die sich gestritten hätten.

 Er spricht mit einem Vorstandschef wie mit einem Hilfsarbeiter

Calmund erinnert sich an Brasilien, wo ihn das Geräusch eines anspringenden Kühlschranks aus dem Schlaf gerissen habe, so nervös sei er gewesen, damals, als Fußballmanager. Calmund berichtet von Geldkoffern, die zuerst voll waren und am Ende leer. Beim Gestikulieren fällt ein Konfettischnipsel aus Calmunds Jackett und segelt zu Boden. Beckenbauer befeuchtet die Kuppe seines Zeigerfingers, bückt sich, tippt auf den Schnipsel und legt ihn mit dem abgespreizten Finger im Papierkorb ab.

Calmund erzählt von südamerikanischen Spielerberatern, die Geld kassierten, das vermutlich nicht in ihren Büchern auftauchte. Beckenbauer hört ihm vergnügt zu und sagt bloß: »Da kann ich gar nicht mitreden, so was habe ich ja nie gemacht.« Dann lachen sie beide.

Calmund wird jetzt ins Fernsehstudio gerufen, Beckenbauer bleibt noch zurück. Jemand will einen O-Ton von ihm, er soll sich bitte an einen ehemaligen Spieler anekdotenreich erinnern. Beckenbauer nickt stumm, wendet sich ab, dann sagt er: »Immer wollen s’ nur was von früher von mir.«

Nach der Sendung wartet Calmund darauf, dass sich Beckenbauer für ihn Zeit nimmt. Beckenbauer steckt noch im O-Ton fest, ist aber schon im Jahr 1975 angekommen. Calmund beobachtet ihn von der Seite, die gazellenartigen Beinchen. »Der wird immer dünner«, flüstert Calmund, »und ich immer dicker.« Als Beckenbauer endlich Zeit hat, fragt ihn Calmund: »Kannst du jetzt ein paar Sätze für meine Kocharena sagen?« Beckenbauer stutzt. Dann fragt er amüsiert zurück: »Da wird gekocht? Im Fernsehen?« – »Franz, ich hole gegen den Tatort sieben bis acht Prozent Quote«, beteuert Calmund. Nicht jetzt, erwidert Beckenbauer, vielleicht klappe es in ein paar Tagen. Als Beckenbauer schon fast draußen ist, ruft Calmund ihm noch einen Terminwunsch hinterher. Der Kaiser dreht sich nicht mehr um, aber er winkt.

Calmund macht sich auf den Weg nach Stuttgart, zum SWR. Er hat schon wieder eine neue Aushilfe, die ihn zu organisieren hat, diesmal eine kräftig gebaute, die er »dat kleene Pummelschen« nennt. Die andere Assistentin hat sich noch nicht erholt. Ein Chauffeur fährt in einer Phaeton-Limousine vor, die zwölf Zentimeter länger ist als das Standardmodell. Der Vorstandschef von Volkswagen, erzählt Calmund, habe zu ihm gesagt: »Jetzt probieren Sie den mal.« Enge Autos sind ein Problem für ihn, im Flugzeug muss er vor dem Anschnallen oft um eine Gurtverlängerung bitten. Jetzt wuchtet er sich auf den Rücksitz des Wagens, dat kleene Pummelschen darf ausnahmsweise vorn sitzen, muss aber die Terminlage im Auge behalten.

Calmund ist erschöpft, seine Sätze hüpfen nicht mehr, die Pointen bleiben aus. Es entsteht einer der seltenen Momente, in denen er sich auf ein ernsthaftes Thema einlässt, das sich nicht mit einem Gag wegwischen lässt. »Mich beschäftigt was«, sagt er. Die Nachricht, dass der frühere Manager des FC Schalke, Rudi Assauer, an Alzheimer erkrankt ist, habe ihn sehr getroffen. Bloß nicht bei mir dasselbe, sagte sich Calmund. »Ich bin ein Feigling. Ich gehe schon zum Arzt, wenn ich auf dem Monitor im Studio sehe, dass bei mir die Halsschlagader anschwillt.«

In einem Cadillac gleiten Calmund und seine Freunde durch New York

Calmund hat sich zu seiner eigenen Datenbank ausgebaut. Man könnte ihn nachts wecken und fragen, wie viele Heimspiele Hertha BSC in der vergangenen Bundesligasaison gewonnen hat, und er wüsste es sofort: vier. Er kann die Rezepte von Spitzenköchen Zutat für Zutat rezitieren und weiß, an welcher Stelle das Zitronengras in die Suppe muss. Er kennt die Formel auswendig, mit der man Fahrenheit- in Celsius-Grade exakt umrechnet, er kennt den Geburtstag des früheren Skispringers Jens Weißflog, und ihm ist klar, dass die Dorade ein zweigeschlechtliches Wesen ist. Das alles kommt ihm in Quizsendungen zugute, und es scheint nur eine Methode zu sein, um dem Publikum zu gefallen. In Wahrheit, sagt er, »habe ich Angst vor dem Vergessen. Deswegen merke ich mir alles.«

»Ach«, ruft Calmund plötzlich auf der Fahrt nach Stuttgart und deutet nach vorn, »dat kleene Pummelschen!« Die Assistentin hat die Augen geschlossen und atmet seelenruhig. »Nicht mehr belastbar, die Jugend«, sagt Calmund, klappt sein iPad auf und studiert die Ergebnisse der 2. Bundesliga. Danach schläft er selbst ein, wacht nach wenigen Minuten auf und schlackert mit dem Kopf. Ist das sein wunder Punkt, die Erschöpfung?

Es ist ein heißer Augusttag in New York, als Calmund in seinem voll klimatisierten Hotel am Central Park eintrifft. Er hat seine Frau mitgebracht, ein paar Freunde, insgesamt sechs Leute, die kleine Entourage. Beckenbauer flog mal in einem Helikopter über New York, weil er die Stadt kennenlernen wollte, das hat Calmund beeindruckt. Beckenbauer fängt immer oben an, wo Calmund unten anfangen muss. Beckenbauer schwebt, wo Calmund wühlen muss, das sind zwei gegensätzliche Methoden der Fortbewegung. Aber es ist nicht gesagt, dass Calmunds Methode mehr Kraft kostet. Beckenbauer muss ständig seine Selbstbeherrschung optimieren, um abheben zu können. Calmund bleibt am Boden und optimiert seine Kochrezepte.

Am Empfang des Hotels bestellt er einen SUV, inklusive Fahrer. Er war schon oft hier, kennt sich aus. In einem schwarzen Cadillac gleitet er mit seinen Freunden durch die Straßen. New York ist ein einmaliger Ort im Leben des Reiner Calmund, niemand dreht sich nach ihm um. Es gibt hier Menschen, die jedem Passanten jeden Morgen zum Geburtstag gratulieren. Es gibt Menschen, die sich verkehrt herum aufs Mountain Bike setzen, die Fifth Avenue herunterrollen und Heartbreaker singen. Was ist da schon bemerkenswert an einem Rheinländer, der in sein klopfendes Handy ruft: »Sie wolln wat wegen Kuschelrock?«

Man könnte Reiner Calmunds Leben von New York aus erzählen, von einem thailändischen Strand aus, vom Rheinufer aus, und es kämen unterschiedliche Geschichten zusammen, die sich an einem Punkt kreuzen. Warum verglüht er nicht wie all die anderen, die so lange im Orbit kreisen?

Reiner Calmund mag Menschen, und viele Menschen mögen ihn. Das liegt auch daran, dass er sich nicht verstellt. Er spricht mit einem Vorstandschef kaum anders als mit einem Hilfsarbeiter. Er verachtet seine Zuschauer nicht. Oft spricht er anerkennend über Menschen, ein hartes Wort rutscht ihm selten heraus. Meist nimmt man ihm ab, was er behauptet, weil er bereit ist, sich selbst aufs Spiel zu setzen.

Als Fußballmanager musste er mehrmals das Stadion verlassen, um sich vor einer Herzattacke zu schützen. Er aß den Kühlschrank leer, wenn er nicht wusste, womit er seine lodernden Gefühle ersticken konnte. Er ließ sich vor dem Abpfiff eines wichtigen Spiels aus der Stadt fahren und wartete dann auf einem Autobahnparkplatz, schloss die Augen, zählte die Sekunden und wagte lange nicht, sich die Fußballergebnisse im Radio anzuhören. Wollte eine seiner Töchter früher herausfinden, wo im Haus der Vater war, ging sie einfach der langen Telefonschnur nach. Am Ende der Leitung saß immer er. Fußball. Essen. Telefonieren. Damit hat er der inneren Unruhe eine Richtung gegeben.

In New York steigt er auf die Queen Mary 2, das Kreuzfahrtschiff, auf dem er aus seinem Buch vorlesen soll. Ob sein Handy auf hoher See funktionieren wird? Wohl kaum. Wahrscheinlich wird auch das Internet nicht reibungslos laufen. Trotzdem hat Calmund seinen Laptop mitgenommen. Es könnte ja sein, dass er nicht schlafen kann. Die Kabinen sind eng, und nachts hört man von draußen keine vertrauten Geräusche mehr. Sollte er wach liegen, wird er den Laptop hochfahren und hinüberblinzeln. Alles in Ordnung, die Welt ist im Lot. Es ist das beruhigende Leuchten des Bildschirms, das ihm diese Gewissheit bringt.