Social MediaDas Netz lernt Küssen

Bislang brauchte man zum Küssen zwei Körper. Doch was tun, wenn der Freund oder die Freundin in Tokio sitzt? Dafür gibt's nun den Online-Knutschroboter "Kissenger". von 


Beim Knutschen gab’s bislang klare Regeln: Man brauchte wenigstens zwei Personen, die physisch nah beieinander sind. Sonst wurde nichts aus dem Vergnügen. Das Küssen war Körper pur. Ohne ihn ging nichts. In unserer digitalen Zeit, in der Altenheime mit Roboterrobben und Roboterbabys versorgt werden, damit die alten Menschen sich an sie kuscheln können, und in der die Jugend voll verkabelt durch die Straßen rennt, war das natürlich ein Affront: Wir jetten doch die ganze Zeit von einem Ort zum anderen und sehen unseren Partner kaum, wie kann das sein, dass wir ihn noch nicht mal über unser iPhone knutschen können, schienen die Totalvernetzten in die Welt zu schreien.

Ein Glück, dass Hooman Samani die Rufenden erhört hat. "Kissenger" heißt die Erfindung des Professors für Robotertechnik an der Staatlichen Universität von Singapur, die seit einigen Tagen, mit großem Freudenjuchzen bedacht, durchs Netz wabert und aussieht wie ein aufgeblasenes Tamagotchi mit Schnäuzermund.

Anzeige

Jeder kann den Kissenger, eine Wortzusammensetzung aus kiss wie Kuss und messenger wie Überbringer, mit einem USB-Kabel an seinen Computer anschließen. Und wenn der Freund oder die Freundin in Tokio sitzt und das gleiche Gerät hat, dann kann das Knutschen beginnen: Lippen auf den überdimensionalen Mund aus Silikonpolstern drücken, und schon schießt der Kuss, zerstückelt in Druck und Vibration, durchs Internet zum Partner-Kissenger.

Der Zungenkuss geht noch nicht

Einmal davon abgesehen, dass es bislang nur das Basismodell gibt – noch befindet sich der Kissenger in der Testphase, und so tolle Dinge wie Zungenküsse bleiben wohl weiterhin der virtuellen Welt verwehrt –, hat das neue Gerät für unsere bindungsscheue Gesellschaft einige Vorteile: Vielleicht-Verknallte können mit dem Kissenger unverbindlich testen, ob sich das Küssen überhaupt lohnt; Vielknutscher müssen nicht mehr in die Disco gehen, sie können sich ein Knutschadressbuch anlegen und ihre Favorites speichern. Für Fremdknutscher wird das Leben auch einfacher: Wenn der Partner überraschend reinkommt, kann so ein Kissenger viel schneller im Schrank verschwinden als jeder echte Knutschpartner.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Wells Roman hat uns schon eigeholt. Und bald holt uns die Matrix ein. Das schlimme daran, viele wollen da freiwillig rein....völlig daneben.

  2. George Orwell natürlich und nicht Wells :-(

  3. Die Idee wurde schon in der Fernsehserie Big Band Theorie sehr lustig in Szene gesetzt. Würde mich nicht wundern, wenn das der Anstoß für diesen "Roboter" war.

  4. gab es schon als Cyberanzug, mit entsprechenden Teilchen für Mann und Frau. Wurde aber kein Renner!

  5. Technisch gesehen eine nette Spielerei, aber ernsthaft zum Küssen nutzt das vermutlich kein Mensch.
    Ich würde mir jedenfalls etwas deppert vorkommen, wenn ich so ein Plastikschweinchen knutschen würde und umgekehrt das Ding anfängt lautstark an meinen Lippen zu vibrieren.

    Etwas lustiger, aber wahrscheinlich viel zu teuer finde ich die kleinen Robo-Figuren von denen.
    http://minisurrogate.lovo...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Internet | Partnerschaft | Liebe
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service