Vanitas-Shooting auf dem Friedhof Père Lachaise. Das Model lehnt an einer Grabskulptur. Der Fotograf hechelt: »Beauty, beautiful« – wie Modefotografen das im Kino so machen. Da kommt ein kleines grünes Monster herbeigetanzt, ein gnomiger wilder Wicht zwischen Catweazle, Ian Anderson und Hausmeister Willy, und sofort schalten Fotograf und Assistentin um. Mit der gleichen bescheuerten Hektik, mit der sie eben noch die Schönheit beschworen haben, stammeln sie jetzt: »Weird, weird, he’s so weird!« Ob er wohl für ein Foto zur Verfügung stünde, ob er Diane Arbus kenne, fragt die Assistentin. Er wisse schon, so eine La belle et la bête- Szene wolle man mit ihm und dem Model schießen. Da verschluckt das kleine fiese Vieh die Hand der schreienden Assistentin, schultert die Schöne und verschwindet mit ihr in die Kanalisation.

Dies ist nicht der einzige Moment, in dem Holy Motors von Leos Carax seinen raunend verrätselnden Gestus aufgibt und sich über sich selbst lustig macht. In der Tat: In diesem Film, den die französische Kritik in Cannes als Sensation feierte, werden Schönheiten und Schauwerte aufgefahren, aber letzten Endes ist weirdness in der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie reizvoller als Schönheit. Deswegen will sich Carax auch bis zum Ende nicht ganz entscheiden, ob er dem existenzialistischen Großrahmen seines Gothic-Märchens das letzte Wort überlässt – sind wir nicht alle Schauspieler, die immer wieder dieselbe Rolle spielen müssen? Oder ob letztlich die Witze triumphieren sollen, die er sich über den Tiefsinn und den melancholischen Ton erlaubt, den ja er selbst die meiste Zeit anschlägt.

Mal wieder hat Carax seine Lieblingsarchitektur am nördlichen Seine-Ufer und einige andere Pariser Orte in den Mittelpunkt eines Films gestellt, der ansonsten ganz einem Schauspieler gewidmet ist: Denis Lavant. Darum stellt sich auch schnell der Gedanke ein, dass die angedeutete Handlung – Lavant verkörpert einen Mann, der in einer weißen Stretchlimo durch die Gegend kutschiert wird, ständig vor einem Backstage-Spiegel aufwendige Masken anlegt und dann in der Wirklichkeit irgendwelche hochexzentrische oder auch ganz normale Rollen verkörpern muss – eben mal wieder eine Allegorie auf den Schauspielerberuf vorstellen soll. Passenderweise heißt die Figur schon nach einer in diesem Beruf vergebenen Auszeichnung: Monsieur Oscar.

Garniert ist diese Allegorie mit gar nicht immer unhübschen Ideen über urbanen Verfall und fehlende Rückzugsbereiche in unserem Alltagsleben. Wenn es ernst wird, suppt der Film aber in bestenfalls semi-sympathische Durchgeknalltheiten wie diese: Der Entführer des Anfangs entkleidet nicht etwa das keinerlei Widerstand leistende Model, sondern verhüllt es immer mehr, bis es schließlich einen veritablen Hidschab vor dem Gesicht hat. Achtung, Umkehrung allfälliger französischer Verschleierungsdiskussionen! Dann legt sich der seinerseits nun nackte Kobold zu der muslimischen Maria, die ihn hält wie eine Pietà, nur dass er eine gewaltige Erektion vorweist. Man denkt an Alain Badious undialektische Quatschidee, die Verschleierung von Frauen sei antikapitalistischer Widerstand gegen die Pornografisierung der Gesellschaft. Und man fragt sich, ob Carax hier gerade vehement widerspricht oder gerade nicht. Oder ob sich hier nicht einfach eine große Unausgegorenheit als Ambivalenz der Kunst verschleiert. Denn leider sind auch die Lavant auf den Leib geschriebenen Kühnheiten von den üblichen hundertjährigen Plattitüden über den Schauspielerberuf umstellt: dass etwa das reale Leben erst recht eine Bühne darstellt, von der wir eines Tages abtreten müssen. Diese Dürftigkeiten werden dadurch nicht besser, dass sie unlogisch und widersprüchlich erzählt werden; sie treten allerdings dadurch in den Hintergrund, dass der irre Vogel Lavant den Vordergrund restlos zuspielt.

Zum Lavant-Vehikel werden die perlenkettenartig aneinandergereihten »Verabredungen« des Wesens aus der weißen Limousine auch dadurch, dass bei den meisten Performances die körperlichen, zumal bodenturnerischen Fähigkeiten des Drahtigen im Mittelpunkt stehen. Einmal muss er in einem Spezialanzug auf einer Spezialbühne die Daten für die Körpersimulation elektronischer Bilder liefern, indem er irre Kunststücke vorturnt – und dabei natürlich viel toller aussieht als die 3-D-Monster, für deren Bewegungsabläufe hier die digitalen Daten gesampelt werden.

Dass Menschen und ihre Körper obsolet zu werden drohen, wird hier häufiger bedauernd angeschnitten. Dabei ist die Diagnose natürlich so auch falsch: Als Schauwerte und Schamvehikel werden echte Menschen umso wertvoller, je weniger man in seinem digitalen Alltag direkt mit ihnen zu tun hat; je mehr elektronische Telefonauskunftstimmen, desto mehr Reality-TV. Lustig wird diese Meinung zusammen mit anderen irren Ideen im Carax-Kopf erst in ihrer seltsamen Simulation von Zu-Ende-Denken: Auch Motoren und überhaupt alles Große und Ausgedehnte sollen angeblich gerade abgeschafft werden. Weswegen nun auch Autos sich nachts kulturpessimistische Gedanken machen und dazu mit ihren Bremsleuchten blinzeln.

Gegen einen kleinen Bilderbogen mit an den Haaren herbeigezogenen Bildern und zuweilen sehenswerter Performance-Art von Meister Lavant (assistiert von unter anderem Michel Piccoli und Kylie Minogue) wäre also nicht viel zu sagen, zumal der dunkle Bilderstrom sich mit seinem freiwilligen und unfreiwilligen Humor vor sich selbst retten kann – aber zu selten: Das Gewicht der auf zu viele Szenen und Stadtblicke gelegten Perspektive tiefer, spätabendlicher Absacker-Einsichten hängt insgesamt dann doch zu schwer an Holy Motors.